Siegauen-Vergewaltiger erneut vor Gericht – Bewegender Brief zeigt, wie Eric X. zwei Leben zerstörte

Eric X. wollte im Prozess über seine Zeit in der JVA Köln reden - gegen den ausdrücklichen Rat seines Verteidigers.
Eric X. wollte im Prozess über seine Zeit in der JVA Köln reden - gegen den ausdrücklichen Rat seines Verteidigers.
Foto: Peter Sieben/Der Westen

Bonn. Als der Anruf kam, brach die Welt, die ja noch schwer beschädigt war, erneut zusammen. Am 6. Juni erfuhren Michaela und Daniel (Namen geändert) von ihrer Anwältin, dass die schlimmste Zeit ihres Lebens noch keinen Abschluss finden würde.

Im April 2017 wurde das Paar von Eric X. brutal in der Bonner Siegaue überfallen. X. vergewaltigte Michaela.

Das Landgericht Bonn verurteilte Eric X. dafür im Oktober 2017 zu elfeinhalb Jahren Haft. Am 11. April 2018 hob der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil auf. Grund sind mögliche Verfahrensfehler. So hat das Landgericht nach Ansicht des BGH die Persönlichkeitsstörung von Eric X. zu wenig bei der Frage nach der Schuldfähigkeit berücksichtigt.

Daniel muss Eric X. noch einmal ins Gesicht schauen: „Das macht mich unglaublich wütend“

Als die Anwältin Daniel das am Telefon erklärt, herrscht erst einmal völlige Stille. So schildert der junge Mann den Moment in einer schriftlichen Stellungnahme, die im Revisionsverfahren gegen Eric X., das am Dienstag startete, verlesen wurde.

„Alles schien von neuem zu beginnen“, schreibt Daniel. „Die Tatsache, nochmal als Zeuge erscheinen oder mich mit den Taten auseinandersetzen zu müssen, macht mich unglaublich wütend.“

Schon die Angst vor dem ersten Prozess gegen Eric X. habe ihn ein halbes Jahr lang kaum schlafen lassen. Angst, dem Mann, der seiner Freundin Schlimmstes angetan hatte, wieder zu begegnen. Und Angst vor den Zuschauern, vor ihren Blicken: „Von denen würden mich einige wohl verspotten. So wie es Tausende in den Kommentarspalten unter Artikeln im Internet taten.“ Dass seine Aussage schließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden konnte, sei eine große Erleichterung gewesen.

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Tatsächlich hatten sich nicht wenige Menschen in den Sozialen Medien zu menschenverachtenden Urteilen gegen Daniel hinreißen lassen. Er sei ein Feigling, habe seine Freundin nicht beschützt – und Schlimmeres warfen sie ihm vor. Manche maßten sich ein Urteil über menschliches Verhalten in einer unglaublichen Extremsituation an, die sie selbst nicht erlebt hatten.

Daniel versuchte, Eric X. zu vertreiben

Die Wahrheit ist: Daniel und Michaela hatten Todesangst in dem Zelt, das Eric X. mitten in der Nacht mit einer Astsäge zerschnitt. Am ersten Verhandlungstag im Revisionsprozess war die Waffe erneut zu sehen: 35 Zentimeter lang ist die Klinge, gebogen, gezackt. Mit dieser Säge stach X. immer wieder in Richtung des Paars, brüllte sie an.

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Und doch versuchte Daniel, Michaela und sich so gut zu schützen, wie es nur ging. Blendete X. mit seiner Taschenlampe, versuchte, ihn zu vertreiben – vergeblich. Und er versuchte auch, seine Freundin davon abzuhalten, das Zelt zu verlassen, als sie beschloss, sich dem bedrohlichen Drängen von X. zu fügen – um ihrer beider Leben zu retten. Sie wollte den Täter hinhalten, ihn ablenken, damit Daniel die Polizei rufen konnte. Ein Plan, der nicht aufging: Die Polizisten, die seinen Anruf entgegennahmen, nahmen ihn nicht ernst.

Kurz nach der Tat, als die Polizei nach einem zweiten verzweifelten Notruf das Paar endlich fand, war Michaela noch aufgekratzt, fast euphorisch – so sagten es Zeugen damals im ersten Prozess. Sie war froh, noch zu leben.

Opfer haben Angstzustände, Panikattacken, Verlassensängste

Das war dem Schock geschuldet. Heute leidet sie – so wie auch Daniel – unter Depressionen. Immer wieder Angstzustände, Panikattacken, Verlassensängste.

Auch ihr schriftliches Statement wird bei Gericht verlesen. Der Brief ist Protokoll eines unglaublichen Leidensweges und Zeugnis darüber, wie eine Tat das Leben zweier Menschen nachhaltig belastet. Michaela und Daniel hatten vor der Tat große Pläne, die Idee von einer wunderbaren Zukunft, so lesen sich die Briefe. Davon ist jetzt nicht mehr viel übrig.

