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Bürgergeld: Abzocke im Supermarkt? „Noch tiefer kann man nicht mehr greifen“

Viele fragen sich, wie sie angesichts steigender Preise überhaupt über die Runden kommen sollen. Für Bürgergeld-Empfänger ist das besonders hart.

© IMAGO/U. J. Alexander

Das ist das neue Bürgergeld

Nach der Einigung im Vermittlungsausschuss haben Bundestag und Bundesrat die Einführung des Bürgergelds beschlossen. Damit kann die neue Grundsicherung für Langzeitarbeitslose wie geplant zum 1. Januar in Kraft treten.

Auch wenn die Inflation (April: 7,2 Prozent) nicht mehr wie im vergangenen Jahr im zweistelligen Bereich liegt, so ist die Teuerungsrate für Lebensmittel weiterhin sehr hoch. Gegenüber dem Vorjahresmonat erhöhten sich die Nahrungsmittelpreise um 17,2 Prozent, so Angaben des Statistischen Bundesamts.

Einige Experten sprechen laut „Spiegel“ auch schon von einer „Gierflation“ der Unternehmen, da diese teilweise enorme Gewinne einfahren. Vor allem für einkommensschwache Haushalte wird das zum Problem. Doch wie können Kunden die hohen Preise im Supermarkt umgehen?

Bürgergeld: „Vom Lebensmitteleinzelhandel abgezogen“

Das Statistische Bundesamt ermittelte für April in allen Nahrungsmittelgruppen Preiserhöhungen. Besonders teuer sind Molkereiprodukte (+34,8 %), Brot und Getreideerzeugnisse (+21,3 %), Fisch, Fischwaren und Meeresfrüchte (+19,7 %) sowie Zucker, Marmelade, Honig und andere Süßwaren (+19,6 %). Auch Ökonomin Isabella Weber bemerkt diese Problematik in deutschen Supermärkten: „Weil man darauf nicht verzichten kann, schmerzen steigende Preise hier besonders“, betont die Professorin für Volkswirtschaftslehre im „Spiegel“-Interview.

Und: „Viele dieser Unternehmen sind sich bewusst, dass Konsumenten oft nicht auf andere Produkte ausweichen können, wenn es sich um essenzielle Güter handelt.“ Auch wenn diese weniger kaufen würden, könnten sie nicht auf Grundnahrungsmittel verzichten – ein Entkommen bei steigenden Preisen gebe es nicht für die Verbraucher, so Weber. „Jemanden mit ohnehin knappem Budget trifft so eine Entwicklung besonders.“

Das Armutsnetzwerk Deutschland schreibt dazu auf Twitter: „Gerade bei alltäglichen Lebensmittel-Bedarf sind die Preise weit überdurchschnittlich gestiegen. Wo Menschen nicht ausweichen können, werden sie vom Lebensmitteleinzelhandel abgezogen.“ Und das trifft beispielweise nicht nur auf Empfänger des Bürgergelds zu. „Auch andere Menschen mit niedrigem Einkommen wie alleinerziehende Mütter oder Rentnerinnen und Rentner sind von Ernährungsarmut betroffen“, betont Agrarwissenschaftlerin Regina Birner gegenüber der NDR-Sendung „Markt“.

Reicht das Bürgergeld für eine gesunde Ernährung?

Die Links-Fraktion hat bei der Bundesregierung nach Maßnahmen gegen diese Armut in Deutschland gefragt. Aus der Antwort geht jedoch hervor: Bei „preisbewusstem Einkauf“ sei auch eine „gesundheitsfördernde Ernährung“ mit „stark begrenzten Einkommensressourcen möglich“. Doch im monatlichen Bürgergeld-Regelsatz von 502 Euro sind 174,19 Euro für Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren vorgehsehen – 18 Euro mehr als noch im alten Hartz-4-System.

Laut Berechnungen der Diakonie Deutschland können Menschen sich damit nicht nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gesund ernähren. Viele müssen deshalb auf das Angebot der Tafeln zurückgreifen. Aber: Der Staat könne eine gesundheitsfördernde Ernährung nicht an die Tafel oder andere Stellen abschieben, mahnt Birner. Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz rät deshalb zu einer Erhöhung der Regelsätze.

Bürgergeld: „Noch tiefer kann man nicht mehr greifen“

Der normale Einkauf in Supermarkt oder Discounter wird für Kunden dann zum Spießrutenlauf, immer auf der Suche nach weniger teuren Preisen. „Allerdings werden eben auch die Eigenmarken teurer, da die Nachfrage nach diesen Produkten deutlich steigt“, macht Weber deutlich. Und weiter: „Wer schon immer zu Sachen im unteren Regalfach greifen musste, hat nun keine günstige Alternative mehr. Noch tiefer kann man nicht mehr greifen.“


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Um dem Inflations-Problem entgegen zu treten, braucht es laut Isabela Weber vor allem flächendeckende Lohnsteigerungen: „Das ist nicht nur aus sozialen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen wichtig, da ansonsten die Nachfrage einbricht“, betont sie. Und: „Händler und Verbraucherschützer könnten eine Allianz eingehen, um gezielt Druck auf besonders preistreibende Unternehmen auszuüben.“ Als Beispiel nennt die Ökonomin die Handelskette Edeka, die aufgrund von massiven Preissteigerungen ankündigte, keine Produkte der Marke „Mars“ mehr führen zu wollen.