Gelsenkirchen

Gelsenkirchen ärmste Stadt Deutschlands: Oberbürgermeister hat diese dringende Forderung

Wegen Gelenkirchens hoher Armutsquote bittet Oberbürgermeister Frank Baranowski um Hilfe. (Symbolbild)
Wegen Gelenkirchens hoher Armutsquote bittet Oberbürgermeister Frank Baranowski um Hilfe. (Symbolbild)
Foto: dpa/Michael Korte / FUNKE Foto Services Montage: DER WESTEN

Gelsenkirchen. Nirgendwo in Deutschland ist die Armut größer als im Ruhrgebiet. Das ist das Ergebnis der in dieser Woche veröffentlichten Bertelsmann-Studie.

Besonders betroffen ist Gelsenkirchen. Mal wieder, möchte man sagen. Die Revierstadt ist mit einer Armutsquote von 26 Prozent deutschlandweit abgeschlagenes Schlusslicht.

Gelsenkirchen ist ärmste Stadt Deutschlands: Oberbürgermeister nicht überrascht

Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski ist von den Zahlen wenig überrascht: „Armut ist ein Großstadtphänomen. Das ist hier noch einmal sehr deutlich geworden. Und in den Großstädten des Ruhrgebiets zeigt sie sich aufgrund der Folgen des immer noch andauernden Strukturwandels noch einmal in verschärfter Form.“

Das Problem ist für ihn und seine Kollegen im Ruhrgebiet nicht neu, so der Gelsenkirchener OB gegenüber DER WESTEN. Das Ende des Kohle-Bergbaus und dem damit verbundenen Wegfall von fast 80.000 Arbeitsplätzen in wenigen Jahren, schüttelten die Städte „nicht mal so eben aus dem Anzug“.

Hinzukommt eine hohe und verfestigte Langzeitarbeitlosigkeit sowie wirtschaftliche und soziale Phänomene wie eine höhere Armutsquote und geringere Abiturquoten.

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Baranowski kritisiert Bundespolitik

Man gehe die Themen seit Jahren gezielt an, so Baranowski. Zugleich äußert er deutliche Kritik: „Es ist nicht einfach, wenn man dabei so wenig Unterstützung bekommt, wie wir das in all den Jahren und Jahrzehnten bekommen haben. Leider verfestigen sich über die Zeit bestimmte Problemlagen.“

+++ Wie schlimm ist Gelsenkirchen wirklich? „Armut, Arbeitslosigkeit, AfD“ – So berichtet eine Zeitung aus Ostwestfalen über die Stadt +++

Der SPD-Politiker nennt ein Beispiel: „Wie lange haben wir im Ruhrgebiet und insbesondere hier in Gelsenkirchen mit dem Gelsenkirchener Appell für einen sozialen Arbeitsmarkt gekämpft. Jetzt hat sich mit Herrn Heil überhaupt der erste Bundesarbeitsminister dieser Thematik angenommen und einen Baustein für eine Lösung erarbeitet.“´

Mit der Schaffung eines sozialen Arbeitsmarktes sollen Langzeitarbeitslose besser wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden. „So ist es uns gelungen über den Gelsenkirchener Appell den sozialen Arbeitsmarkt durchzusetzen und über diesen Weg, betroffenen Menschen gesellschaftliche Teilhabe bieten“, sagt Baranowski.

Bildung als Schlüssel

Wie soll es langfristig bergauf gehen? Weg vom letzten Platz, den Gelsenkirchen in einigen Studien zur Lebensqualität und Armut zuletzt belegte? „Bildung ist eines, wenn nicht das Schlüsselthema für Gelsenkirchen. Ohne erhebliche Bildungsanstrengungen werden wir keine gute Zukunft für unsere Stadt bauen“, sagt der Oberbürgermeister.

„Und da gibt es unserer Überzeugung nach nur einen einzigen Weg: bei den Kindern anzufangen, und zwar bei den Allerkleinsten. Das ist die einzige Möglichkeit, ein Fundament zu schaffen – für erfolgreiches lebenslanges Lernen, soziale Integration, persönliche Entwicklung und spätere Beschäftigungsfähigkeit.“

Gelsenkirchen als Bildungs-Vorreiter

Er setzt mit dem Gelsenkirchener Modell auf Begrüßungsbesuche bei Eltern von Erstgeborenen, die Gelsenkirchener Elternschule, die offenen Eltern-Baby-Treffs oder die Betreuung der unter Dreijährigen. „Wir haben dabei Ergebnisse erzielt, die sich sehen lassen können. Viele unserer Projekte wurden inzwischen von zahlreichen Kommunen in Deutschland übernommen. In dieser Bertelsmann-Studie wird Gelsenkirchen ja auch genannt – als eines von wenigen Best-Practice-Beispielen“, sagt Baranowski.

Wie zum Beweis eröffnet am Samstag im Stadtteil Ückendorf das aus Duisburg-Marxloh etablierte Vorzeige-Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“. (hier die Details)

Eine Uni im nördlichen Ruhrgebiet könnte ein weiterer Baustein sein, findet der SPD-Politiker.

Firmen und Künstler siedeln sich an

Baranowski sieht auch im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit Erfolge: „Wir haben in Gelsenkirchen in den vergangenen Jahren Erfolge erzielt.“ Jahr für Jahr würden 1.000 neue Jobs entstehen. Zuletzt siedelten sich Industrieunternehmen wie Bilstein, Bleistahl oder Pilkington an, berichtet der OB. „Gelsenkirchen ist eine Stadt, die seit einem Jahrzehnt einen nachhaltigen Arbeitsplatzaufbau hinlegt.“

Tatsächlich schreibt Gelsenkirchen bei allen den Negativ-Schlagzeilen auch positive Geschichten. Im Stadtteil Ückendorf hat sich beispielsweise eine kleine Künstlerszene angesiedelt. (hier die ganze Geschichte)

Olivier Kruschinski hat aus dem Gelsenkirchener Image eine selbstironische Kampagne gemacht. #401GE ist längst eine Marke. „Das Beste kommt schließlich immer zum Schluss!“, ist sein Credo. (hier die Details)

„Gelsenkirchen benötigt gezielte Unterstützung“

Doch soll es weiter bergauf gehen, braucht die Stadt Hilfe, macht der OB klar. Muss der Soli für das Ruhrgebiet kommen?

„Soziale Benachteiligungen zu kompensieren, erfordert Ressourcen. Ressourcen, die uns häufig fehlen, weil Bund und Land die Kommunen mit immer neuen Aufgaben belasten. Eine Verteilung der Mittel nach dem Gießkannenprinzip hilft hier nicht. Städte wie Gelsenkirchen benötigen gezielte Unterstützung“, fordert Frank Baranowski.

 
 

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