Warum du dich jetzt unbedingt noch einmal bei StudiVZ einloggen solltest

StudiVZ ist eine unbezahlbare Zeitkapsel.
StudiVZ ist eine unbezahlbare Zeitkapsel.
Foto: imago

Früher gehörten StudiVZ und auch SchülerVZ einfach zum Leben von Schülern und Studierenden dazu. Sie waren die größten Konkurrenten von Facebook und sehr angesagt Soziale Netzwerke in Deutschland. Doch das gruscheln und chatten auf den Netzwerken hat schon lange abgenommen. SchülerVZ wurde sogar bereits am 30. April 2013 durch den Betreiber Poolworks abgeschaltet. Laut Poolworks wurden dabei alle Inhalte und Daten vollständig gelöscht.

Anders sieht es dahingegen bei StudiVZ und MeinVZ aus. Im Gegensatz zu StudiVZ richtete sich MeinVZ (auch FreundeVZ genannt), wie der Name schon vermuten lässt, an Nicht-Studierende, die sich dort vernetzen sollten. Auch hier konnte man chatten und gruscheln.

Viele User haben sich bereits seit Jahren nicht mehr bei StudiVZ oder MeinVZ eingeloggt. Gelöscht wurden die Accounts meist nicht, sondern man hatte sich nur ausgeloggt – und das kann sehr erfreulich sein. Denn ein nicht gelöschter StudiVZ-Account ist eine unbezahlbare Zeitkapsel. Seit Jahren liegt das Soziale Netzwerk in der Internet-Mottenkiste und staubt vor sich hin. Die letzte Sitzung ist bei den meisten ehemaligen Studierenden schon sehr lange her. So sehr, dass viele es für längst tot halten.

Jenseits der Anmeldemaske gelange ich in ein Dornröschenschloss: Es ist, als würden dort die digitalen Fliegen reglos an den Wänden sitzen. Die Zeit ist eingefroren. Es beginnt eine Zeitreise zum Ich, das ich zwischen 2006 und 2010 war.

Nochmal bei StudiVZ einloggen: Die WG-Bewohner haben längst ein Eigenheim

Im Nachrichten-Postfach von StudiVZ finde ich nach dem einloggen zwölf Jahre alte Einladungen zu Einzugs-Partys von Wohngemeinschaften, die schon längst aufgelöst worden sind. Die WG-Bewohner und Studierenden von damals sind inzwischen Eigenheimbesitzer oder wohnen in einer anderen Stadt. Manche haben gar Kinder im schulpflichtigen Alter.

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Das ist StudiVZ:

  • StudiVZ ist eine Online-Community für Studenten
  • Es wurde im Jahr 2005 gegründet
  • Später folgten SchülerVZ und MeinVZ
  • Eigentümer ist Poolworks
  • Der Hauptsitz befindet sich in Berlin

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2009 hat mich zuletzt jemand gegruschelt. So richtig verstanden hab ich den Sinn des Gruschelns nie: Gegrüßt und gekuschelt fühlen sollte man sich als Begruschelter wohl, glaubten manche. Eine Geste, die im realen Leben eher bizarr anmuten würde: Wenn ich mir vorstelle, wie sich der Kollege morgens im Büro mit einem „Hallihallo, ich grüße dich“ sanft an mich schmiegt, bin ich froh, dass sich das Gruscheln in der analogen Welt nie durchgesetzt hat.

Schon damals hab ich mich gefragt, ob die Etikette ein Zurückgruscheln erfordert oder ob man das einfach nur zur Kenntnis nehmen soll. Heute gibt es das Problem nicht dem Gruscheln zum Glück nicht mehr.

StudiVZ: Gruppen spielten früher keine große Rolle

So, wie ja auch die Gruppen eher zur reinen Kenntnisnahme bei StudiVZ, SchülerVZ oder MeinVZ verdammt waren: Eigentlich dienten sie der Zusammenführung von Menschen, die gemeinsame Interessen haben oder sich über Studieninhalte austauschen wollen.

