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Antragsanstieg für Rente mit 63 – Folgen für Rentenkasse?

Der Ansturm auf die Rente mit 63 ist stärker denn je. Doch welche Folgen hat das für die Rentenkassen und Arbeitnehmer?

© IMAGO / Eibner

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Was sind eigentlich die Unterschiede zwischen der Rente und der Pension? In diesem Video erklären wir sie dir.

Der Ansturm auf die Rente mit 63 ist stärker denn je. Knapp 25.000 Anträge wurden allein dieses Jahr für die die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte gestellt.

Doch wird das spürbare Folgen für die Rentenkassen haben, wenn langjährig Versicherten der „Babyboomer“-Generation in den verdienten Ruhestand gehen? Im Interview sprachen wir darüber mit Rechtsanwalt Peter Knöppel.

Rekord-Anstieg für Rente mit 63

Die Zahl der Anträge auf abschlagsfreie Rente nach 45 Arbeitsjahren ist in den ersten neun Monaten 2023 stark gestiegen. Bis Ende September gab es bereits 245.289 neue Anträge auf die umgangssprachlich genannte „Rente mit 63“, wie die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Zahlen der Deutschen Rentenversicherung berichtete. Das sind 16,8 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres (210.062) und fast so viele wie im gesamten Jahr 2015.

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Bei der„Rente mit 63“ haben vor 1953 Geborene die Möglichkeit, ohne Abschläge mit 63 Jahren in Rente zu gehen, wie die Deutsche Rentenversicherung angibt. Diese Regelung gilt jedoch nicht mehr für alle, die zwischen 1953 und 1963 geboren sind. Aufgrund der schrittweisen Anhebung des Rentenalters verschiebt sich das Eintrittsalter nach oben, und für Personen mit Geburtsjahrgang 1964 oder später liegt das Renteneintrittsalter bei 65 Jahren.

Doch werden für Rentenkassen und Arbeitnehmer die Auswirkungen bald spürbar sein? Darüber sprachen wir mit Rechtsanwalt Peter Knöppel. Auf seinem YouTube-Kanal „Rentenbescheid24.de“ berät er Rentnerinnen und Rentner über die Antrag­stellung zur Rente, Erwerbsminderung oder auch Rentenbescheid­prüfung. Mit uns sprach er über den Antragsanstieg der Rente mit 63.

Folgen für Rentenkasse?

Redaktion: Herr Knöppel, woher kommt plötzlich dieser Ansturm auf die Rente mit 63?

„Ein Punkt ist, dass die Leute aus der Babyboomer Generation nun langsam in Rente gehen. Das heißt, wir haben grundsätzlich mehr Rentenanträge als in den Vorjahren, weil wir jetzt in die geburtenstarken Jahrgänge hereinkommen. Der zweite Grund könnte auch eine allgemeine Verunsicherung im Hinblick auf die gesellschaftliche Situation in Deutschland sein. Dadurch sagen die Leute, sie gehen in die abschlagsfreie Altersrente.“

Was genau für eine Verunsicherung?

„Seit Anfang des Jahres geht es schon munter los, dass Leute wie Wirtschaftsweise Monika Schnitzer oder Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger die neue abschlagsfreie Rente mit 63 („Nahles-Rente“) abschaffen wollen. Möglicherweise haben die Menschen dadurch Angst und gehen in ihre Rente, sagen ‚Was wir haben, haben wir. Man kann es uns jetzt nicht mehr wegnehmen.’“

Wie wirkt sich der Renten-Ansturm jetzt auf die Stabilität der Rentenkassen aus?

„Je mehr Renten bewilligt werden, desto höher sind die Ausgaben der Rentenkassen. Jetzt haben wir natürlich ein Problem: Um das gegenzufinanzieren, brauchen wir entsprechende Beitragszahler. Wenn die Zahl der Arbeitnehmer in Deutschland in Zukunft aber abnehmen wird, hat die Deutsche Rentenversicherung weniger Beitragsaufkommen. Dann hat sie irgendwann mal ein Finanzierungsproblem und muss sich einen Kopf machen, woher sie das Geld herkriegt.“

Wo genau muss jetzt angepackt werden, um dem Renten-Ansturm entgegenzuwirken?

„Es gibt viele Schrauben, an denen dafür gedreht werden muss. Wir haben ein riesiges Arbeitskräftepotenzial in Deutschland, welches wir nicht hochheben. Zum einen müssen dafür die Löhne hochgehen, wir brauchen einen ordentlichen Mindestlohn. Wie wenig Geld manche verdienen, ist eine Frechheit! Wir brauchen auch genügend Kita-Plätze. Viele möchten in Vollzeit arbeiten, aber finden dann keine Plätze für ihre Kinder.

Dann haben wir das Problem, dass wir es beim Bürgergeld nicht geschafft haben, den Menschen eine echte Erwerbschance zu verschaffen. Die Behauptungen, dass Bürgergeld-Empfänger keinen Bock zum Arbeiten haben, kann man so allgemein überhaupt nicht sagen. Es gibt viele Leute, die gerne arbeiten gehen wollen. Sie finden aber keine Arbeit oder eine Ausbildung, da sie einfach nicht bewilligt wird. Die Bundesagentur für Arbeit findet, wie alle anderen auch, keine Mitarbeiter mehr. Sie können bei dem Ansturm schlicht und ergreifend nicht hinterherkommen.“


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Was machen Arbeitgeber falsch?

„Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland wollen raus aus dem Job. Sie wollen unter bestimmten Bedingungen, wie sie sie jetzt vorfinden, einfach nicht mehr arbeiten. Unter anderem, weil sie sich nicht mehr wertgeschätzt fühlen. Die Leute wollen aus dem körperlichen Druck und psychischer Belastung raus, oft ausgelöst durch Mitarbeiter oder Vorgesetzte. Viele Chefs verlieren ihre Arbeitnehmer wegen solcher Sachen, obwohl diese vielleicht sogar weiter arbeiten wollen.“