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Duisburger Comedian Abdul Chahin über den Konflikt der Palästinenser: „Die Juden sind nicht unser Feind“

Der Duisburger Comedian mit palästinensischen Wurzeln, Abdul Chahin, spricht im Exklusiv-Interview mit DER WESTEN über seine extreme Rolle im Diskurs.

© Alexander Keßel / DER WESTEN

Duisburger Abdul Chahin über die Lage im Nahen Osten

Abdul Chahin ist Comedian und Satiriker aus Duisburg. Seit Jahren kämpft der 31-Jährige mit palästinensischen Wurzeln in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus. Seine Eltern flohen vor seiner Geburt aus dem Libanon nach Deutschland, Verwandte leben heute noch in Gaza. „Der Westen“ traf ihn exklusiv und sprach mit ihm über die aktuelle Situation im Nahen Osten.

Abdul Chain (31) aus Duisburg ist gezeichnet. Die letzten Wochen stecken dem Comedian mit palästinensischen Wurzeln sichtbar in den Knochen. Nach dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober hatte der 31-Jährige zunächst abgelehnt, sich zum Nahost-Konflikt zu äußern. Zu groß war die Sorge wegen seines diplomatischen Ansatzes von Menschen mit extremen Positionen „gefressen“ zu werden. Sein Fokus lag auch auf Angehörigen und Freunden, die sich bei Ausbruch des Krieges im Gazastreifen befanden – und dort noch immer nicht wegkönnen.

Doch zuletzt saß Abdul Chahin in einer Nahost-Talkrunde bei „Anne Will“ und fiel dabei mit echtem Ruhrpott-Klartext auf (mehr dazu hier >>>). DER WESTEN hat Abdul Chahin am Donnerstag (23. November) im Landschaftspark Duisburg-Nord (Hauptschalthaus) getroffen. Dabei erklärte der 31-Jährige, warum er nun doch den Weg in die Öffentlichkeit gesucht hat, welche drastischen Konsequenzen das zur Folge hat und warum er sich sogar mit Rassisten in der Kneipe auseinandersetzt.

Abdul Chahin: „Muss mich täglich von der Hamas abgrenzen“

„Wir bekommen nur sporadisch Updates“, berichtet Abdul Chahin von seinen Angehörigen im Gazastreifen. Sie hätten versucht, in den Süden zu fliehen. Doch weil auch dort die humanitäre Lage so katastrophal war, seien sie zurückgekehrt. „Bis jetzt geht es denen noch gut. Gut in dem Sinne, dass sie noch leben“, so der Duisburger. Es fehle an Nahrung, an Ärzten und dazu die ständige Angst vor Raketen. An eine öffentliche Positionierung habe er anfangs gar nicht denken wollen: „Ich bin in erster Linie in Schock verfallen, weil ich an meine Angehörigen und meine Familie denke. Für mich ist das ja nicht einfach nur eine Meinung oder ein cooler Take, den man auf Social Media droppen kann. Sondern tatsächlich Angst um meine Leute einfach.“

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Abdul Chahin war geschockt über das Ausmaß der Gewalt im Nahen Osten. Über die zivilen Opfer auf beiden Seiten. Über das Leid vieler Familien. Und darüber, dass die Stimmung auch in Deutschland immer vergifteter wurde. Antisemitische Vorfälle waren an der Tagesordnung, bei Anti-Israel-Demos, wie etwa in Essen gingen Islamisten auf die Straße (mehr hier >>>). Es sind Positionen, gegen die der Duisburger mit seiner Bildungsarbeit seit Jahren kämpft. Der 31-Jährige beschließt, seine Perspektive nun doch öffentlich einzubringen: „Man hat halt kaum eine Abbildung von Palästinensern. Ich will mir auch nicht anmaßen, für alle Palästinenser zu sprechen. Ich repräsentiere, glaube ich, aber schon eine große Masse, die Frieden will. Die aber auch verzweifelt ist, wütend ist, weil sie seit Jahrzehnten nicht gehört wird.“


