Wandstärke und Hand-Belüftung – So funktioniert ein Bunker

Katrin Figge
Ein Hochbunker in Herne. Die meisten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg sind Normbauten.
Ein Hochbunker in Herne. Die meisten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg sind Normbauten.
Foto: Archiv/Olaf Ziegler, Funke Foto Services
Hässlich und grau – so kennt man Bunker. Vor allem im Ruhrgebiet stehen noch viele Betonklötze mitten in der Stadt. Aber wie funktioniert ein Bunker?

Essen. Foto: Stadtarchiv Gelsenkirchen

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Die meisten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg sind Normbauten: Hochbunker als graue Betonquader mitten in der Stadt. Tiefbunker sind zwar theoretisch sicherer – aber sie haben Nachteile: Ihr Bau ist teuer, dauert lange und verbraucht sechsmal mehr Material als ein Hochbunker mit gleichem "Schutzgrad".

Aber wie funktioniert ein Bunker eigentlich? Karsten Leidiger, Mitarbeiter des Bunkermuseums "Alte Heid" im Oberhausener Knappenviertel hat es uns erklärt.

Dachform von Hochbunkern 

Viele Hochbunker waren Normbauten und sahen in der Form gleich aus: ein Quader mit Flachdach. Einigen wurde aber auch ein spitzes Satteldach aufgesetzt: Zum einen diente es als Wohnhaus-Tarnung, zum anderen rutschen Bomben daran seitlich ab. Zumindest, wenn er ein Betondach war.

Bevorzugtes Ziel von Bomben waren die Bunker zwar nicht, dennoch sollten sie aussehen wie Häuser in der Nachbarchaft. Das hatte eher ästhetische Gründe (s. Fassade).

Auf einigen Bunkern, erklärt Karsten Leidiger, zeugt noch heute ein angeschrägter Schorstein davon, dass ein Satteldach geplant war.

Fassade von Hochbunkern 

Massiv und grau – dafür stehen Bunker. Dabei sahen die Pläne der Nationalsozialisten eigentlich ganz anders aus: Die meisten Luftschutzbunker sollten verkleidet werden. Darin spiegelt sich auch ein Architektur-Ideal des Dritten Reichs wieder: mächtige Bauwerke verschiedener Formstile, die Kraft ausstrahlten und Stärke zeigten. Eine Ästhetik der Kraft sozusagen, die auch auf die Menschen ausstrahlen sollte. Der nüchterne Bauhaus-Stil der 20er war als "undeutsch" verpönt, aber sein Funktionalismus schlich sich später trotzdem ein.

So sollten die Fassaden mit Klinker verkleidet, gestrichen oder mit falschen Fenstern versehen werden. Die Gebäude sollten im Stadtbild nicht auffallen. Deshalb waren auch Spitzdächer geplant.

Aber nur selten wurden die "Verpackungspläne" umgesetzt: Am Ende fiel die Ästhetik der Not zum Opfer. Material war knapp, und für Kosmetik blieb keine Zeit.

Decke, Mauern und Fundament von Hochbunkern 

Die Stärke von Decken und Mauern stieg mit der Zeit. Anfangs waren die Kriegsherren noch von einer geringeren Bombenlast ausgegangen – aber während des Kriegs entwickelten beide Seiten größere Bomben mit größerer Sprengkraft. Und die Bunker entwickelten sich mit, erklärt Karsten Leidiger.

Auch der Stahlbeton entwickelte sich. Allerdings in eine andere Richtung: Stahl war knapp. Anfangs strotzte der Beton noch vor Stahlstreben, aber am Ende wurde gespart. Ohne Stahl geht es aber nicht: Der Beton würde bei einem Treffen brechen. Stahl hält ihn "flexibel".

Decke und Fundament sind die massivsten Teile eines Hochbunkers. Sie haben aus statischen Gründen die jeweils gleiche Stärke und sind zwischen 1,40 und 3,50 Metern dick. Das Fundament ist meist breiter als der Bunker, damit ein Bombentreffer das Bauwerk nicht von unten aushöhlen konnte. Die Zwischendecken der Etagen sind etwas dünner. Die Mauern messen zwischen 1,10 und 2,50 Metern.

Zum Vergleich: U-Boot-Bunker an der Nordsee hatten bis zu 10 Meter dicke Decken. Allerdings ist die Mauerstärke bei Hochbunkern aus statischen Gründen begrenzt. Außerdem sind Tiefbunker nicht überall möglich: In sumpfigen Gebieten musste man auf ebenso verzichten wie dort, wo der Grundwasserspiegel direkt unter der Oberfläche liegt (etwa in Hamburg). Im Ruhrgebiet kam der Bergbau dazu.

