Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Kriminalität

Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung

16.09.2009 | 11:35 Uhr
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung

Essen. Nach Gewalttaten auf offener Straße wie in München, werden die Rufe nach einer flächendeckenden Video-Überwachung lauter. Großbritannien ist schon mit rund 4,2 Millionen Kameras gepflastert. Eine Polizei-Studie entlarvt dieses landesweite Überwachungs-System jedoch als Aufklärungs-Niete.

Anfang der 90er-Jahre sollten die Kameras zunächst für die Sicherheit in den Einkaufszentren sorgen. Dann machte die britische Labour-Regierung das Video-Überwachungssystem CCTV (closed-circuit-television) zu einem wichtigen Instrument der Kriminalitätsbekämpfung. Doch die ausschweifende Überwachungs-Euphorie hat nun einen herben Dämpfer erhalten: Laut einem internen Bericht der Londoner Polizei wird pro 1.000 Überwachungskameras lediglich ein einziges Verbrechen aufgeklärt.

Das ist insbesondere so bitter, weil laut BBC landesweit rund 500 Millionen Pfund in das Überwachungs-System geflossen sind. Nach Zahlen aus dem Jahre 2003 gibt es etwa 4,2 Millionen Überwachungskameras in Großbritannien, also eine Kamera für 14 Einwohner. Jeder Brite gerät durchschnittlich 300 Mal am Tag ins Kamera-Visier. Trotz dieser intensiven Überwachung werden in London beispielsweise jedoch nur drei Prozent der Diebstähle auf offener Straße mit Hilfe von Video-Kameras aufgeklärt, bemängelt Mike Neville, Leiter des Bereichs Video-Überwachung bei Scotland Yard. Diese Quote sei „ein Fiasko“.

Kameras nur an Brennpunkten

Gegen eine flächendeckende Video-Überwachung: GdP-Vorsitzender Konrad Freiberg. Foto:ddp

Von einer flächendeckenden Überwachung ist Deutschland weit entfernt, versichert Konrad Freiberg, Chef der Polizeigewerkschaft GdP: „Wir haben viel Video-Überwachung im privaten Breich. Aber im öffentlichen Bereich gibt es sie nur an einzelnen kriminalistischen Brennpunkten.“ Laut NRW-Innenminsterium hat die Polizei an Standorten in Bielefeld, Mönchengladbach, Düsseldorf und Aachen eigene Kameras installiert. Eine flächendeckende Video-Überwachung wie auf der britischen Insel hält Freiberg ohnehin für wenig sinnvoll. „Es muss auch immer jemand da sein, der sich die Video-Bänder ansieht“, gibt er zu bedenken.

Eben dieser Punkt scheint ein wesentliche Schwachstelle des britischen Konzeptes zu sein. Laut Mike Neville würden die aufgezeichneten Bänder oftmals gar nicht gesichtet. Ferner gebe es zu wenig geschultes Personal dafür. Auch die Abschreckungswirkung der Kameras sei gering: Viele Kriminelle gingen von vornherein davon aus, dass die Kameras nicht funktionstüchtig seien.

Mensch statt Technik

„Man kann nicht nur auf Technik setzen. Es müssen Polizisten vor Ort sein, die man sehen und spüren kann“, meint der Sprecher der Essener Polizei, Hans-Peter Elke. In der Ruhr-Metropole gebe es keine öffentlichen Plätze, die von der Polizei per Kamera überwacht werden. Ausnahme seien die Bahnhofsvorplätze. Auf die Kameras der Deutschen Bahn kann die Bundespolizei bei Bedarf zugreifen.

Gänzlich verteufeln möchte Elke die Video-Überwachung jedoch auch nicht. So könnte es durchaus hilfreich sein, wenn sich die Polizei bei Notfällen in private Überwachungsysteme, beispielsweise von Geschäften, einklinken würde. „Je schneller wir mehr Informationen vom Einsatzort bekommen, desto effektiver können wir unsere Maßnahmen gestalten.“

73 Prozent wollen vollständige Überwachung

Auch die Mehrheit der Deutschen steht den "künstlichen Augen", die das Leben an öffentlichen Plätzen beobachten, nicht abgeneigt gegenüber. Ganz im Gegenteil: Laut einer aktuellen Forsa-Studie halten 73 Prozent der Bundesbürger eine vollständige Überwachung von öffentlichen Plätzen und Gebäuden bis hin zu großen Einkaufszentren für richtig.