„Entschuldigen Sie meine Wortwahl, aber wenn ich gleichzeitig heulen und kotzen könnte, hätte ich das getan“, beschreibt sie den Moment, als sie vom BGH-Urteil erfuhr.

„Ich möchte einfach nur wieder die glückliche und offene Person werden, die ich war. Ich weiß, dass mein Partner diese Seiten sehr liebte, und es tut mir sehr weh, dass ich sie ihm nicht mehr zeigen kann“, schreibt sie.

Michaela: „Ich fühlte mich wie eine ausgelaugte, alte Frau“

Ihre Offenheit habe sie verloren, sie könne niemandem mehr vertrauen. Noch viele Monate nach der Tat sei es ihr schlecht gegangen, bis heute. „Ich bemerkte im Spiegel die Augenringe, die nicht mehr verschwinden. Fand mich grässlich, meine Leichtigkeit war verflogen. Ich fühlte mich wie eine ausgelaugte, alte Frau“, schreibt sie.

Ihr Studium musste sie unterbrechen, hat deshalb inzwischen Probleme mit dem Bafög-Amt, das Zahlungen einzustellen droht, wenn sie die Prüfungen nicht innerhalb eines Semesters nachholt.

Das Paar zog zwischenzeitlich in Michaelas kleine Wohnung in Süddeutschland, aus finanziellen Gründen. Daniel hatte seine Arbeit bei einer großen deutschen Firma, bei der er seine Masterarbeit schreiben wollte, unterbrechen müssen, weil er einfach nicht mehr konnte – und Michaela konnte ohne ihn nicht allein in einem Raum sein, weil sie Selbstmordgedanken hatte.

Daniel wurde wegen seiner Probleme gekündigt

Der Arbeitgeber, der zunächst großes Verständnis gezeigt hatte, kündigte den Arbeitsvertrag schließlich ganz. Nur mit viel Überzeugungsarbeit gelang es Daniel, doch noch seine Masterarbeit bei der Firma fertigzustellen, schreibt er. Der zuvor stets sehr gute Student und vielversprechende Ingenieur in spe war nun gerade noch gut.

Weil beide das Stadtleben nicht mehr ertragen konnten, zogen sie auf einen Aussiedlerhof – in die Einsamkeit. Viele soziale Kontakte brachen sie ab, weil die Menschen sie nicht verstanden.

„Man bekommt ein Leben innerhalb von einem Jahr nicht auf die Reihe, auch wenn viele denken: So langsam müssten die sich wieder berafft haben“, schreibt Michaela und versucht den Zustand, in dem sie und ihr Partner leben, mit einem Bild zu veranschaulichen: „Stellen Sie sich vor, Sie schwimmen in Richtung Ufer und jedes Mal zieht sie eine Welle zurück. Wir setzen uns eine Maske auf und reden uns ein, dass alles gut wird. Das müssen wir, damit wir nicht untergehen.“

Eric X. lauscht mit ausdrucksloser Miene

Filme, in denen Menschen gezeigt werden, die um ihr Leben betteln, lösen Panik bei der jungen Frau aus. Das Rascheln von Blättern in der Nacht versetzt das Paar in Angst. Mit Stress können beide nur schwer umgehen, schreiben von Antriebslosigkeit.

Eric X. lässt sich die Briefe von seinem Dolmetscher übersetzen. Er lauscht mit ausdrucksloser Miene.

Noch vor der Verlesung meldete er sich zu Wort – gegen den Rat seines Anwalts Martin Mörsdorf: „Ich habe ihm geraten zu schweigen, aber er ist ein erwachsener Mann.“

Eric X. möchte lieber über Früchte reden

Es scheint beinahe, als sei X. nicht wirklich klar, worum es in diesem Prozess geht. Was er getan hat. Er wolle etwas über die Früchte sagen, die es in der JVA Köln gab, erklärt er: Die hätten bei ihm ein Brennen im Mund ausgelöst.

Er sei sehr schlecht behandelt worden, sagt er auf Englisch, das stark von einem afrikanischen Akzent gefärbt ist. Auch Müsli habe es in der JVA gegeben, sagt er ohne Kontext. Ihn habe man bei der Essensausgabe jedenfalls öfter übergangen. Und dieser Brand in seinem Mund sei schlimm gewesen.

Opfer müssen unter bestimmten Umständen nochmal aussagen

„Es geht doch hier nicht um den Brand in ihrem Mund“, erwiderte der Vorsitzenden Richter. Eric X., dessen Arm und Nacken in dicken Verbändern steckte, hatte seine Zelle in der JVA mutmaßlich selbst angezündet, klagt jetzt über starke Schmerzen. „Sie wurden bei dem Brand sehr schwer verletzt, lagen im künstlichen Koma. Wissen Sie das?“ Ja, das wisse er, sagt X. Weitere Worte verlor er nicht.

Ob Michaela und Daniel noch einmal vor Gericht aussagen müssen, ist unklar. Bislang ist das nicht vorgesehen. Nur, falls es das neue Gutachten, um das es im Revisionsverfahren gehen wird, erfordert, bleibt ihnen das womöglich nicht erspart.

 
 

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