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Bei gefühlt 90 Prozent der mehr als 300.000 Gruppen ging es sehr schnell aber nur noch um den Gruppen-Namen, der möglichst originell sein sollte. Für Freunde extensiver Feiern gab es die Gruppe „Mein Filmriss dauert länger als eure Party“. Tierfreunde versammelten sich unter dem Titel „Wie macht eigentlich eine Giraffe?“ (tatsächlich keine schlechte Frage).

Freunde des subversiven Scherzes waren Mitglieder bei „Eine Sarkasmusgruppe – wie sinnvoll!“. Und der Gründer der Gruppe „Ich hab drei Bären auf der Brust, ich bin ne Zwiebel...“ war mit Sicherheit auch Mitglied der Filmriss-Gruppe. Ob die Betreiber sich das so gedacht hatten, ist eher unwahrscheinlich.

StudiVZ: Geburtstagsgruß von Lea – jedes Jahr

Und dann ist da ja noch die Pinnwand. Die letzten Grüße von Menschen, die ich auch aus der analogen Welt kenne, wurden 2011 an die Wand gepinnt. Danach gab es jedes Jahr nur diesen einen Geburtstagsgruß von Lea, der VZ-Moderatorin: „Viel Glück, Erfolg oder Was-auch-immer-Du-Dir-wünschst“. Jedes Jahr derselbe Spruch.

Schließlich stolpere ich beim Durchforsten meines StudiVZ-Accounts über diesen Satz: „Ach, da schau her, Du jetzt auch hier - unglaublich, dass langsam auch wirklich ALLE drin sind“. Im Oktober 2006 habe ich das einem Menschen namens „Gelöschte Person“ geschrieben. Das ist symptomatisch: Denn genau wie jene „Gelöschte Person“ sind mittlerweile gefühlt ALLE eben nicht mehr drin.

„Gelöschte Person“: So heißen jetzt sehr viele in dem Sozialen Netzwerk

„Gelöschte Person“ ist nicht der oder die einzige in meiner Freundesliste mit diesem Profilnamen – viele heißen bei StudiVZ inzwischen so. Es gibt womöglich Hunderttausende dieser ausradierten Mitglieder.

Wie konnte das passieren? Über sechs Millionen Menschen haben in der Hochphase das StudiVZ genutzt. Aktuell gibt es noch etwa eine Million Accounts. Und die meisten davon gehören mutmaßlich Menschen, die aus Bequemlichkeit, Vergesslichkeit oder purer Nostalgie ihr Profil noch nicht vollständig gelöscht, sondern sich nur ausgeloogt haben. Rund 100.000 bis 150.000 Menschen sollen das VZ noch aktiv nutzen.

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Das ist MeinVZ:

  • MeinVZ ist eine Online-Community
  • Das soziale Netzwerk wurde im Februar 2008 gegründet
  • Es wurde auf Basis des Projekts studiVZ für Nicht-Studenten entwickelt.
  • Eigentümer ist Poolworks

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Der größte Nachteil von StudiVZ gegenüber der Konkurrenz ist: Es hat sich kaum weiterentwickelt.

StudiVZ: Kopie von Facebook

StudiVZ war letztlich eine Kopie von Facebook. Während das Original den Mitgliedern erlaubt, sich mit jedem anderen auf der Welt zu vernetzen und zu chatten, war StudiVZ sehr auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. Außerhalb dieses engen Raums konnte niemand mit dem VZ vom Betreiber Poolworks etwas anfangen.

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Falls irgendwer am Ende des Auslandssemesters den neuen Freunden am Flughafen ein tröstendes „Don't worry, I will gruschel you“ zugerufen haben sollte, dürfte er als Reaktion kaum mehr als ein irritiertes Kopfschütteln erhalten haben. In den meisten Ländern waren die Menschen schon bei Facebook angemeldet. Um Kontakt mit Menschen jenseits von Staatsgrenzen halten zu können, war StudiVZ wie auch SchülerVZ oder MeinVZ nie geeignet.

StudiVZ wurde vom Holtzbrinck-Verlag gekauft

Im November 2005 hatten die Studenten Ehssan Dariani und Dennis Bemmann das Portal entwickelt. Die erste Version sah dem US-Original durchaus ähnlich – nur war es rosarot statt blau. Dariani sorgte bald mit Skandälchen für Schlagzeilen (Freunden schickte er eine Geburtstagseinladung im Stil des Nazi-Propaganda-Organs „Völkischer Beobachter“) und das VZ sorgte mit Datenschutzproblemen für Ärger. Erst änderten die Portalmacher einfach die AGB, dann tauchten Sicherheitslücken auf: Nutzer konnten Daten von anderen Nutzern abrufen, ohne mit ihnen befreundet zu sein.

