Gelsenkirchen

Gelsenkirchen: „Hier ist Asiland!“ Anwohner stöhnen über Elend in Schalke – dieser Berg irritiert alle

Gelsenkirchen-Schalke: Büdchen-Besitzer Magret und Dieter Hornich sind fassungslos über den Verfall ihres Viertels.
Gelsenkirchen-Schalke: Büdchen-Besitzer Magret und Dieter Hornich sind fassungslos über den Verfall ihres Viertels.
Foto: Alexander Keßel / DER WESTEN

Gelsenkirchen. Donnerstag halb zehn in Gelsenkirchen-Schalke. Ein warmer Spätsommermorgen. Die Sonne scheint. Ein paar Vögel zwitschern. An einem Fahnenmast an der Grillostraße hängen drei Flaggen. Ganz oben thront der S04, darunter die deutsche und eine serbische Fahne – ein Zeichen des Miteinanders.

Auf der anderen Straßenseite plötzlich dieses Bild: Ein Berg, der auf diesem Rundgang durch Gelsenkichen-Schalke die Gemüter immer wieder erhitzen wird. Einem Viertel, das weit vor seinem gleichnamigen Fußballverein abgestiegen ist.

Müll, Fäkalien und Ratten sind das eine, worüber Anwohner nur noch den Kopf schütteln. Der Umgang miteinander auf der Straße bringt viele hier an den Rand der Verzweiflung.

Gelsenkirchen-Schalke: Anwohner erklärt - „ Bin froh, dass ich bald nicht mehr bin“

Sie beschreiben Zustände, die schwer zu fassen sind. Zustände, die in letzter zeit häufig bemerkt worden sind. Als erstes laufen wir Kirstin (49) über den Weg. Kurzhaarfrisur, tätowierte Unterarme, Hund an der Leine, Krebsdiagnose. „Ich habe vielleicht noch ein Jahr und bin auch froh, dass ich bald nicht mehr bin“, sagt sie.

Trinker, Arbeitslose und junge Poser, die die Motoren ihrer dicken Karren in der 30er-Zone aufheulen lassen. „Die hupen nachts um 3 Uhr die Leute aus ihren Wohnungen, statt einfach zu klingeln“, berichtet sie.

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Das ist die Stadt Gelsenkirchen:

  • Stadtteil Buer 1003 erstmals urkundlich erwähnt
  • rund 260.000 Einwohner, fünf Stadtbezirke und 18 Stadtteile, elftgrößte Stadt in NRW
  • Heimatstadt des Bundesligisten FC Schalke 04
  • Wahrzeichen unter anderen: Zoom Erlebniswelt, Wissenschaftspark Rheinelbe, Sport-Paradies
  • Oberbürgermeisterin ist Karin Welge (SPD)

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Das Ausmaß der Respektlosigkeiten mache ihr sehr zu schaffen. „Hier ist Asiland“, fasst sie zusammen. Aufs Bild will sie nicht, man solle lieber den Berg auf der gegenüberliegenden Straßenseite ablichten.

Seniorin aus Gelsenkirchen-Schalke: „Muss ich mich wirklich als deutsche Hure bezeichnen lassen?“

Andere möchten nicht einmal ihren Namen nennen. So wie eine 73-Jährige Dame, die im Hauseingang ihrer Schwiegertochter steht. Sie sei in Schalke groß geworden, habe alle Generationen der sogenannten Gastarbeiter mitbekommen und geschätzt.

„Mir ist egal, wo die Leute herkommen. Mir ist nur wichtig, dass man vernünftig miteinander umgeht“, so die Seniorin. In den letzten Jahren fühle sie sich aber immer unwohler. Sätze, die mit den Worten „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...“ beginnen, dahinter verstecken sich oft rechte Parolen. Das sei ihr bewusst.

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Aber das „aber“ bleibe nun mal, wenn sie als 73-Jährige Frau einfach von Männern mit augenscheinlichem Migrationshintergrund angepöbelt werde. „Muss ich mich wirklich als deutsche Hure bezeichnen lassen in meinem Alter?“, fragt die betagte Dame und winkt ab.

Mann aus Gelsenkirchen-Schalke: „Ich habe die AfD gewählt“

Solche Vorfälle sind für Michael (63) ein Grund für sein Kreuz bei der vergangenen Bundestagswahl. „Da habe ich die AfD gewählt“, sagt er in seinem tarnfarbenen Muskelshirt. „Da bin ich ganz offen.“ Was Michael alles dazu bewogen hat, bei der letzten Wahl für die AfD zu stimmen, erfährst du hier >>>

Und der 63-Jährige steht damit nicht allein da. Beinahe jeder Fünfte Wahlberechtigte aus Schalke wählte 2017 die rechtspopulistische Partei, die Zuwanderung nach Deutschland offensiv problematisiert. „Hat aber auch nichts gebracht die zu wählen. Die haben ja auch nichts gemacht“, findet Michael.

Welche Maßnahmen er sich wünschen würde, die Frage lässt Michael unbeantwortet. „Aber guck' dich hier doch mal um“, sagt er. „Ich buckel seit 40 Jahren auf dem Bau und da fährt so ein 25-Jähriger mit 'nem dicken Benz durch die Straßen. Den könnte ich mir heute noch nicht leisten. Wie geht das?“

Keine Lösung für Gelsenkirchen-Schalke – „Völlig zerstört“

Und wie soll es weitergehen? Die Frage beschäftigt auch Fabian (37), der auf seinem Fahrrad angeradelt kommt – mit Dreadlocks, Schalke-Sweater und Einkäufen für das junge Familienglück.

