Veröffentlicht inEssen

Essen: Gruppenvergewaltiger wieder auf freiem Fuß! Anwalt ratlos – „Wo steuern wir hin?“

Sie haben mehrere Gruppenvergewaltigungen in Essen begangen. Jetzt sind sie wieder frei. Einer ihrer Strafverteidiger verrät, wie es um die „Skorpione“ steht.

u00a9 Andru00e9 Hirtz / FUNKE Foto Servic

Anwalt von Dean Martin L. : "Müssen differenzieren zwischen Tathandlungen und freiwilligen Situationen"

Am Freitag ist vor dem Landgericht Essen der Prozess gegen fünf Männer wegen des Vorwurfs mehrerer Gruppenvergewaltigungen gestartet.

Ihre abscheulichen Taten in Essen haben die Menschen bis weit über die Grenzen des Ruhrgebiets geschockt. Zwischen 2016 und 2018 hat eine Bande von Jugendlichen mehrere Mädchen in den Wald gelockt und brutal vergewaltigt.

Als Lockvogel schickten sie Dean Martin L. vor. Ein Frauenschwarm, der die Mädchen nacheinander in die Falle locken sollte. Genau wie die anderen Beteiligten musste der damals 18-Jährige für mehrere Jahre hinter Gitter. Mittlerweile ist Dean Martin L. wieder auf freiem Fuß. Im Interview mit DER WESTEN spricht Strafverteidiger Hans Reinhardt über seinen Mandanten – und wie es um die Gruppe steht, die sich damals „Spinnen“ und „Skorpione“ genannt hatte.

Essen: Gruppenvergewaltiger wieder frei

Sie verabredeten sich in Whatsapp-Chats, ließen ihren Lockvogel los und spannten ein Netz um ihre Opfer. Dann schlugen sie gemeinsam zu. Ihr perfides Vorgehen schilderte Hans Reinhardt zuletzt im Podcast „Advokaten des Bösen“. Nach der Verurteilung habe er keinen Kontakt mehr zu seinem Mandanten gehabt, erklärt der Strafverteidiger im Gespräch mit DER WESTEN. Aber er versichert: „Die Gruppe ist zerschlagen.“


Mehr zu dem Fall:


Woran Hans Reinhardt das festmacht? Schon während des Prozesses habe es keinerlei Kontakt zwischen den Teenagern mehr gegeben. Nach ihrer Verurteilung kamen alle in verschiedene Haftanstalten. Und nach ihrer Freilassung sei keiner von ihnen mehr in Erscheinung getreten. Der Fall beschäftigt den Anwalt dennoch bis heute.

Anwalt beklagt Verrohung unter Jugendlichen

Denn die Entwicklung der vergangenen Jahre sei erschreckend. Hans Reinhardt beobachtet eine zunehmende Verrohung Heranwachsender. Er verweist dabei unter anderem auf den Mord an Luise (†12) aus Freudenberg, die von Mitschülerinnen (beide 12) bestialisch erstochen wurde (mehr dazu hier >>>). Ganz aktuell haben zwei Jugendliche in Essen einen 15-Jährigen gefoltert (alles dazu hier >>>).

Hans Reinhardt (re.) mit seinem Mandanten und Rechtsanwältin Gönül Üstebay (li.). (Archivbild) Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Servic

„Wo steuern wir hin“, fragt sich der Jurist angesichts solcher Gewalttaten. Er nennt die Sozialen Medien als einen der Katalysatoren der Verrohung. „Hätten wir die nicht, würde es viele Arten von Verbrechen gar nicht geben“, so Reinhardt. Junge Leute hätten hier Zugang zu zügelloser Pornographie und Gewalt, können sich einander Pläne und Fotos schicken. „Da braucht man kein großer Experte sein, dass das schädlich ist und hier falsche Bilder entstehen.“ Die Gruppenvergewaltigungen in Essen hatten gezeigt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn sich Jugendliche zusammentun und eine Gruppendynamik nicht mehr aufzuhalten ist.


Mehr Themen:


Angesichts solcher maßlosen Gewalttaten gibt es mittlerweile Stimmen, die eine Herabsetzung der Strafmündigkeit bis ins Kindesalter fordern. Davon hält der Jurist allerdings nichts. Denn auch in anderen Ländern mit weitaus höherem Strafmaß (z.B.: USA) gebe es nicht weniger Gewalt.

Stattdessen sei es nötig, mögliche Gefahren früher zu identifizieren. Hierbei nimmt der Jurist nicht nur Ermittler in die Pflicht, sondern auch Lehrkräfte und Sozialarbeiter. Dazu sollten Eltern den Kontakt untereinander suchen, um etwaige Gewalttendenzen zu erkennen. Zudem unterstützt der Strafverteidiger die Idee von Medienkompetenztrainings, bei der Fachkräfte von außen Schülerinnen und Schüler über die Risiken im Netz aufklären. Es brauche mehr Gesprächsangebote, um die teilweise brutalen und menschenverachtenden Inhalte in Sozialen Medien einzuordnen. Damit sich Taten wie die Gruppenvergewaltigungen in Essen nicht wiederholen.