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Was Peter Scholl-Latour über die Ukraine sagte, wäre heute skandalös

Baerbock: Waffenlieferungen sind kein Kriegseintritt

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat bei einer Befragung im Bundestag erläutert, warum Deutschland trotz der Waffenlieferungen an die Ukraine völkerrechtlich gesehen nicht in den Krieg eingetreten ist.

Peter Scholl-Latour galt als großer Welterklärer der Deutschen. Der legendäre Kriegsreporter ordnete die Geschehnisse auf dem Globus in TV-Talkshows und seinen Büchern ein. Was er jedoch kurz vor seinem Tod 2014 über die Ukraine sagte, wäre heutzutage unvorstellbar, sogar ein Sakrileg. Wladimir Putin würde es jedenfalls gefallen!

Dabei spiegelt seine damalige Einschätzung der Lage in der Ukraine das wider, was viele politische Beobachter hierzulande, etwa Altbundeskanzler Helmut Schmidt, ebenso äußerten.

Peter Scholl-Latour: „Die Ukraine ist zum großen Teil russisch“

Zu seinem 90. Geburtstag gab der deutsch-französische Journalist Peter Scholl-Latour dem TV-Sender Phoenix ein langes Interview. In diesem wurde sein Leben porträtiert, aber man ging auch auf aktuelle Ereignisse ein, etwa die Annexion der Krim durch Putin, die 2014 Europa erschütterte. Die Ereignisse von damals waren der Vorläufer für den Ukraine-Krieg 2022.

Scholl-Latour konnte sich darüber nicht aufregen und ordnete die Lage nüchtern und prorussisch ein – eine Interpretation, die heute einen Skandal auslösen würde.

„Man hatte gar nicht zur Kenntnis genommen, dass die Ukraine kein geeintes Land ist“, so Scholl-Latour in dem Interview damals. Es gebe den Osten des Landes, „der rein russisch und tief orthodox ist“ und den westlichen Teil. „Die Ukraine ist zum großen Teil russisch. Dann soll man eben die Spaltung machen, die Trennung machen, die Förderation machen“, so Scholl-Latour, der dafür plädierte, die Gebiete sorgfältig voneinander zu trennen.

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Peter Scholl-Latour zeigte viel Verständnis für Wladimir Putin

Die Lage auf der Krim wäre sowieso „eindeutig“, denn sie sei „überwiegend russisch“. Dass Putin die Kontrolle über diese Halbinseln haben wolle, verstehe er durchaus.

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Mehr über Peter Scholl-Latour

  • Er wurde 1924 in Bochum geboren.
  • Als Sohn einer jüdischen Mutter wurde er von seinen Eltern in die Schweiz geschickt, musste aber 1940 zurückkehren.
  • 1945 kam er in Gestapo-Haft, nach dem Krieg wurde er Fallschirmjäger in den französischen Streitkräften.
  • Als Reporter erlangte er mit seinen Reportagen über den Vietnam-Krieg erstmals Berühmtheit.
  • Später schrieb er als Sachbuchautor Bestseller wie am Fließband.
  • 2014 verstarb Scholl-Latour in Rhöndorf.

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Auf die Frage des Moderators Alfred Schier, ob Putin sich mit der Krim zufrieden geben oder weitere Gebiete der Ukraine annektieren werde, erklärte Scholl-Latour: „Mein Gott! Putin ist ein Mann des Geheimdienstes. Er weiß, wie weit er gehen kann.“ Russland sei immer autokratisch regiert worden, deswegen verstehe er nicht „dieses ewige Polemisieren gegen Putin“, später sprach er von „Putin-Bashing“.

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Schon in seiner TV-Dokumentation „Russland im Zangengriff“ vertrat Scholl-Latour die Position des Kreml. Man müsse sich in die Lage der russischen Patrioten versetzen, so seine Sichtweise damals. „Für Wladimir Putin ist der Abfall der Ukraine schwer erträglich“, zeigte der Journalist viel Verständnis und machte gleichzeitig der NATO Vorwürfe, sich bis in die Ukraine ausdehnen zu wollen.

Sanktionen gegen Russland aus Sicht von Scholl-Latour absurd

Über mögliche Sanktionen, die 2014 gegen Russland diskutiert wurden, konnte Scholl-Latour nur den Kopf schütteln: „Man spielt Kalter Krieg auf einmal, man redet von Sanktionen, was für Europäer völlig blödsinnig ist. Wir würden mehr unter den Sanktionen leiden als die Russen.“

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Die nationale Souveränität der Ukraine war für Scholl-Latour kein Thema

Was Scholl-Latour völlig unterschätzte oder damals nicht wahrnehmen konnte, ist der starke Drang vieler Ukrainer, in einem souveränen und von Moskau unabhängigen Land zu leben. Dieses Streben zeigt sich in der Widerstandskraft gegen den russischen Aggressor. Zudem sprach Scholl-Latour über die Ukraine als wäre sie nur ein Spielball der Weltpolitik zwischen Moskau und dem Westen, als habe die ukrainische Bevölkerung kein eigenes Mitbestimmungsrecht im Ringen zwischen Moskau und Europa.

Auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der 2014 sehr ähnlich argumentierte und wegen dem Ukraine-Konflikt vor einem dritten Weltkrieg warnte, muss man rückblickend diese Sichtweise ankreiden. „Die Politik des Westens basiert auf einem großen Irrtum: dass es ein Volk der Ukrainer gäbe, eine nationale Identität“, so Schmidt damals.

Scholl-Latour als „Putin-Versteher“: Aussagen im Rückblick irritierend

Natürlich kann niemand wissen, was die geschätzten internationalen Experten Scholl-Latour und Schmidt angesichts der „Zeitenwende“ nach dem Angriffskrieg Putins auf die gesamte Ukraine 2022 gesagt hätten. Jedoch sind einige ihrer damaligen Aussagen im Rückblick ziemlich irritierend. Sie würden heutzutage mindestens als „Putin-Versteher“ gelten.