Ein weiterer Vorteil von Hochbunkern: Detoniert direkt daneben eine Bombe, kann der Druck entweichen – anders als bei einer Detonation unter der Erde. Dort trifft die Druckwelle den Bunker wegen des Verdämmungseffekts ungleich härter. Allerdings lassen sich Tiefbunker dagegen schützen: Die Tiefe des Bunkers und die Stärke der Betonwände sind theoretisch unendlich. Die Stärke einer Hochbunker-Wand ist aus statischen Gründen begrenzt.

Frischluft und Belüftung im Bunker 

Hunderte Menschen, stundenlang auf engstem Raum zusammengepfercht , schwer atmend voller Furcht – und das ganz ohne Fenster? Das geht nicht ohne funktionierende Lüftung.

Allerdings liefen die Belüftungsanlagen der meisten Bunker per Strom. Wenn das öffentliche Netz ausfiel (und das kam nicht selten vor) wurde die Luft knapp. Von Erstickten in Großbunkern weiß Leidiger aber nichts. Nur in kleinen Privatbunkern sei das vorgekommen, erklärt er. Einen Generator hatten Bunker nur selten (s. Stromversorgung). Stattdessen gab es meist eine Notlüftung per Handbetrieb.

Die Luft wurde meist aus mehrfach verwinkelten Öffnungen in der oberen Etage angesaugt. Dort war die Luft am frischesten, vor allem, wenn es unten brannte. Die Lüftung erzeugte immer einen kleinen Überdruck im Bunker. So wollte man verhindern, dass Gas ins Innere eindringt. Gasangriffe auf die Zivilbevölkerung (s. Gasschleuse) gab es im Zweiten Weltkrieg zwar nicht, aber man hatte Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen – und dementsprechend große war die Angst..

Übrigens: Luftschutzbunker wurde auch zu Nichtangriffs-Zeiten gelüftet. Die Öffnungen erkennt man von außen als regelmäßig über die Wand verteilte Löcher. Die Rohre liefen aber nicht gerade durch den Beton ins Innen, sondern waren wie alle Öffnungen nach außen (s. Türen) mindestens dreifach verwinkelt. So schluckte die Bauweise bei einem Treffer zumindest einen Teil der Druckwelle. Aber bei einem Luftangriff wurden alle Löcher von innen mit einem Stopfen verschlossen.

Stromversorgung und Licht im Bunker 

Zivilschutzbunker waren ans öffentliche Stromnetz angeschlossen – meist von zwei Seiten, also an zwei unabhängigen Netze. Zuverlässig war die Stromversorgung dadurch aber noch lange nicht.

Bei einem Stromausfall sah es duster aus. Dann wiesen oft nur noch phosphoreszierende Markierungen an Türen, Ecken und Stufen den Weg durch die Dunkelheit. Und das kam nicht selten vor. Es gab aber auch Leuchten mit Batteriebetrieb. Die waren nicht sonderlich hell, aber taten ihren Dienst. Bei einem Blackout wurde auch die Luft stickig (s. Belüftung).

Die ersten Bunker hatten noch einen eigenen Generator zur Notstromversorgung. Aber die seien später verboten worden, erklärt Leidiger. Die teuren Geräte wurden an anderer Stelle gebraucht, vor allem in der Industrie.

Toiletten und Wasser im Bunker: 

Toiletten und Waschbecken gehörten zur spartanischen Einrichung jedes Bunkers. Das war's dann auch schon mit der Infrastruktur. Das Wasser kam meist aus dem öffentlichen Netz und war bei Fliegerangriffen dementsprechend störungsanfällig. Ein paar Bunker hatten aber auch einen eigenen Grundwasser-Brunnen.

Später verzichtete man beim Bunkerbau auf aufwändige Klos mit Wasserspülung. Dann mussten Trockentoiletten (Komposttoiletten) als Alternative reichen.

Küche und Vorrat im Bunker: 

Verpflegung gab es in Zivilschutzbunkern eigentlich nicht, weiß Karsten Leidiger. Stattdessen versorgten sich die Menschen selbst. Wer einmal unvorbereitet stundenlang im Bunker gesessen hatte, hatte daraus gelernt: Die meisten hatten immer ein Köfferchen mit dem Nötigsten gepackt – Papier, Geld, Schmuck, Henkelmann, Erinnerungen.

Dieses Bunkergepäck war oft das Einzige, was Ausgebombte noch besaßen. Und die Kleidung am Leib: Zum Schlafen legte man sich in voller Montur, damit es beim nächtlichen Fliegeralarm schneller ging.

