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Flucht aus der Ukraine: Nach der Bombardierung beginnt der Kampf um Dashas (12) Leben 

Dasha (12) wurde bei dem Bombenangriff auf das Theater von Mariupol schwer am Kopf verletzt. Es wurde ein Kampf um Leben und Tod.

© privat

Die Geschichte von Olena und ihren Kindern

Olena und ihre drei Kinder sind Überlebende des Theater-Anschlags in Mariupol. Doch schon zuvor entkam die kleine Familie auf ihrer Flucht bei einem Bombenangriff in der Ukraine nur knapp dem Tod.

Am 24. Februar jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine zum zweiten Mal. Zahlreiche Menschen sind seitdem geflüchtet – unter anderem nach Deutschland. Wir haben mit Geflüchteten gesprochen und wollen ihre Geschichten anlässlich des traurigen Jahrestages in einer Artikel-Serie erneut erzählen.

Olena (damals 48) und ihre drei Kinder (damals 10, 12 und 28) überlebten während ihrer Flucht den grausamen Bombenangriff auf das Theater von Mariupol in der Ukraine am 16. März 2022. Wie viele unschuldige Zivilisten genau in den Trümmern starben, ist unbekannt. Medien berichteten von rund 600 Toten. Auch Olenas Tochter Dasha (damals 12) hätte bei dem Angriff beinahe ihr Leben verloren. 

In Teil 4 unserer Interview-Reihe über die kleine Familie erzählt Olena, wie nach der Attacke der verzweifelte Kampf um das Leben von Tochter Dasha begann und wie sie schließlich nach Deutschland kamen. Im dritten Teil erzählte die damals 48-Jährige, wie sie den schrecklichen Theater-Angriff erlebte (zum Artikel geht es hier). Zuvor überstanden sie aber auch schon einen Bombenangriff auf einen Keller (hier geht es zum Artikel). Im ersten Teil liest du, wie Olena von dem Angriff der Russen auf die Ukraine erfuhr und wieso eine schnelle Flucht für sie unmöglich war (den Artikel findest du hier). 

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Dasha verletzte sich im Krieg schwer am Kopf

Der Angriff auf das Theater, er kam aus dem Nichts. Eigentlich waren Olena und ihre Kinder hierher gekommen, um Schutz zu finden. Doch eine Bombe machte alle Hoffnungen auf ein wenig Sicherheit zunichte. Während Olena und ihre zwei Söhne unverletzt blieben, verletzte sich Dasha schwer am Kopf. Das Mädchen war bewusstlos, blutete stark. „Als wir sie aus den Trümmern herausholten, haben wir sie zunächst auf eine weiße Bank vor der Theater-Bühne gelegt. Es war zu gefährlich, Dasha zu bewegen. Wir hatten versucht, sie mit der Bank zu ziehen, aber die Vibration, die das Schieben der Bank auslöste, war zu stark“, berichtet Olena von den Augenblicken unmittelbar nach dem Angriff. Schließlich trug ihr großer Bruder Dasha auf den Händen hinaus. 

Eine ihnen unbekannte Frau half dabei, das junge Mädchen zu versorgen und stellte aus einem gefundenen Laken notdürftig einen Verband her, um die blutende Kopfwunde zu stillen. Anschließend wurde die schwerverletzte Dasha in ein Café neben dem Theater gebracht. Auch die Polizei war dort. „Wir haben gesagt, dass wir ein verletztes Kind haben. Ich bin zusammen mit meiner Tochter dann von ihnen in ein Krankenhaus gebracht worden. Mein älterer und mein jüngerer Sohn sind dort geblieben (Anm. d. Redaktion: am Theater)“, erinnert sich Olena zurück. 


Mehr aus unserer Reportage-Reihe: Flucht aus der Ukraine: Familie in Kriegs-Albtraum gefangen – „Schnee geschmolzen, um zu überleben“


„Beten Sie um das Leben von Dasha“

Sie kamen in ein spezielles Kinderkrankenhaus für Traumatologie und Unfallchirurgie. Nicht weit weg vom Theater. „Wir sind ganz schnell gefahren. Der Polizist hat verstanden: Dasha schwebt in Lebensgefahr.“ Dort angekommen, wurde Dasha auf eine Trage in den Flur gelegt. Es gab sonst keinen Platz für sie. Das Mädchen bekam eine Infusion. „Wir können jetzt nicht mehr helfen. Beten Sie um das Leben von Dasha“, waren die Worte der Ärzte an Olena. „Ich hatte Angst, dass ich mein Kind verliere. Die Ärzte sagten mir, ich müsse mich auf das Schlimmste vorbereiten.“ 

Das Krankenhaus besitzt zwar eine Kinder-Chirurgie, diese war aber nicht auf solche Kopfverletzungen vorbereitet – und auch nicht auf den Massenansturm an Verletzten, der nach der Bombardierung des Theaters über die Klinik hereinbrach. Es gab keinen Platz. Viele mussten auf dem Boden ausharren. Dasha lag immerhin auf einer Trage. Doch operiert werden konnte das ukrainische Mädchen nicht.  

