Licht und Schatten
05.11.2009 | 18:42 Uhr 2009-11-05T18:42:00+0100
Recklinghausen. Programm mit alternativem Stadtrundgang, Pogrom-Gedenkstunde, Lesung vor und hinter dem Zaun
Die Gedenkkultur hat einen hohen Stellenwert in Recklinghausen. Das Erinnern an die Schrecken und die Folgen der Nazi-Herrschaft bekommt in diesen Tagen ganz neue Aktualität, seitdem für den 28. November eine Kundgebung von Neonazis aus dem Ruhrgebiet angemeldet wurde – die WAZ berichtete. Der Verein für Orts- und Heimatkunde und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit setzen dagegen eine Reihe von Veranstaltungen, an denen nicht zuletzt Jugendliche aktiv teilnehmen werden.
Erinnerung und Mahnung
Samstag, 7. November: alternativer Stadtrundgang, Treffpunkt 15 Uhr, Erlbruchpark hinter dem Rathaus.
Montag, 9. November: Gedenkstunde am Mahnmal Herzogswall/Westerholter Weg, Beginn 17.30 Uhr.
Mittwoch, 11. November: Vortrag von Winfried Nachtwei über die Gedenkstätte in Riga, 19 Uhr, Aula des Petrinums, Herzogswall 29.
Sonntag, 15. November: Gedenkstunde zum Volkstrauertag, 11 Uhr, Ehrenmal am Lohtor.
Sonntag, 22. November: Open-Air-Lesung am Zaun der Zeche König-Ludwig, Beginn jeweils 15 Uhr, 15.15 Uhr, 15.30 Uhr, 15.45 Uhr. Zugang über Radweg von der Ortlohstraße 20.
„Das Leben in unserer Stadt war und ist von Licht und Schatten geprägt. Beides hat seinen Platz, und das wird am Samstag in besonderer Weise deutlich”, sagt Georg Möllers vom Verein für Orts- und Heimatkunde. Am 7. November geht die Aktion „Recklinghausen leuchtet” zu Ende, die Gebäude in der Altstadt in attraktives Licht setzt. Hunderte von Besuchern sind Abend für Abend unterwegs, um das farbige Spektakel zu erleben. Ganz so viele werden an dem alternativen Stadtrundgang wohl nicht teilnehmen, den Möller und VHS-Leiter Jürgen Pohl begleiten.
„Wo du gehst und stehst” heißt das Buch, das die Geschichte von Gewaltherrschaft und Widerstand während der Nazi-Zeit an Gebäuden, Straßen und Plätzen verortet, die es bis heute gibt. „Polizeipräsidium, Synagoge, Häuser jüdischer Familien, das Ikonenmuseum, in dem die Zentrale der NSDAP untergebracht war – insgesamt 15 Stationen werden während der anderthalbstündigen Führung an unserem Weg liegen”, erläutert Jürgen Pohl.
Wie in jedem Jahr findet am Montag, 9. November, am Mahnmal am Herzogswall die Gedenkfeier des Novemberpogroms (von 1938) statt. Erinnert wird an den Beginn der gewaltsamen Übergriffe der Nationalsozialisten auf jüdische Geschäfte und Bürger.
Der Terror gipfelte schließlich in Deportation und Ermordung von Millionen Juden in Vernichtungslagern. Eines davon stand nahe der lettischen Hauptstadt Riga. Etwa 40 000 Jüdinnen und Juden verloren dort ihr Leben, auch Recklinghäuser wurden dahin verschleppt. Ein Mahnmal erinnert an diese Greueltaten, das internationale Riga-Komitee kümmert sich um die Pflege dieser Gedenkstätte. Recklinghausen ist 2009 dem Riga-Komitee beigetreten.
Zu den Initiatoren gehört der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei. Er wird am Mittwoch, 11. November, in Recklinghausen über das Mahnmal und die Arbeit des Komitees berichten. Sein Vortrag wird ergänzt durch Eindrücke von Jugendlichen aus Recklinghausen, die im Sommer an der Aufstellung des Gedenksteins für die Opfer aus dem Vest teilgenommen haben.
Eine außergewöhnliche Lesung folgt am Sonntag, 22. November, also knapp eine Woche vor der geplanten Neonazi-Kundgebung: Am Zaun der ehemaligen Zeche König-Ludwig geht es um den Roman „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama” von John Boyne. Schüler und Erwachsene zerlegen den Text in Abschnitte, die entsprechend der Handlung des Buches vor und hinter dem Zaun gelesen werden. Die Zuhörer bewegen sich dabei von Station zu Station, von Kapitel zu Kapitel – ein Experiment, Literatur auf neue Art wahrzunehmen.
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