Gelsenkirchen

Ruhrgebietsstädte gehen drastischen Schritt und boykottieren ZDF-Studien: „Da machen wir nicht mit!“

Das ZDF plant zwei neue Studien - das Ruhrgebiet wehrt sich dagegen und will sie boykottieren.
Das ZDF plant zwei neue Studien - das Ruhrgebiet wehrt sich dagegen und will sie boykottieren.
Foto: imago images / Winfried Rothermel

Gelsenkirchen. ZDF-Deutschlandstudie: Gelsenkirchen landet auf dem letzten Platz, was die Lebensqualität angeht. 401 Kommunen und Städten in Deutschland wurden verglichen.

Bertelsmann-Studie: Jeder vierte Gelsenkirchener lebt in Armut, jeder fünfte bezieht Sozialleistungen. Gelsenkirchen ist erneut Schlusslicht.

Studie der Statistischen Ämter der Länder: Die Einwohner in Gelsenkirchen verdienen nach Abzug aller Abgaben und Steuern nur 1356 Euro pro Monat. Damit, wie soll es anders sein, belegt die Stadt erneut den letzten Platz.

Nun hat das Ruhrgebiet die Nase voll. Sie sagen den Studien den Kampf an. Alle Kommunen und Städte haben angekündigt, zwei ZDF-Studien, den Familien- und Seniorenatlas, zu boykottieren. „Da machen wir nicht mit“, kündigt Martin Schulmann, Sprecher der Stadt Gelsenkirchen, an.

Denn andere Ruhrgebietsstädte schneiden bei den Studien nicht besser ab. Zum Vergleich die Platzierungen der ZDF-Deutschlandstudie:

  • Rang 399: Duisburg
  • Rang 394: Dortmund
  • Rang 393: Recklinghausen
  • Rang 379: Essen
  • Rang 371: Bochum
  • Rang 369: Mülheim

In einem Schreiben an das ZDF legen sie die Gründe vor. Noch ist der Brief nicht abgeschickt.

Ruhrgebietsstädte erheben Vorwürfe gegen ZDF-Studien

In den beiden Studien für die Dokumentationsreihe „ZDFzeit“ untersucht das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos die Lebensverhältnisse von Senioren und Familien in Deutschland.

Dafür hat Prognos an alle 301 Kommunen und Städte in Deutschland Fragebögen verschickt. „So sollen Informationen über kommunale Angebote zu den Themen Senioren und Familie eingeholt werden, die bislang in keiner offiziellen Statistik auftauchen“, erklärt das ZDF auf Nachfrage. Einige der Fragen:

  • Verfügen Sie über konkrete seniorenpolitische Leitlinien?
  • Gibt es bei Ihnen eine zentrale Anlaufstelle für Familien und/oder Senioren?
  • Gibt es bei Ihnen Mehrgenerationenhäuser?
  • Wie hoch bewerten Sie bei Ihnen den Handlungsbedarf bei Angeboten für Kinder?

Zusätzlich gibt es ein Feld, in dem weitere Anmerkungen aufgeschrieben werden können.

„Es ist ein absolut oberflächliches Abfragen von Parametern“

Die Stadt Gelsenkirchen wirft der Studie vor, dass vorhersehbar sei, wer letztlich wieder ganz unten im Ranking landet. „Wir halten die Methoden der Studien, gelinde gesagt, für fragwürdig“, erklärt Stadtsprecher Schulmann. Er beklagt: „Es ist ein absolut oberflächliches Abfragen von Parametern. Da denkt sich jemand Fragen aus und konzipiert daraus ein Gesamtbild.“ Dabei wirft er den Machern keine böswillige Systematik vor.

„Wenn wir eine hohe Arbeitslosigkeit, einen hohen Anteil an Hartz-IV-Beziehern, Kindern in Armut und Altersarmut haben, dann bekommen wir vier Mal die schlechteste Punktzahl - obwohl wir etwas machen“, ärgert sich Schulmann. Andere Bereiche, in denen die Stadt gut sei, fallen somit hinten über.

„Dabei wird zum Beispiel nicht berücksichtigt, dass wir eine starke Zuwanderung aus Osteuropa haben und die Zugezogenen häufig eine geringe Bildung und schlechte Quoten bei Abiturabschlüssen haben“, erläutert er. Solche Faktoren berücksichtigen die meisten Studien allerdings nicht. Die Zusammenhänge oder Ursachen würden außen vor gelassen.

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ZDF spricht von ergebnisoffenen Studien

Dem widerspricht das ZDF vehement: „Die Studien sind umfassend und ergebnisoffen angelegt.“ 170 von 401 angeschriebenen Landkreisen und Städten hätten sich bislang an der Umfrage beteiligt. Dabei werden nicht nur die Fragebögen ausgewertet, sondern weitere „qualitativ hochwertige Datenquellen“, etwa aus dem Statistischen Bundesamt oder den Statistischen Landesämtern.

„Die Ergebnisse der Befragung, die noch bis zum 18. April 2019 läuft, sollen in einem sendungsbegleitenden Angebot im Internet veröffentlicht werden – parallel zur Ausstrahlung der TV-Dokumentationen“, kündigt der Sender an. Voraussichtlicher Sendetermin: Dezember 2019.

Doch was passiert nun, wenn die Städte nicht teilnehmen? Bleibt die Studie dann unvollständig?

„Wir wollen nicht, dass das Ruhgebiet in ein falsches Licht gerückt wird“

Thorsten Albrecht, Sprecher bei der Stadt Bottrop, erklärt, dass die Herausgabe der Information möglichst lange hinausgezögert werden soll. Der Boykott sei dabei eine politische Entscheidung, zahlreiche Oberbürgermeister sollen das Schreiben unterzeichnet haben. Ziel sei allerdings nicht, Informationen vorzuenthalten, sondern ein „Signal zu setzen.“

„Wir wollen nicht, dass das Ruhrgebiet in ein falsches Licht gerückt wird“, so Albrecht und weiter: „Wir haben ein eigenes Selbstbewusstsein.“

 
 

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