Das ist Abdul Kader Chahin:

  • Comedian und Satiriker aus Duisburg
  • 1992 in Siegburg geboren
  • Eltern aus dem Libanon nach Deutschland geflohen
  • jahrelang aufgewachsen in einem Duisburger Asylheim
  • studierte Geschichte
  • kämpft seit Jahren in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus

Abdul Chahin kritisiert in dem Zusammenhang, dass das Schwarz-Weiß-Denken vieler Menschen dazu führe, dass kaum ein Betroffener sich öffentlich äußern möchte. „Ich muss mich am Tag 24 Mal von der Hamas distanzieren, dann dreimal am Tag vom Islamismus. Dann gibt es, wenn ich Glück hab, Mittagessen. Dann nochmal siebenmal von der Hamas distanzieren. Und dann ist der Tag auch schon vorbei. Das ist ein Druck, den die Mehrheitsgesellschaft gar nicht nachvollziehen kann“, sagt er.

Abdul Chahin aus Duisburg leidet mit seinen Angehörigen im Nahen Osten. Foto: Alexander Keßel / DER WESTEN

„Die Juden sind nicht unser Feind“

Bildungsarbeit sei nach Chahins Auffassung aktuell kaum möglich. Stattdessen bestehe die einzige Möglichkeit darin, den Menschen zuzuhören, ihnen dadurch ein Ventil zu schaffen. Erst, wenn sich die Lage im Nahen Osten wieder entspanne, bestehe die Chance auf echten Dialog. Dann erst können man im Zweifel erklären, was an ihrer Rhetorik problematisch ist, aber „ohne ihre Lebensrealität abzuerkennen“, betont der Duisburger.

Der 31-Jährige hebt in dem Zusammenhang hervor, dass die Staatsgründung Israels absolut notwendig war, aber darunter viele Palästinenser gelitten haben und heute noch leiden. „Aus der Perspektive der Palästinenser ist das die Geschichte der ‚Nakba‘. Die Geschichte meines Opas, der mit elf Jahren vertrieben wurde. Von jetzt auf gleich. Und das ist natürlich eine große Ungerechtigkeit, die leider existiert mit diesen Realitäten.“ Nichtsdestotrotz habe seine Mutter ihm immer wieder auf den Weg gegeben: „Die Juden sind nicht unser Feind.“ Und sein erster Besuch in Auschwitz im Jahr 2013 habe sein Leben komplett verändert. Das Leid der Menschen in den Arbeitslagern. Die Shoa. „Das ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe.“


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Seitdem fährt der Duisburger regelmäßig mit jungen MuslimInnen nach Auschwitz, um deren Empathie für den Holocaust zu schärfen. Damit mehr Grautöne in den häufig schwarz-weiß gezeichneten Diskurs um die komplexe Lage im Nahen Osten Gehör kommen. Es sind erfrischende Zwischentöne, für die Abdul Chahin einsteht. Selbst wenn er von allen Seiten für seine friedfertige Haltung angefeindet wird. Eine Haltung, die er auch im Alltag an den Tag legt: „Ich saß mit so vielen Rassisten schon in der Kneipe und hab denen erklärt, warum man x und y nicht sagen sollte. Ich sag natürlich nicht, dass man sich mit Faschisten anfreunden sollte. Aber wenn man merkt, da ist ein Mensch, der meint das gar nicht schlecht, der weiß das einfach nicht besser“, überlegt der Duisburger und appelliert an alle: „Dann sei doch der Mensch, der diesen Leuten was mitgibt.“ Der 31-Jährige versucht das auch als Sprachrohr der Palästinenser in Deutschland. Eine Rolle, die Kraft koste, sagt er. Zum Glück sei da noch die Bühne. Sein Ventil, über das er den öffentlichen Druck und die Anfeindungen im Netz abbauen könne.