Essen

Ex-Bandit und Clan-Insider mit provokanter These: „Essen ist verloren - verloren an die Araber!“

Hammed Khamis sagt über die Großrazzia gegen kriminelle Clans: „Da hat sich NRW-Minister Reul lächerlich gemacht.“
Hammed Khamis sagt über die Großrazzia gegen kriminelle Clans: „Da hat sich NRW-Minister Reul lächerlich gemacht.“
Foto: Stefan Arend/Funke Foto Services / privat - Montage: DER WESTEN

Essen. „Essen ist Rock'n' Roll“, sagt Hammed Khamis (38). „Essen ist verloren.“

„Verloren an die Araber“, sagt Khamis. Seine Formulierung ist überspitzt. Aber er spricht ein Problem an, mit dem er sich auskennt.

Hammed Khamis machte als Bandit Karriere, landete im Knast, schaffte den Absprung und wurde Streetworker, Journalist und erfolgreicher Autor. Er ist selbst arabischer Herkunft. Genauer gesagt ist er Mhallami - so wie viele der Familien, die gemeint sind, wenn von Libanesen-Clans die Rede ist.

Ex-Bandit über Groß-Razzia gegen Clans: „Da hat sich Reul lächerlich gemacht“

Hammed Khamis ist ein gefragter Mann derzeit. Das bringt seine Biografie mit sich. Denn er kennt sich aus mit Clans, hat die Kontakte. Doch er hat auch eine klare Meinung: „Es sind nicht nur die Araber schuld, auch die Kommunen“, sagt er mit Blick auf das Ruhrgebiet. In NRW hat Innenminister Herbert Reul den kriminellen Mitglieder der Clans den Kampf angesagt.

Da muss Khamis lachen: „Reul ist ein Ex-Lehrer, er ist mir auch sympathisch. Aber mit der Razzia hat er sich lächerlich gemacht. 1.300 Polizisten finden ein paar kleine Jungs und ein bisschen Tabak.“

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„Dumm und unverständlich“

Das sei „dumm und unverständlich“ gewesen. Dabei ist das Argument der Sicherheitsbehörden: Es geht nicht um den einen großen Schlag gegen die Clans. Das Problem sei nicht in ein paar Monaten erledigt, wie NRW-Justizminister Peter Biesenbach erst vor wenigen Wochen in Essen bei einer Pressekonferenz sagte. Vielmehr will man die Clans mit vielen, wiederkehrenden Aktionen mürbe machen und die Ermittlungen vorantreiben.

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Khamis wünscht sich hartes Durchgreifen, aber auch Dialog

Khamis findet: „Greift härter durch.“ Aber zugleich fordert er den Dialog. Alles andere führe zu noch mehr Spaltung.

Der Mann, der für eine Reportage über den „Dschungel von Calais“ für den Grimme Online Award nominiert war, wird nicht müde zu betonen: Die große Mehrheit der Mhallami ist nicht kriminell. Sein Neffe sei Bauingenieur, andere Verwandte Radiologen, Apotheker, Schaffner, die Nichte Verwaltungsangestellte.

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„Du kannst nicht arbeiten, du hast kein Geld“

Khamis kommt im Bauch seiner Mutter aus dem Libanon nach Deutschland, wird hier Ende der 70er als elftes von 14 Kindern geboren.

Er hat eine „tolle Kindheit“ im Osnabrücker Gastarbeiterviertel Sandgrube. Je älter er wird, desto mehr wird ihm bewusst, dass er anders ist als die deutschen Jungs. Da ist dieses graue Ding, der Flüchtlingsausweis.

Als er als Teenager in die Disko will, lehnt der Türsteher ihn ab. „Du kannst nicht arbeiten, du hast kein Geld“, so die Begründung, während Khamis mit zehn, 15 Mark vor ihm steht. Irgendwann sagt er sich „Fickt euch!“ - er will nicht mehr dazugehören.

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Wie Tausende Flüchtlinge aus dem Libanon ist er nur geduldet - bis er 19 Jahre alt ist. Am 15. Mai 2001 - er weiß es noch genau - erhält er den deutschen Pass. Er ist der erste in der Familie, der einen solchen Pass bekommt.

Einbrüche, Schlägereien - teure Autos, schöne Frauen

Aber auch der erste, der im Gefängnis landet. Denn nach dem Tod seiner Mutter schlittert er auf die schiefe Bahn. Er bricht in Häuser ein, erledigt die Drecksarbeit für andere, die sich die Fäuste nicht schmutzig machen möchten.

Wie in den Charts: „Du kannst aufsteigen und fallen“

Es läuft gut - so denkt er damals: teure Autos, VIP-Bereich, in jeder Stadt eine Freundin. Doch es sei wie in den Charts: „Du kannst aufsteigen und fallen.“ Und nach dem Aufstieg kommt der Fall.

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Khamis landet in U-Haft. Fünf Monate verbringt er dort: Wegen Raub, Erpressung, Körperverletzung.

Khamis wird Streetworker, Journalist und Autor

2006 krempelt er sein Leben um, steigt aus dem kriminellen Milieu aus. Er macht sein Abi, geht nach Berlin und schreibt ein vielbeachtetes Buch über seinen Werdegang: „Ansichten eines Banditen“. Als Streetworker arbeitet Hammed Khamis mit Jugendlichen, konfrontiert Teenager mit Migrationshintergrund mit einem schwulen Kampfsportler, einer Politikerin oder einem Gehörlosen.

Mittlerweile ist er als investigativer Reporter für einen TV-Sender tätig und hat sein drittes Buch geschrieben. Es handelt von der Liebe zwischen einem nationalistischen Türken und einem PKK-Mädel - und der Selbstbestimmung der Frau.

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„Alle wollen mit den Arabern abhängen“

„Ich bin dankbar für das, was ich heute bin“, meint er. „Aber ich habe die Straße nie verlassen.“ Er ist nach wie vor gut vernetzt - und weiß wie die Clans ticken. Geld sei das eine für sie, Respekt und Ehre das andere. Die einseitige mediale Berichterstattung stößt ihm unangenehm auf. Deshalb versucht er aufzuklären, etwa über das Phänomen Clan-Boss: „Der Vater ist das Oberhaupt, dem sich alle unterordnen. Aber es gibt keinen Mann mehr, der die Stärke hat, alle zu unterwerfen.“

Die Faszination für Clans, wie sie Serien wie „Dogs of Berlin“ oder „4Blocks“ zeigen, kann er aus eigener Erfahrung bestätigen. „Die Leute wollen alle mit den Arabern abhängen. Sie haben die heißesten Mädels, sie umgeben sich mit den Rappern, den Schauspielern.“

Will der Staat die Kriminalität der Clans in den Griff kriegen, muss er auf Dialog setzen, findet Hammet Khamis: „Denn ohne uns geht es nicht mehr.“

 
 

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