Kriminelle Clans in NRW: Banden arbeiten mit dieser neuen Masche

Polizeibeamte kontrollieren bei einer Hochzeitsfeier zweier Familienclans in Mülheim Fahrzeuge. Die Sicherheitsbehörden in NRW fahren eine Null-Toleranz-Strategie gegen kriminelle Mitglieder von arabischen Clans.
Polizeibeamte kontrollieren bei einer Hochzeitsfeier zweier Familienclans in Mülheim Fahrzeuge. Die Sicherheitsbehörden in NRW fahren eine Null-Toleranz-Strategie gegen kriminelle Mitglieder von arabischen Clans.
Foto: dpa
  • Kriminelle Mitglieder von arabischen Clans sind im Fokus der Sicherheitsbehörden
  • Das LKA rüstet nun auf
  • Offenbar haben die Banden eine neue Masche entdeckt, um an Geld zu kommen

Duisburg/Essen. Früher schienen sie in einer Art Schattenwelt zu leben. Seit einigen Jahren aber werden kriminelle Clans immer sichtbarer. Mit Schießereien und Schlägereien auf offener Straße sorgen arabische Clans für Aufsehen im Ruhrgebiet, für Angst. Immer öfter tragen sie ihre Fehden auf offener Straße aus.

Dramatischer Höhepunkt: Am 9. April 2016 erschießt Mahmoud M. den erst 21 Jahre alten Mohammed El-Kadi in Essen auf offener Straße; eine Vendetta-Aktion. Zuvor war M.s Bruder von einem Verwandten Mohammeds niedergestochen worden - Mohammed starb einzig und allein wegen seines Nachnamens.

Arabische Clans in NRW: LKA geht von 50 Clanfamilien aus

Die Landesregierung in NRW hat nun einen Schwerpunkt auf die Bekämpfung von Clan-Kriminalität gelegt und fährt seit einiger Zeit eine Null-Toleranz-Politik. Das Landeskriminalamt (LKA) hat die Araber-Clans schon länger im Fokus. Eine Verlagerung krimineller Aktivitäten in die Öffentlichkeit beobachtet man dort nicht unbedingt, sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen.

Nachdem es unter anderem in Essen, Gelsenkirchen oder Duisburg immer wieder zu Massenschlägereien und Gewaltdelikten in der Öffentlichkeit gekommen war, werde das Thema Clankriminalität breiter diskutiert. Er sehe„die Entwicklung eines breiten öffentlichen Diskurses in der Folge intensiver polizeilicher Maßnahmen“, so Scheulen.

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Das LKA geht derzeit von 50 türkisch-arabischen Clanfamilien in NRW aus, aus denen heraus vermehrt Straftaten begangen werden. Im Ruhrgebiet spricht man dabei oft von Libanesen-Clans: Gemeint sind damit meist Familien der arabischsprachigen Mhallami, von denen viele ursprünglich aus der Türkei stammen. Darüber hinaus ist auch die italienische Mafia in NRW in der organisierten Kriminalität aktiv, ebenso Gruppierungen von balkanstämmigen Familien.

Ein halbes Jahr nach Projektstart in Duisburg kümmern sich jetzt auch in Essen zwei Sonder-Staatsanwälte um sogenannte Clankriminalität.

Die "Staatsanwälte vor Ort" seien ab sofort im Einsatz, teilte das nordrhein-westfälische Justizministerium am Montag in Düsseldorf mit. "Sie sollen kriminelle Familienclans gezielt bekämpfen und den Verfolgungsdruck erhöhen", hieß es.

Seit einigen Jahren sind kriminelle arabische Clans immer mehr in den Fokus der Sicherheitsbehörden gelangt.

Kriminelle Clans in Essen: Staatsanwälte "vor Ort"

Dabei würden sie unter anderem mit der Polizei, der Zollfahndung und der Stadtverwaltung zusammenarbeiten. Die beiden Staatsanwälte sollen ihre neue Aufgabe regelmäßig auch "vor Ort" wahrnehmen, hieß es weiter. Einzelheiten will NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Mittwoch in Essen vorstellen.

Clans: Aufklärung von Taten behindert

Unter Clankriminalität versteht das LKA strafbare Handlungen, bei denen die Täter ihre familiäre oder ethnische Herkunft bewusst und aktiv einbeziehen: Etwa, indem die Aufklärung von Taten durch Stillhaltemechanismen innerhalb von Familienverbänden behindert wird.

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So sind die Clans strukturiert

Doch wie sind die Clans organisiert? Die Zugehörigkeit des Einzelnen zum „Clan“ definiert sich ausschließlich über das Kriterium der Verwandtschaft. Die Sicherheitsbehörden sprechen von „Familie als krimineller Solidargemeinschaft“. Die meisten Mitglieder der Clanfamilien führen ein ganz normales Leben, manche aber finden sich zu mafiösen Gruppierungen zusammen.

