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Saporischschja: Krieg erreicht Atomkraftwerk! Doch was hat Putin damit wirklich vor?

Nato-Generalsekretär verurteilt Angriff auf ukrainisches Atomkraftwerk

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat den russischen Angriff auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja scharf verurteilt. Das zeige die "Rücksichtslosigkeit" Russlands in dem Krieg, sagte Stoltenberg vor dem Sondertreffen der Nato-Außenminister.

Die Ausmaße des Kriegs in der Ukraine nehmen immer neue Formen an – nachdem mutige Landsleute den Zugang zu dem Atomkraftwerk Saporischschja zunächst gegen russische Truppen verteidigen konnten, kam es in der Nacht zu Freitag zu einem Angriff auf das Kernkraftwerk mit anschließendem Feuer.

Mittlerweile soll Saporischschja ganz unter der Kontrolle der russischen Armee stehen – doch was hat Präsident und Kriegstreiber Wladimir Putin mit dem Atomkraftwerk vor? Muss Europa wirklich ein zweites Tschernobyl fürchten?

Saporischschja: Atomkraftwerk schwer umkämpft – das steckt dahinter

Seit Tagen versuchten russische Truppen, das AKW Saporischschja einzunehmen, wurden dabei von vielen Zivilisten gestört und aufgehalten, unter anderem durch eine menschliche Blockade (mehr dazu hier).

Jetzt herrscht allerdings traurige Gewissheit: Nach einem riskanten Angriff auf das Kernkraftwerk ist dieses unter der Kontrolle russischer Streitkräfte. Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor einem zweiten Tschernobyl, auch Europa und die USA sind in Alarm-Bereitschaft. Doch will Putin wirklich eine erneute Atom-Katastrophe auslösen?

Journalistin und Russland-Korrespondent Rainer Munz hat dazu im Interview mit N-TV eine klare Antwort: „Das ist ein weiterer Punkt im Erpressungs-Versuch. Natürlich weiß man in Russland sehr genau, welche Gefahr ein Atomkraftwerk bedeutet und wie Europa reagiert hat, als das Atomkraftwerk [Tschernobyl, Anm. d. Red.] in der Ukraine 1986 explodierte.“ Bei dem Nuklear-Unglück wurde radioaktives Material durch zwei Explosionen in die Atmosphäre geschleudert, weite Teile Russlands, Belarus und der Ukraine wurden für Jahrzehnte verseucht. Die radioaktive Wolke zog bis nach Mitteleuropa – seitdem ist das Dasein von Atomkraftwerken auch immer mit einer gewissen Grundangst verbunden.

Genau diese Angst will Putin laut Munz schüren, „genau damit wird gespielt, das ist auch dieser Teil mit den Atomwaffen zu drohen, und jetzt mit dem Angriff.“ Schließlich handelt es sich bei Saporischschja auch um das größte Atomkraftwerk in Europa mit sechs Reaktorblöcken.

Saporischschja unter Russen-Kontrolle: „Wenn man wollte, könnte man das AKW sofort zerstören“

Somit ist für den Russland-Korrespondenten klar: Der Angriff ist „ein weiterer Versuch, die Europäer unter Druck zu setzen, die Ukraine unter Druck zu setzen.“ Putin mache zwar vor nichts Halt, dennoch denkt Munz nicht, dass das Atomkraftwerk zerstört werden soll. „Es ist einfach ein weiterer Punkt in der Erpresssungs-Kette, in diesem schmutzigen, tödlichen Krieg.“

Schließlich wurde ja bisher auch nicht mal das Hauptkraftwerk von Saporischschja beschossen, sondern nur ein Nebengebäude. „Wenn man wollte, könnte man natürlich sofort dieses Atomkraftwerk zerstören“, räumt Rainer Munz im N-TV-Interview ein. Aber: „Darum geht es nicht, es geht um ein Druck-Material.“

Saporischschja: Atomexperte gibt Entwarnung

Der britische Unternehmensberater und Atomexperte Jeremy Gordon plädiert dafür, die Situation in Saporischschja nicht mit Tschernobyl zu vergleichen. Aussagen, wonach eine zehn Mal schlimmere Katastrophe als 1986 drohe, seien „absoluter Unsinn“. Schon alleine weil Tschernobyl ohne eine Schutzmauer für radioaktives Material gebaut wurde, berichtet „Welt“. Noch habe es in Saporischschja zudem ja keinen Unfall gegeben – wichtig sei jetzt nur, dass die Kühlsystem auch weiterhin aufrecht erhalten werden.

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Klar ist dennoch: Der Angriff auf das AKW Saporischschja stellt eine Verletzung der UN-Resolution von 1990 dar, wonach Angriffe auf zivile kerntechnische Anlagen verboten sind.