Medizinische Versorgung im Bunker: 

Eigentlich sollte immer ein Arzt im Bunker sein. Eigentlich – denn das war nur selten der Fall. Mediziner wurden anderswo gebraucht. Im Krankenhaus, im Feldlazarett an der Front. Stattdessen war eine Krankenschwester im Dienst. Sie hatte einen Versorgungsraum in einer unteren Etage. Aber mehr als Erste Hilfe war meist nicht drin.

Gasschleusen im Bunker: 

Die Nationalsozialisten hatten ihre Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen. Damals wurde bei Angriffen oft Giftgas eingesetzt. Allerdings verzichteten die Kriegsparteien im Zweiten Weltkrieg weitgehend darauf.

Dennoch gab es in jedem Luftschutzbunker mindestens eine Gasschleuse. Durch den verwinkelten Eingang (s. Eingänge und Türen) ging es in einen Raum, der nochmals vorne und hinten mit einer Tür abgetrennt war. Hier hätten sich Konterminierte waschen und die Kleider wechseln können. Der Überdruck (s. Belüftung) sollte Gas nach außen drücken, die zweite Tür hätte nur geöffnet werden dürfen, wenn die erste geschlossen war.

Organisation und Bunker-Hierarchie: 

Anfangs lief es – in aller Hektik und Not – noch in recht geregelten Bahnen ab: Anwohner des Gebiets, in dem der Bunker stand, hatten meist einen Bunkerausweis, auf dem ihnen ein Platz zugewiesen wurde. In den Luftschutzbunkern früher Bauart gab es sogar kleine Räume für sechs Personen, damit einer Familie oder Nachbarn unter sich waren und es nicht so schnell zu Streit kam. Später wurde die Räume dann größer, um mehr Menschen unterbringen zu können.

In den letzten Kriegsjahren wurde die Platz-Zuweisung oft über den Haufen geworfen. Nachbarn waren geflüchtet, verschwunden, gestorben. Neue Bewohner kamen dazu. Und überhaupt: Zur Zeit der schwersten Bombenangriffe sollen möglichst viele Menschen um Bunker Schutz finden.

Bunkerexperte Leidiger weiß von Augenzeugen aber auch: Die untere Etage, die als am sichersten galt, war oft Parteifunktionären vorbehalten. Inoffiziell natürlich.

Über die Ordnung an den Eingängen und im Bunker sorgte der Bunkerwart. Er wohnte meist direkt am Bunker, schloss beim Fliegeralarm die Türen auf und wies am Ende die Schutzsuchenden ab, die nicht mehr in den Bunker passten. Eine Hand voll Schutzmänner halfen ihm dabei, zumal es nie nur einen Eingang gab. Im Bunker selbst hatte der Bunkerwart seinen eigenen Raum, in dem er per Telefon Kontakt nach außen halten konnte.

Eingänge und Türen zum Bunker: 

Es gab mindestens zwei Eingänge zum Bunker, manchmal sogar sechs. Im Ernstfall musste es ja schnell gehen. Dicke Stahltüren riegelten den Bunker von außen ab. Allerdings waren sie nicht so dick wie man denken mag, weiß Leidiger: Stärker als 5 Zentimeter waren sie selten.

Auf die Tür kam es am Ende aber auch nicht an. Wichtiger war die Gestaltung des Ganges dahinter. Ein paar Meter geradeaus, dann nach rechts, ein paar Meter wieder zurück und dann nach links – erst dann stand man im eigentlichen Bunkerinneren. Jeder Eingang, sogar jedes Lüftungsrohr, knickte mindestens zweimal im 90-Grad-Winkel ab. Das schluckte im Falle einer Detonation einen großen Teil der Druckwelle und diente zudem als Splitterschutz.

Den selben Effekt hatten Betonwände rechts und links des Eingang. Ein solcher Erker wurde oft auch nachträglich an Zivilschutzbunker gebaut.

Hinweisschilder zum Bunker und Kennzeichnung: 

Wo ist der nächste Bunker? Die Anwohner wussten das zwar meist, dennoch gab es überall in der Stadt verteilt Hinweisschilder. Teils waren es übliche Straßenschilder, oft waren auch einfach Pfeile an die Häuserwände gemalt.

Manchmal wurde dafür phosphoreszierende Farbe benutzt – wegen der Verdunkelung (nächtliches Lichtverbot, um Fliegern nicht den Weg zum Angriffsziel zu weisen) waren ja die Laternen ausgeschaltet.