Die Behörden gehen von einer hierarchisch, meist patriarchalisch geprägten Struktur innerhalb der kriminellen Clans aus, die nach dem Prinzip der gemeinsamen Abstammung organisiert ist.

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Ebenfalls charakteristisch: ein nach außen dokumentiertes Macht- und Gewinnstreben, auch durch die Besetzung öffentlicher Räume.

Lagebild soll mehr Aufschluss bringen

Wie viele Straftaten auf das Konto von Clanmitgliedern gehen, lässt sich laut LKA nur schwer sagen. „Eine statistisch valide Erfassung der Kriminalität, begangen durch Clanmitglieder, existiert aufgrund der nur sehr schwer identifizier- und abgrenzbaren Personengruppe bislang nicht“, so das LKA.

Geplant sei aber im kommenden Frühjahr ein „Lagebild Clankriminalität“ zu erstellen. Dort sollen Informationen zur Beteiligung von Clanangehörigen an Körperverletzungsdelikten zusammengefasst werden.

Straßenhandel und Drogendeals im großen Stil

Ein Phänomen der Clankriminalität: Sie orientieren sich weniger an einzelnen etablierten Kriminalitätsfeldern als mehr an kriminellen Märkten, die besonders lukrativ sind und gut durch große, gleichwohl gut abgeschottete Personenstrukturen besetzt werden können.

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Darunter nennt das LKA etwa den Drogenhandel. So sei nicht nur der Straßenhandel, etwa in Dortmund, in den Händen von kriminellen arabischen Clans, sondern auch der Drogenhandel im großen Stil.

Auch der Handel mit Teilen gestohlener Autos, der Betrieb von Shisha-Bars mit unverzolltem Tabak oder das illegale Glücksspiel sind Tätigkeitsfelder der kriminellen Clans.

Manche Familienmitglieder sollen ihr Geld außerdem in baufällige, schäbige Wohnungen investieren, die sie an Flüchtlinge oder andere Bedürftige vermieten, die sich nicht wehren können.

Im Juli gelang Essener Zollfahndern ein Schlag gegen die Clans, der in dieser Form in Deutschland bislang noch nie vorgekommen war. Bei einer Großrazzia nahmen die Ermittler unter anderem in Langenfeld eine illegale Tabakfabrik hoch. Die Ermittler stellten in der Fabrik rund 2,5 Tonnen gebrauchsfertigen Shisha-Tabak sicher. Dazu fanden sie 550 Kilogramm Rohtabak, stellten außerdem 22.500 Euro Bargeld, Falschgeld-Blüten und Luxus-Karossen sicher, mit denen die Ware verteilt wurde.

Neues Phänomen: Enkeltrick

Ein Phänomen beobachtet das LKA erst seit kurzer Zeit im Zusammenhang mit der Clankriminalität: „Aktuell stellen wir auch Straftaten zum Nachteil älterer Menschen fest, in die Clanangehörige involviert sind“, so Pressesprecher Frank Scheulen.

Konkret: Immer öfter versuchen Clan-Kriminelle mit Maschen wie dem Enkel-Trick Senioren um ihr Geld zu bringen. Dabei rufen sie Senioren an, gaukeln ihnen vor, ein möglicherweise bislang unbekannter Verwandter zu sein, der dringend Geld benötige. Mitunter ergaunern die Kriminellen so Tausende von Euro von vertrauensseligen älteren Menschen. Auch der sogenannte Falsche-Polizisten-Trick kommt immer häufiger vor.

Bis jetzt hatten vor allem kriminelle Mitglieder von Roma-Großfamilien mit Telefon-Betrügereien ihr Geld gemacht.

Die Polizei warnt immer wieder vor dem sogenannten Enkel-Trick:

  • Eine Masche: Anrufer nennen nicht ihren Namen, sondern lassen ihr Opfer raten, wer da am anderen Ende der Leitung sein könnte: „Rat mal, wer dran ist.“
  • Vor allem ältere Menschen sollen damit überrumpelt werden. Sie sollten sich auf das Ratespielchen nicht einlassen, sondern darauf bestehen, dass die Anrufer ihre Namen selbst nennen.
  • Auch sollten Betroffene immer misstrauisch werden, wenn sich offenbar fremde Anrufer als Verwandte ausgeben: Wer sich nicht sicher ist, ob er die Person am anderen Ende der Leitung wirklich kennt, sollte Fragen stellen, die nur ein echter Verwandter oder Bekannter beantworten kann. Wichtig: Niemals sollte man am Telefon Details über familiäre oder persönliche finanzielle Umstände preisgeben.
  • Wem ein Anruf verdächtig vorkommt, sollte sich - wenn möglich - die angezeigte Nummer vom Display notieren.