Der Holtzbrinck-Verlag kaufte StudiVZ trotzdem 2007 für die Wahnsinnssumme von 85 Millionen Euro. Dariani und Bemmann waren danach gemachte Leute.

Während Facebook die weltweite Vernetzung vorantrieb, setzte Holtzbrinck auf ein anderes Pferd: Datenschutz. Sie wollten StudiVZ und die Ableger SchülerVZ und MeinVZ zu Vorzeigeprojekten ausbauen. 2009 gelang es dennoch einem jungen Hacker mit dem Nickname „Exit“, die Daten von Millionen Nutzern zu stehlen. Der Coup entwickelte sich zu einer Tragödie.

Was hat Poolworks mit StudiVZ und MeinVZ vor?

Angeblich wollte der 20-Jährige Geld erpressen. Bei einem Treffen mit dem Management der Betreiber wurde der junge Hacker verhaftet – wenig später erhängte er sich in seiner Zelle. Der Ruf von StudiVZ war danach angeknackst. Immer mehr Menschen wechselten auch in Deutschland zu Facebook – obwohl das Netzwerk schon damals als riesige Datenkrake galt.

Holtzbrink verkaufte StudiVZ im Jahr 2012 an eine amerikanische Investmentfirma. 2017 musste Poolworks Germany – die Betreiber von StudiVZ – Insolvenz anmelden. Die Plattformen blieben aber online. im Im April 2020 kam es zu einem überraschenden Comeback. Aus StudiVZ und MeinVZ wurde VZ.net. Dabei blieben viele Funktionen wie das Gruscheln, der Buschfunk oder der Plauderkasten erhalten und auch ein Datenimport von alten Fotos war möglich. Doch auch der Neuanfang mit den alten Funktionen wie dem Buschfunk scheiterte trotz des möglichen Datenimports für ehemalige User. VZ.net soll zu einer Spieleplattform umgebaut werden. Dann soll es SpieleVZ heißen. Bis zum Launch von SpieleVZ Anfang 2022 soll vz.net weiter betrieben werden und alle Spielstände erhalten bleiben.

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Das war SchülerVZ:

  • SchülerVZ war eine Online-Community für Schüler
  • Das soziale Netzwerk wurde im Februar 2007 gegründet
  • Es war das zweite der drei VZ-Netzwerke
  • Im April 2013 wurde es abgeschaltet

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Doch werden dann auch alle Daten von StudiVZ gelöscht? Eine Mitteilung auf der Webseite lässt hoffen, dass man sich auch weiter einloggen kann. Dort heißt es: „Liebe StudiVZ User, wir möchten euch darüber informieren, dass ohne vorherige Ankündigung keinerlei Daten gelöscht werden. Der Betrieb der Plattform wird weitergeführt. User die StudiVZ langfristig weiternutzen wollen, können dies tun. Die Registrierung wird im August wieder freigeschaltet.“ Auch auf der Webseite von MeinVZ findet man diesen Text. Man darf also gespannt sein, was der Betreiber Poolworks weiter vor hat.

Was vorerst bleibt, ist die Zeitkapsel: Selig vor Nostalgie noch einmal durch die alten Fotos zu wühlen und Dialoge nachzulesen, die an Freitagen nach Donnerstagpartys geschrieben wurden, ist wunderschön. Jeder, der seinen Account noch hat (sich also nur ausgeloggt hat), sollte sich nochmal einloggen, bevor StudiVZ womöglich ganz den Geist aufgibt wie es SchülerVZ bereits getan hat. Und wer weiß? Tausende Facebook-Nutzer löschen in diesen Tagen ihre Accounts, weil sie genervt sind vom Sozialen Netzwerk. Vielleicht ist StudiVZ oder MeinVZ (auch FreundeVZ genannt) ja doch wieder eine Alternative und es loggen sich wieder viele ehemalige oder aktuelle Studierende ein.