Gelsenkirchen

„Er ist im Überlebensmodus“ - Psychologin erklärt die Flucht von Samir B.

Die Polizei fahndete tagelang nach Samir B.
Die Polizei fahndete tagelang nach Samir B.
Foto: Polizei
  • Seit drei Tagen ist Samir B. auf der Flucht
  • Er soll seine Freundin Esra getötet haben
  • Tausendfach wurde sein Foto im Netz geteilt
  • Was macht das mit einem Flüchtigen?

Gelsenkirchen. Seit drei Tagen ist Samir B. auf der Flucht. Am Montag wurde die Leiche seiner Freundin Esra (26) im Schlafzimmer ihrer Wohnung gefunden. Seit Dienstagabend sucht die Polizei öffentlich nach dem 35-jährigen Gelsenkirchener. Er gilt als dringend tatverdächtig. Doch bislang fehlt von ihm jede Spur.

Tausendfach wurde das Fahndungsfoto der Polizei über die sozialen Netzwerke geteilt. Strenger Blick, Vollbart, muskelbepackter Oberkörper: Samir B. kann nun davon ausgehen, dass fast jeder im Ruhrgebiet sein Gesicht kennt. Was bedeutet das für seine Flucht? Wird er jetzt panisch? Stellt er sich angesichts des öffentlichen Drucks gar der Polizei?

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„Aus vergleichbaren Fällen wissen wir, dass sich so verhaltende Täter zunächst nicht der Verantwortung stellen wollen", sagt Lydia Benecke, Kriminalpsychologin aus Köln. Nach drei Tagen Flucht scheine es immer unwahrscheinlicher, dass er von sich aus zu einer Polizeiwache gehen wird.

Die Psychologin hat sich unter anderem das Facebook-Profil des mutmaßlichen Täters angesehen. So können aus der Erfahrung mit unterschiedlichen Tätertypen vorsichtige Rückschlüsse auf seine Motive und Verhaltensweisen gezogen werden. „Wie viele Täter dieses Typus hat er sein Selbstwertgefühl total an seine Beziehung geknüpft, sich stark auf diese fixiert."

Das Profil sei ein Gemeinschafts-Profil mit seiner Freundin Esra. Seit einem halben Jahr sind sie zusammen. Seitdem sind die Fotos öffentlich. Deren Inhalt immer der gleiche: die Beziehung der beiden.

Als würde man ihm einen Arm abschneiden

Benecke: „Es ist ihm wichtig mitzuteilen, dass er anderen auch so eine Beziehung mit einer so tollen Freundin wünscht. Er trägt die Beziehung bewusst nach außen.“

Das führe allerdings dazu, dass jede Andeutung von Trennung eine existentielle Bedrohung für Samir darstelle. „Solche Täter empfinden ihren Partner ab einem gewissen Punkt als einen Teil ihrer selbst. Würde sie sich trennen wollen, würde er es als so unerträglich empfinden, wie wenn man ihm den Arm abschneiden würde."

Die Psychologin glaubt, dass eine solche Krise zur Tat geführt haben könnte. Esra kam durch einen Schlag auf den Kopf zu Tode, bestätigte die Polizei. Impulsdurchbruch nennt das die Psychologin.

Die Tat sei daher auch sehr wahrscheinlich nicht geplant gewesen. Der mutmaßliche Täter war danach selbst von sich geschockt, so Benecke. Anders als ein kaltblütiger Killer hat er nun nämlich sogar zwei Probleme: „Er muss sich nicht nur verstecken, sondern auch damit klarkommen, was er getan hat. Viele vergleichbare Beziehungstäter haben dann erst einmal das Bedürfnis, vor der Situation insgesamt zu fliehen, nicht nur sich zu verstecken."

Samir B. habe wahrscheinlich zunächst keinen ausgeklügelten Fluchtplan gehabt, sondern folgte eher einem Fluchtreflex, so Benecke. Er befinde sich in einem „Überlebensmodus“.

Erst in der Zelle kommt die Erinnerung

Es gebe Täter, die würden nach Tötungsdelikten seelenruhig zum Fußballtraining fahren, sagt die Psychologin. Sie verdrängen die Tat. Auch Samir B. wird sich erst einmal in Bewegung gesetzt haben: „Solange müssen die Täter nicht über das Geschehene nachdenken. Meist kommen erst in der Zelle die Erinnerungen an die Tat mit voller Wucht zurück."

Doch dem 35-Jährigen wird klar sein, dass er sich nicht auf Dauer verstecken könne, so Benecke. Nachdem Täter von solchen Affekthandlungen zunächst verwirrt und emotional aufgewühlt sind, kommt es bei ihnen zu einer Rationalisierung. „Solche Täter schwanken dann zwischen Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen an das Opfer. In ihrem Selbstbild meinen sie: „Ich bin zu einer solchen Tat doch eigentlich überhaupt nicht fähig“.

Kriminelle Vorerfahrung könnte genutzt werden

Dass jetzt öffentlich nach Samir B. gefahndet wird, muss nicht bedeuten, dass er nun panisch wird, so die Psychologin. Wenn Täter bereits kriminelle Vorerfahrungen gemacht haben, können sie diese Erfahrungen bei der Flucht nutzen. Zu derartigen Hintergründen wurden von der Polizei allerdings keine Informationen veröffentlicht.

Auch dass sich Samir jetzt irgendwo versteckt hält, um nicht erkannt zu werden, müsse nicht sein. „Es kommt sehr stark auf die persönlichen Vorerfahrungen eines Täters an. Ein Täter hat mir berichtet, dass er sich nach der Fahndung nur noch draußen aufgehalten hat. Er sagte, da kenne er sich aus. Wenn er in der Wohnung bliebe, bliebe ihm nur das Fenster, wenn die Polizei kommt." (ds)

 
 

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