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Afghanistan: Ex-Bundeswehrsoldat schockiert im „heute-journal“ – „Jetzt sitzen sie in einer Todesfalle“

Afghanistan: Ex-Bundeswehrsoldat schockiert im „heute-journal“ – „Jetzt sitzen sie in einer Todesfalle“

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Marietta Slomka im Gespräch mit Bundeswehr-Hauptmann Markus Grotian in Eberswalde. Foto: ZDF Screenshot

Markus Grotian war damals selbst als Bundeswehr-Soldat in Kundus (Afghanistan) im Einsatz. Als Hauptmann der Bundeswehr und Gründer des Patenschaftsnetzwerkes für Afghanische Ortskräfte war er am Montagabend im „ZDF-heute journal“ zu sehen. Schonungslos offen spricht er dort die traurige Wahrheit aus, die er – wie es scheint – selbst kaum glauben kann.

Hoffnung habe er fast keine mehr für zahlreiche Ortskräften in der afghanischen Hauptstadt Kabul, um die er sich kümmert. Er sagt im Gespräch mit Moderatorin Marietta Slomka: „Jetzt sitzen sie in einer Todesfalle. Und das ist das Ergebnis dieser politischen Entscheidung“. Keinerlei Verständnis klingt in seinen Worten im „ZDF-heute journal“ mit.

Afghanistan: Ex-Bundeswehrsoldat im „ZDF-heute journal“ fassungslos

Die Taliban haben innerhalb weniger Tage mehrere Städte in Afghanistan erobert, sind am Sonntag in die Hauptstadt vorgedrungen und haben den Präsidentenpalast in Kabul besetzt. Nachdem Präsident Aschraf Ghani bereits am Wochenende vor der militant-islamistischen Taliban floh, versuchten auch am Montag Tausende Menschen vor der Terrorherrschaft zu fliehen, indem sie zum Flughafen Kabul stürmten und eine der wenigen Militärmaschinen erwischen wollten.

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Evakuierungsflüge der Bundeswehr konnten am Sonntag wegen chaotischer Zustände zunächst noch nicht stattfinden. In dieser Situation erzählt Grotian, dass er die sogenannten „Safe houses“ aufgelöst habe – in denen etwa 1300 Ortskräfte Unterschlupf gefunden hatten. „Die Taliban gehen von Tür zu Tür und suchen nach unseren Ortskräften“, erklärt er die überaus gefährliche Situation. „Sie wurden langsam zu Todesfallen.“

Afghanistan: „Safe houses“ in Kabul wurden aufgelöst

In den „sicheren Häusern“ suchten die afghanischen Ortskräfte zeitweise Zuflucht. Doch nun riet der Bundeswehr-Hauptmann ihnen, sich in der Bevölkerung aufzuhalten und sich dort zu verstecken. Grotian weiter: „Nun lassen wir 80 Prozent der Ortskräfte und deren Familien in die Hände der Taliban fallen.“

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Er habe „keinen guten Eindruck“ und einen „äußeren Ring der Taliban“ um den Flughafen beobachtet. „Kommen die Leute noch sicher zum Flughafen?“, fragt Slomka. „Ich halte es für nicht realistisch“, ist seine Antwort. Immerhin: Die erste Maschine konnte nun bereits starten – allerdings nur mit sieben Menschen an Bord. >>> Alle Informationen zur Lage in Afghanistan in unserem News-Blog

Ein afghanischer Übersetzer sagte dem ZDF-Magazin „frontal“, dass er es zutiefst bedauere, für die deutsche Bundeswehr gearbeitet zu haben.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte am Montagnachmittag noch einmal versichert, die Bundesregierung tue alles, um den Ortskräften und ihren Familien die Ausreise zu ermöglichen. Allerdings räumte der SPD-Politiker ein, dass er auch nicht wisse, wie diese zum Flughafen gelangen könnten. Die Bundesregierung steht massiv in der Kritik, weil sich die Ausreise der Ortskräfte immer wieder verzögert hatte – bis dann die radikalislamischen Taliban die Macht in immer mehr afghanischen Städten und zuletzt auch in der Hauptstadt Kabul übernahmen.

Afghanistan: Annalena Baerbock kritisiert Heiko Maas scharf

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat den SPD-Minister wegen der späten und chaotischen Evakuierungsaktion scharf kritisiert. Die dramatische Zuspitzung der Lage sei „mit Ansage gekommen“, sagte Baerbock am Montagabend in der Sendung „RTL Direkt“. Sie verwies darauf, dass die deutsche Botschaft in Kabul frühzeitig vor den Gefahren durch den Vormarsch der Taliban gewarnt und rasches Handeln angemahnt hatte.

„Wie kann es sein, dass der Außenminister nicht auf die Warnungen seiner eigenen Diplomaten hört?“, fragte daher Baerbock. Auf die Frage, ob sie den Rücktritt von Maas fordere, sagte die Grünen-Chefin, dafür sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

Am Dienstagnachmittag wollen die EU-Außenminister in einer Krisensitzung über die Lage in Afghanistan beraten. (js mit afp)