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Warum so viele in Gelsenkirchen die AfD wählen? „Die Sehnsucht danach, dass hier irgendetwas passiert“, vermutet der Familienvater. Er selbst setzt sich als Teil der Schalker Faninitiative gegen Rassismus und Antiziganismus ein. Doch die Zustände in Schalke und anderen Stadtteilen wie Ückendorf oder Heßler machen auch ihn betroffen. „Das soziale Miteinander ist beschädigt, wenn nicht gar völlig zerstört“, attestiert er.

Alle würden immer mit dem Finger auf Sinti und Roma zeigen, die in mehreren Häusern im Stadtteil hausen. „Und die Leute benehmen sich auch einfach scheiße“, sagt Fabian, der aber dafür appelliert, ihre Geschichte zu betrachten. „Die haben in ihren Heimatländern massiv Ausgrenzung und Diskriminierung erlebt, kannten kein Strom, keine Mülltrennung und sind jetzt hier. Klar kann man da in die gleiche Kerbe schlagen wie die AfD. Oder man geht offen auf die Leute zu“, schlägt Fabian vor.

Schalke-Fan sauer: „Einfach zugemacht“

Dann wird der 37-Jährige deutlich: „Hier kommen Künstler aus Düsseldorf und Köln nach dem Motto ‚Das Ghetto fetzt‘ und können sich hier mit öffentlichen Geldern künstlerisch ausleben. Warum wird dieses Geld hier nicht in Sozialarbeiter gesteckt, die hier auf die wirklichen Probleme der Leute vor Ort eingehen?“

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Fabian vermisst ein Team ausgebildeter Pädagogen, die mit Dolmetschern auf die Leute zugehen, um auf Missstände hinzuweisen. „Was mir auch aufstößt: Es gab hier mal den Stadtteil-Laden 'Plan B', der extra für Integrationsarbeit für Menschen aus Südosteuropa da war. Der ist zugemacht worden.“

Einer der wenigen Lichtblicke sei das „Lalok Libre“. Die meisten Aktionen hier seien von Ehrenamtlichen organisiert.

Die Stadt löscht seiner Auffassung nach nur Feuer. Zum Beispiel im Falle des rätselhaften Sperrmüll-Bergs an der Grillostraße, über den sich ausnahmslos alle Gesprächspartner aufregen.

Erst am Dienstag sei der Müll dort abgeholt worden. Am Donnerstag türmt es sich wieder. „Ich verstehe nicht, wie alle zwei Tage vor demselben Haus der gleich hohe Turm Sperrmüll stehen kann“, wundert sich nicht nur Fabian.

Der Sisyphos-Berg wirkt wie ein Symbol der anzugehenden Arbeit im gesamten Viertel. So wie im Falle der Räumungen von Schrottimmobilien durch das Ordnungsamt. Auch das sei nach Fabians Auffassung keine nachhaltige Lösung, weil die Leute einfach weiterziehen würden. Das Problem werde dadurch nur verlagert. „Es gibt einfach zu viele Ecken, zu viel Leerstand in Gelsenkirchen.“

Schalker Büdchen-Betreiber: „Konnten nachts das Fenster nicht aufmachen“

Wie es sich anfühlt, direkt neben einem Haus zu wohnen, bei dem Vermieter offenbar in dubiose Machenschaften involviert sind, das wissen Magret Hornich (73) und ihr Mann Dieter (71).

Die Büdchen-Betreiber mussten miterleben, wie ihr Nachbarhaus vollkommen verwahrloste. Strom, Gas, Wasser – alles wurde nacheinander abgestellt, weil Rechnungen nicht bezahlt wurden. „Die Leute sind für ihr großes Geschäft auf die Grünstreifen gegangen oder haben einfach in unseren Hinterhof gemacht“, erzählt die 73-Jährige.

„Wir haben nachts eigentlich gern frische Luft, aber du konntest das Fenster nicht aufmachen, weil du dachtest, da steht ein Dixi“, ergänzt ihr Mann Dieter.

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Überall hätten sich Kakerlaken ausgebreitet. „Ich musste rings um unseren Kiosk doppelseitiges Klebeband anbringen, damit die Viecher nicht bei uns reinrennen. Brauch ich nicht. Kommt auch bei den Kunden nicht so gut an.“

Kiosk-Paar trotzig: „Wir bleiben trotzdem hier“

Das Haus sei in der Zwischenzeit geräumt worden. „Da kamen neben Ordnungsamt und Polizei auch ganz dubiose Typen, richtige Schränke von Vermieterseite. Von der Sorte einer hebt dich hoch, der andere dreht dir den Hals um. Da haben wir den Laden aber dicht gemacht“, erinnert sich Dieter Hornich.

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Jetzt habe sich die Lage zumindest im Nachbarhaus beruhigt. Und weg wollen die alteingesessenen Schalker ohnehin nicht. „Wir haben uns hier was aufgebaut. Und wer sagt dir, dass du woanders nicht genau die gleichen Probleme hast.“

Fest steht: Ein Zugang zur Politik hat kaum einer noch hier. Viele fühlen sich im Stich gelassen. Und wohin das führen kann, hat sich bei der letzten Bundestagswahl in Schalke gezeigt.

Gelsenkirchen: Anwohner läuft durch Schalke, dann der Schock

Auch ein anderer Anwohner lief kürzlich durch Schalke und machte eine Entdeckung, die ihn wütend werden ließ. Hier mehr >>>