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Wolodymyr (17) in Oberhausen getötet: Trainer gibt exklusives Interview – „Meine Jungs haben ihn ‚großer Bruder‘ genannt“

In Oberhausen ist am Samstag ein ukrainischer Basketballer mit einem Messer erstochen worden. Im Interview mit DER WESTEN spricht jetzt sein Trainer.

Oberhausen
Wolodymyr Jermakow ist in Oberhausen erstochen worden. Foto: "Marcin Hansen/ART Giants e.V."

Der ukrainische Basketballer Wolodymyr Jermakow wurde nur 17 Jahre alt, bevor er am Samstag (10. Februar) eines gewaltsamen Todes starb. Doch es waren keine russische Kugeln oder Raketen, die den Nachwuchs-Basketballstar in seiner von Moskau angegriffenen Heimat töteten. Wolodymyr Jermakow starb an den Folgen einer Messerattacke in Oberhausen. Durch den tödlichen Angriff wurden drei weitere Menschen schwer verletzt – darunter sein ukrainischer Teamkollege Artem Kozachenko und ein 13-jähriges Mädchen (hier mehr über die grausame Bluttat >>>).

Nun spricht Marcin Hansen, der Vereinstrainer der beiden ukrainischen Spieler über die Tragödie und ihre Folgen für die Familie und den Verein. Der 45-jährige in Polen geborene Hansen trainiert seit Jahren den U19-Zweitligisten ART Giants Düsseldorf. Der Tod Wolodymyrs – den alle nur liebevoll „Wowa“ nannten – traf ihn besonders hart: Seit der junge Mann im Sommer 2023 nach Deutschland gekommen war, wohnte er bei Hansens Familie mit seinen vier Kindern zusammen. „Der Wowa war nicht nur mein Spieler.“, sagt Hansen in einem Gespräch, das ihm sichtlich schwer fällt. Für den Trainer wurde der junge Mann zu einem Sohn und zum Teil einer Patchwork-Familie. „Meine Jungs haben ihn ‚großer Bruder’“‘ genannt – er war immer für meine Töchter da.“

Wolodymyr Jermakow ist in Oberhausen erstochen worden. Foto: "Marcin Hansen/ART Giants e.V."

„Eine der schwierigsten Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe“

Wolodymyrs Eltern schickten ihren einzigen Sohn zu Beginn des russischen Angriffskrieges vor zwei Jahren ins benachbarte Polen, von wo aus er später nach Düsseldorf kam. Sie selbst blieben in der Ukraine. Doch der Kontakt brach nie ab: täglich hätte der junge Mann mit seiner Mutter in Kyjiw telefoniert, die Beziehung zwischen den Beiden war nach Hansens Aussagen sehr stark gewesen. Nun sei die Mutter am Boden zerstört.


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In Düsseldorf habe sich das junge Nachwuchstalent schnell eingelebt und war auch im Verein sehr beliebt gewesen. „Klug, freundlich, unglaublich engagiert in allem, was er machte und ein sehr ehrgeiziger Sportler“, sagt Hansen. Am Folgetag des Angriffs informierte der Trainer Wolodymyrs Teamkollegen und ihre Eltern bei einer Versammlung über die Tragödie. „Dies war definitiv eine der schwierigsten Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe“, sagt Hansen. Doch der Zusammenhalt des Teams gibt dem 45-Jährigen Kraft. Schon am nächsten Tag starteten der Verein einen Spendenaufruf für die Familie des Getöteten. Die Resonanz sei dabei laut Hansen unfassbar groß – innerhalb der ersten 24 Stunden seien mehr als 5.000€ gesammelt worden. Dies würde zumindest ausreichen, um die Bestattungskosten zu übernehmen und die Eltern aus Kyjiw zur Beerdigung anreisen zu lassen. Wer die Familie unterstützen möchte, kann hier spenden >>> Wann diese stattfinden wird, ist jedoch bislang unklar: Wolodymyrs Leiche wird bislang von der Staatsanwaltschaft zu Ermittlungszwecken einbehalten.

Trainer Marcin Hansen ist nach der Bluttat in Oberhausen bestürzt. Foto: Marcin Hansen/ART Giants e.V.

Was passierte in Oberhausen?

Nach Hansens Aussagen fuhren Wolodymyr und Artem am Samstag nach dem Training nach Oberhausen, um Schuhe zu kaufen, die sie dort online im Angebot gefunden hatten. Bei der Rückreise trafen sie an einer Bushaltestelle auf eine Gruppe Jugendlicher, der auch der mutmaßliche Täter angehörte. Die Gruppe soll die beiden Jungs angepöbelt haben, der Streit eskalierte im Bus weiter, beim Aussteigen kam es dann zu Handgreiflichkeiten, bei denen Wolodymyr erstochen und Artem schwer verletzt wurde.

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Wolodymyr Jermakow und sein Team. Foto: "Marcin Hansen/ART Giants e.V."

Der Trainer ist überzeugt, dass der Angriff kein fremdenfeindliches Motiv hatte – im Gegensatz zu der Darstellungsweise des Kyjiwer Basketballverbands (FBK). Dieser hat noch am Sonntag auf Facebook verkündet, dass die beiden ukrainischen Spieler zu Opfern der Attacke wurden, „nur weil sie Ukrainer waren“. Hansen ist anderer Meinung: Die Nationalität sei nicht der Grund für den Angriff gewesen. Die Angreifer hätten demnach die beiden Jungs schon beim Einsteigen auf dem Kieker gehabt, bevor diese ukrainisch gesprochen haben. Die Information habe er von einer Zeugin, die während des gesamten Tatverlaufs anwesend war.

Auch die Mordkommission der Polizei Essen sieht nach eigenen Angaben ebenfalls keine Anzeichen für Fremdenfeindlichkeit als Tatmotiv (mehr dazu hier >>>). Der Kyjiwer Verband hält an seiner Darstellung der Ereignisse jedoch weiterhin auf Facebook fest.

„Ich finde gar keine Worte dafür, wieviel Hass man verbreiten kann“

Hansen verurteilt die Hasskommentare in den sozialen Medien: „Ich finde gar keine Worte dafür, wie viel Hass man verbreiten kann, wie es in manchen Kommentaren steht“, sagt der Trainer. Das ganze Team hätte als Reaktion ihre Accounts bei den Social Media-Plattformen X (ehemals Twitter) und Reddit gelöscht. Auf die Frage nach einer gewünschten Reaktion seitens der Gesellschaft und der Medien auf den Vorfall findet der 45-Jährige jedoch klare Worte und betont die Notwendigkeit von Mitgefühl und Rücksichtnahme: „Wer sich irrt, muss sich nicht entschuldigen, sollte aber wenigstens einen Schritt zurücktreten und vielleicht eine Minute darüber nachdenken, dass eine Mutter ihr Kind verloren hat.“


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Für den Verein muss es jedoch weitergehen. Das am Folgetag des Angriffs anstehende Spiel gegen Dresden wurde verschoben, denn der Sport stand nach der Tragödie verständlicherweise an hinterster Stelle. Doch am kommenden Sonntag wollen Wolodymyrs Mitspieler wieder auf Feld. „Wir denken, er würde wollen, dass wir am Sonntag spielen.“, sagt Hansen. Zu Beginn des Matches ist bereits eine Schweigeminute vereinbart worden.