Horror-Nacht im Krankenhaus

Von drinnen war zu hören, dass das Krankenhaus unter Beschuss stand. „Im Flur, wo wir uns befanden, waren Fenster. Wir haben das Krankenhauspersonal deswegen darum gebeten, Dasha irgendwo anders einen Platz zu geben. Die Angst war zu groß, dass die Fenster beschädigt und die Scherben Dasha weiter verletzen könnten“, erklärt Olena. Inzwischen waren auch ihre beiden Söhne in der Klinik angekommen.  

Und die Nacht, die dann folgte, beschreibt Olena als den absoluten Horror. Das Krankenhaus stand weiterhin ununterbrochen unter Beschuss, ein OP-Trakt wurde getroffen. Es gab dort kein Licht, keine Fenster. Und: Es kamen immer mehr verletzte Menschen. „Die Ärzte haben durchgehend gearbeitet. Es gab noch einen Notstrom-Generator, der auch irgendwann leer war. Ich weiß nicht, wie ich diese Nacht überlebt habe“, schildert die Ukrainerin.  

Trotz schwerster Verletzung hat Dasha nie das Lachen verloren. Foto: privat

Über einen Monat ohne medizinische Hilfe im Bunker

Dasha war bei Bewusstsein. Sie weinte. „Ich hab versucht, mit Dasha zu sprechen. Ich hab ihr ein Stück Stoff nass gemacht und auf die Lippen gelegt. Sie durfte nicht trinken.“ Aus Angst, dass ihrer Tochter noch etwas zustoßen könnte, hielt sie eine Matratze über ihre Trage. So harrte Olena aus. Die ganze Nacht. „Ich glaube, es klingt verrückt, aber ich habe in dem Moment geglaubt, dass ich Dasha so schützen kann und dass sie so überleben wird.“ Ihr Körper sei vollgepumpt mit Adrenalin gewesen. „Ich war so gestresst. Alles, was ich wollte, war mein Kind zu schützen“, betont die Dreifach-Mutter. 

Einen Tag später wurden Olena und ihre Kinder in einen Bunker gebracht – so wie viele andere verletzte Kinder mitsamt ihren Familien. Dasha war zu dem Zeitpunkt immer noch nicht operiert. Kaum zu glauben: In dem Bunker harrte das schwer verletzte Mädchen noch über einen Monat aus – bis zum 19. April 2022! „Dort gab es eine Traumatologin. Sie hatte Dasha notdürftig versorgt. Es gab ein Zimmer, wo kleine OPs durchgeführt wurden. Das war aber nichts Offizielles. Es gab außerdem einen kleinen Vorrat an Medikamenten und wir hatten die Möglichkeit, Tee und Essen zu kochen.“ 

Schädelknochen musste wieder zusammengesetzt werden

Allerdings ist es bitterkalt gewesen. „Wir haben uns alle dick angezogen und mit zwei, drei Decken geschlafen.“ Den Monat im Bunker verbrachten sie in den gleichen Klamotten, hatten keine Möglichkeit, sich zu waschen oder die Zähne zu putzen. Mit Wasser musste sparsam umgegangen werden. Das brauchte man schließlich zum Trinken, Kochen und für den OP-Raum.  

Irgendwann kamen dann russische Soldaten in den Bunker – und prüften jeden einzelnen der dort anwesenden Zivilisten. „Die Kinder haben sich erschrocken. Aber wir, die Erwachsenen, haben nur Hass gefühlt.“ Anschließend wurden die Familien durch die Russen evakuiert. Olena und ihre Kinder kamen nach Donezk. Dort kam Dasha in ein MRT, wurde sofort operiert. Ihr Schädelknochen musste wieder zusammengesetzt werden. In dem Krankenhaus blieben sie zehn Tage. 

„Ich habe keine Tränen mehr“

Danach führte sie ihre Fluchtroute weiter nach Rostow, eine Stadt an der russisch-ukrainischen Grenze. Von dort ging es mit dem Zug weiter zu Olenas Schwester nach Pensa in Russland. 550 Kilometer südöstlich von Moskau. Doch hier konnte und wollte die Familie nicht bleiben. Zu groß war die psychische Belastung, ausgerechnet in dem Land zu sein, welches ihre Heimat angreift. Zwei Wochen lang waren sie noch in Russland. Dann ging es per Bus weiter in Richtung Deutschland. Ihre Route führte auch über Lettland. Und in Lettland fühlte sich Olena das erste Mal seit Kriegsausbruch wirklich sicher. 


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Samstag, 21. Mai 2022: In Lettland angekommen, ging es weiter nach Warschau (Polen). Dort gab es Evakuierungszüge. So landete die Familie schließlich einen Tag später in Hannover. Dort blieb sie eine Nacht. „Dann kam die Nachricht: Eine Freundin schrieb mir, dass sie hier in Essen jemanden hat.“ Einen Tag später ging es schließlich in die Ruhr-Metropole. Die kleine Familie zog im Kardinal-Hengsbach-Haus in Essen-Werden ein. Dort leben sie alle zusammen in einem Zimmer. „Ich habe so viel geweint, ich habe keine Tränen mehr. Ich kann es bis heute nicht glauben, dass wir das überstanden haben.“