Veröffentlicht inPolitik

Ukraine-Krieg: Floppt die Gegenoffensive? Experte: „Deutschland erlebt aktuell einen Schock“

Die Ukraine versucht sich mit einer Gegenoffensive gegen den russischen Angriffskrieg zu verteidigen. So schätzen Experten die Lage ein.

© IMAGO/ZUMA Wire

Putin: Ukrainische Gegenoffensive hat keine Chance

Der russische Präsident Wladimir Putin sieht die ukrainische Gegenoffensive als aussichtlos an. "Die ukrainischen Streitkräfte haben dort wie auch in den übrigen Gebieten keine Chance", sagte Putin beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg mit Blick auf die derzeitigen ukrainischen Vorstöße im Osten und Süden des Landes.

Seit fast 16 Monaten führt der russische Präsident Wladimir Putin nun schon seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seit rund zwei Wochen wehrt sich das Nachbarland mit einer Gegenoffensive. Bislang gab es zwar keine Rückschläge für die Ukraine, doch die Lage an der Front ist nach Kiewer Angaben schwierig.

Seit dem Start der Gegenoffensive konnte die Ukraine eigenen Angaben zufolge acht Dörfer und gut 113 Quadratkilometer Fläche befreien. Doch wie schätzen westliche Experten die Situation ein?

Ukraine: „Keine Position verloren“

„In einigen Gebieten bewegen sich unsere Kämpfer vorwärts, in einigen Gebieten verteidigen sie ihre Positionen und halten den Angriffen und intensiven Attacken der Besatzer stand“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache am Montag (19. Juni). „Wir haben keine Positionen verloren, nur befreit.“

Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mitteilte, sprach das ukrainische Militär von einem planmäßigen Verlauf der eigenen Gegenoffensive. Allerdings räumte Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar zugleich eine „schwere Lage“ an der Front ein. Im Süden des Landes sei man auf „erbitterten Widerstand“ der Russen gestoßen, schrieb der ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj bei Telegram. Der Vormarsch der Ukrainer werde durch Befestigungen, dichte Minenfelder und eine „große Zahl an Reserven“ behindert. Aber: „Die Operation wird nach Plan fortgesetzt“, versicherte Saluschnyj.

Diese Lage bestätigt auch Paul Ronzheimer. „Das, was die Soldaten mit berichtet haben, aber auch was ich von Selenskyj gehört habe, klingt doch sehr viel schwieriger als die sehr lauten Töne vorher“, zeigt sich der Kriegsreporter im „Welt“-Interview skeptisch. Die Kämpfe seien heftig und die ukrainischen Soldaten seien überrascht, wie sehr die Verteidigungslinien stehen. Aber: „Das bedeutet nicht, dass die Ukraine diese Offensive nicht erfolgreich bestreiten kann. Ganz im Gegenteil: Ich glaube schon, dass sie Fortschritte machen werden“, so Ronzheimer.

Ukraine: „Gegenoffensive wird ohnehin scheitern“

Auch Oberstleutnant Jörg Tölke bestätigt: „Ungeachtet dessen haben ukrainische Kräfte Raumgewinne erzielt“. Zuvor berichtete er in einem Twitter-Video der Bundeswehr von „heftigen Kampfhandlungen“ während der Gegenoffensive.

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Twitter / X, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden.

Der Sicherheitsexperte von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Christian Mölling, betont gegenüber „t-online“: „Deutschland erlebt aktuell einen Schock. Es gibt einen Hype um diese Gegenoffensive, der auch mit Mutlosigkeit einhergeht. Wir gehen teilweise davon aus, dass sie ohnehin scheitern wird.“

Anders als im Herbst vergangenen Jahres sei es nicht so einfach für die Ukraine. Das sei aber kein Grund zur Panik, so der Sicherheitsexperte. „Es ist gut, dass die Ukraine nicht blind auf russische Stellungen losstürmt.“ Die Ukraine müsse sich in dieser Gegenoffensive noch anpassen, vor allem an den Verteidigungsstellungen. Deshalb sei es noch zu früh, um eine erste Bilanz zu ziehen, so Mölling.

„Ukrainer zahlen seit 400 Tagen hohen Preis“

Auch Brigadegeneral Christian Freuding zeigt sich bei der Bewertung noch zögerlich. Im ARD-Magazin „Bericht aus Berlin“ sagt der Leiter des Lagezentrums Ukraine: „Wir müssen ein bisschen vorsichtig sein, damit wir nicht anmaßend werden, dass wir von der Berliner Sommerterrasse aus die ukrainische Taktik beurteilen.“


Mehr News:


Die Ukrainer zahlten in diesem Krieg seit über 400 Tagen einen hohen Preis. „Ich glaube, wir haben weder die Sicht darauf, noch auch das Recht darauf, das ukrainische Vorgehen der Truppenteile in der Art und Weise zu beurteilen, ob es gut, schlecht, zweckmäßig oder unzweckmäßig war“, so Freuding.