GdP-Chef Freiberg kann den Wunsch nach Video-Überwachung zumindest im Bereich des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs nachvollziehen. „Bei dieser Video-Überwachung ist die Verbrechensbekämpfung zweitrangig. Wichtiger ist es da, das subjektive Sicherheitsbefinden zu stärken.“ (mit Afp)

Marc Wiegand

Facebook
 
Kommentare
19.09.2009
19:33
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von faktenfaktenfakten | #14

Wir brauchen mehr Polizisten und nicht mehr Videoüberwachung, hier wird am falschen Fleck gespart..Wer etwas über die wahren Zustände wissen möchte, liest hier einen Erfahrungsbericht....

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,649096,00.html

19.09.2009
19:33
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von Thomas.Lau | #13

Das Frau Merkel uns gerne überwachen lassen würde glaube ich gerne. Sie kennt das ja nicht anders und so eine Person ist Bundeskanzlerin.

Was nützt mir eine Kamera? Die Kamera hilft mir in Notsituationen ganz bestimmt nicht.

17.09.2009
12:31
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von kohlenschipper | #12

Laut Presseportal wurde die Studie vom Dt. Beamtenbund und der Tarifunion (Gewerkschaftsdachverband öffentl Dienst, also auch von Polizei und Ordnungsbehörden) durchgeführt.

Url zum Text der Studie: http://www.dbb.de/dbb-beamtenbund-2006/dbb-pdf/forsa_sicherheit_2009.pdf

Siehe auch den Artikel vom 10.9. :
http://www.derwesten.de/nachrichten/nachrichten/politik/2009/9/10/news-132648413/detail.html

16.09.2009
11:39
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von Tobiasgo | #11

Stasi und Gestapo... oder worauf soll das noch alles hinauslaufen??

16.09.2009
09:02
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von Kellerhoff | #10

Bemerkenswert, wie intensiv in letzter Zeit für dieses Thema getrommelt wird. Herr Rüttgers dürfte nach seinen Erfahrungen mit Video-Aufzeichnungen kaum dahinter stecken.
Kann es sein, daß unserer paranoider Innenminister jetzt schon die Gewerkschaft vorschiebt, um den Boden für seine umfassenden Pläne zu bereiten?

16.09.2009
08:31
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von jajablabla | #9

Forsa-Studie............., mhm, und wer hat die bezahlt, Vatter Staat der alles überwachen will!
Gegen einen Überwachungsstaat, für mehr Polizeipräsenz, vor allem Nachts, z.B. vor der Post am Essen Hbf...................

16.09.2009
08:30
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #8

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

16.09.2009
08:27
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #7

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

16.09.2009
08:19
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von nics | #6

Da muss leider unbedingt mit diesem Link-Tipp hier Antworten:

http://rettedeinefreiheit.de/

...anschließend würde mich interessieren, WER denn bitte immer lauter nach flächendeckender Video-Überwachung ruft.

16.09.2009
07:58
Erbärmliche Aufklärungsquote bei Video-Überwachung
von Colorado1104 | #5

Die Vorfall in München kann wirklich nicht für den allgemeinen Gewaltzustand in Deutschland stehen. Vielmahr versucht Mr. Schäuble dieses schreckliche Ereignis für sich und seine politischen Ziele (Überwachungsstaat) zu nutzen. Wir werden feststellen dass nach der ersten scheinheiligen Traue der Politiker, bald wieder die Rufe nach mehr Sicherleit laut werden.

Hierzu mal eben zwei kurze Videos:

http://nuoviso.tv/kurzfilme/rette-deine-freiheit.html

http://nuoviso.tv/krieg-und-frieden/wehret-den-anfaengen.html

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6750/create

Umfrage
Die Finalistinnen bei „Germanys next Topmodel“ stehen fest . Wer ist Ihre GNTM-Favoritin?
 
Fotos und Videos
Die schönsten Leserbilder
Bildgalerie
C-L-Finale
Die stärksten Bilder der Woche
Bildgalerie
Rückblick
Tödliche Familientragödie
Bildgalerie
Mord
Süße Alpaka-Babys
Bildgalerie
Tierisch
Aus dem Ressort
16 Kinder und eine Lehrerin sterben bei Busbrand in Pakistan
Unglück
Bei einem Feuer in einem Schulbus in Pakistan sind 16 Kinder und eine Lehrerin gestorben. Sieben weitere Kinder wurden verletzt, fünf davon schwer. Der Fahrer des Busses flüchtete nach Ausbruch des Feuers. Die Ursache des Brandes wird noch untersucht.
Zoo-Angestellte stirbt nach Tiger-Attacke
Raubtierattacke
Eine 24-jährige Zoo-Angestellte ist nach einem Tiger-Angriff ihren Verletzungen erlegen. Die Frau hielt sich im Raubkatzengehege eines Zoos in Dalton-in-Furness im Nordwesten Englands auf, als sie von einem Tiger gebissen wurde. Ein Hubschrauber brachte sie in ein Krankenhaus, wo sie starb.