Wer sind die Mitglieder der Araber-Clans?

Wenn die Rede von kriminellen Araber-Clans ist, sind meist Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.0000 Menschen zu solchen Großfamilien.

Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Manche aber haben sich zu mafiösen Gruppierungen zusammengeschlossen, nutzen familiäre Strukturen für kriminelle Geschäfte.

Sie leben häufig in einer abgeschottenen Parallelwelt, erkennen staatliche Strukturen nicht an. Straftaten werden zu internen Probleme erklärt, die innerhalb der Familien von sogenannten Friedensrichtern geregelt werden.

Das wesentliche Kriterium der Zugehörigkeit des Einzelnen zum Clan ist die tatsächliche familiäre Verwandtschaft. Dahinter stehe „eine segmentäre, hierarchisch, meist patriarchalisch, geprägte Struktur, die nach dem Prinzip der gemeinsamen Abstammung organisiert ist“, so LKA-Sprecher Frank Scheulen.

Woher kommen die Clans?

Viele stammen ursprünglich aus dem Libanon, aus Syrien, dem Irak oder der Türkei.

Vor allem im Ruhrgebiet wird häufig von Libanesen-Clans gesprochen. Gemeint sind dann kriminelle Mitglieder von Familien, die ursprünglich aus der Türkei und aus Syrien stammen. Sie gehören zu den sogenannten Mhallami, einer arabischstämmigen Volksgruppe.

Manche Familien haben nur einen Duldungsstatus

Viele von ihnen wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben und siedelten sich im Libanon an - oft fehlten ihnen die Mittel für Pässe und eine Einbürgerung. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.

Sie kamen über Ost-Berlin in den Westen, beantragten Asyl und wurden auf verschiedene Bundesländern verteilt - vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Hier gab es einen Abschiebestopp, sie erhielten als Staatenlose direkt eine Duldung und blieben im Land. Bei nicht wenigen blieb der Duldungsstatus bestehen, über Generationen.

Menschen mit Duldungstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer ist nur auf Antrag und nach Zustimmung durch die Ausländerbehörde möglich. Manche Experten sehen hierin eine mögliche Ursache dafür, dass sich aus der Perspektivlosigkeit heraus kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.

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Clan-Kriminelle liefern sich Fehde mit Rockern

Die Araber-Clans konkurrieren nicht nur untereinander, sondern auch mit dem bereits etablierten Milieu. im Ruhrgebiet etwa kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Clan-Mitgliedern und dem Rocker-Club Bandidos.

Im August eskalierte die Fehde in Dortmund: Ein Mitglied der Bandidos hatte auf einen 32 Jahre alten Mann eingestochen. Tags darauf wurde auf ein Bandidos-Clubhaus geschossen. Hintergrund war offenbar ein Streit zwischen den Rockern und kriminellen Mitgliedern des arabischen Miri-Clans. Einem Bericht der Ruhrnachrichten zufolge sind sich die Gruppen bei ihren Machenschaften ins Gehege gekommen.

In Berlin verdrängten arabische Clans nach und nach albanische Gangs. Die Clans feiern das als Beginn ihrer Machtentfaltung.

Dabei sind arabische Clans nach groben Schätzungen von Experten in Regionen wie dem Ruhrgebiet für nur etwa 30 Prozent der organisierten Kriminalität verantwortlich. Allerdings treten sie eher in Erscheinung, werden öffentlich stärker wahrgenommen als zum Beispiel die italienische Mafia.

Clan-Mitglieder schlagen ohne Warnung auf Café-Gäste ein

Erst Ende November hatten fünf Mitglieder einer libanesischen Großfamilie in Gelsenkirchen für Aufsehen gesorgt. In einem Café in Wiehagen in der Neustadt schlugen sie unvermittelt und ohne Warnung auf die Gäste ein. Einige Gäste wurden auch mit einem Messer bedroht.

Zum Hintergrund des Angriffs machte die Polizei zunächst keine Angaben. Besonders an dem Fall: Um eine Fehde zwischen Familien handelte es sich diesmal offenbar nicht - jedenfalls nicht direkt. Die Opfer gehörten keiner libanesischen Großfamilie an. Sie konnten den Angriff gegenüber der Polizei auch nicht erklären. „Die Motivlage ist aktuell völlig unklar“, sagte damals ein Sprecher der Polizei Gelsenkirchen gegenüber DER WESTEN. (ms/pen)

 
 

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