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Sat1-Moderatorin über Gruppenvergewaltigungen im Ruhrgebiet: „Man will nicht glauben, dass dies mitten unter uns in Deutschland passiert“

Sat1-Moderatorin über Gruppenvergewaltigungen im Ruhrgebiet: „Man will nicht glauben, dass dies mitten unter uns in Deutschland passiert“

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Die 47-jährige Moderatorin Marlene Lufen hat ein Buch über sexuelle Gewalt geschrieben. Im Gespräch mit DER WESTEN macht sie deutlich, welchen Mut der Gang zur Polizei die Opfer kostet. Foto: imago/ Lumma Foto
  • Moderatorin Marlene Lufen hat ihr erstes Buch über sexuelle Gewalt geschrieben
  • Darin thematisiert sie auch die Gruppenvergewaltigungen im Ruhrgebiet
  • Nach dem ersten Prozesstag im Essener Landgericht äußert sie sich im Gespräch mit DER WESTEN zur Situation der Opfer

Essen. 

Die Moderatorin des Sat.1 Frühstücksfernsehens Marlene Lufen beschäftigt sich schon seit längerem damit, warum Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, häufig schweigen. Mit 19 Jahren wäre sie selbst fast zum Opfer geworden. Damals konnte sie sich nur knapp vor einer Vergewaltigung retten.

Nun will sie betroffenen Frauen helfen. In ihrem ersten Buch: „Die im Dunklen sieht man nicht: Warum missbrauchte Frauen schweigen“ geht sie auch auf die Opfer der Gruppenvergewaltigungen in Essen und Gelsenkirchen ein.

Was sich hinter den Taten verbirgt und welchen Mut die jungen Mädchen aufgebracht haben müssen, um die Täter bei der Polizei anzuzeigen, macht sie im Gespräch mit DER WESTEN deutlich.

Loverboy-Methode gibt es nicht nur in Essen und Gelsenkirchen

Lufen hält den Fall, der seit Freitag vor dem Essener Landgericht verhandelt wird für alles andere als eine Seltenheit. „Diese sogenannte Loverboy-Methode – und genau die ist in Essen und Gelsenkirchen passiert – ist in ganz Deutschland ein viel größeres Problem, als viele ahnen.“

Die Täter seien oft in mafia-ähnlichen Strukturen miteinander verbunden. „Sie locken junge Mädchen an, vergewaltigen und erpressen sie dann“, so Marlene Lufen im Gespräch mit DER WESTEN. Sie selbst recherchiere momentan erneut zu einem solchen Fall.

„Ich habe gerade letzte Woche mit der Leiterin einer Betreuungsstelle für Jugendliche gesprochen, die seit einigen Jahren immer wieder Betroffene betreut. Sie hat mich ganz persönlich gewarnt vor der Arbeit und mir extrem abgeraten vor einer Konfrontation mit den Tätern. Sie hält das für lebensgefährlich“, so die Moderatorin.

Leider würden aus diesem Grund häufig sogar Fachleute, wie die Polizei und auch Ärzte vor nötigen Konsequenzen zunächst zurückschrecken.

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„Man will nicht glauben, dass dies mitten unter uns in Deutschland passiert“

Tatsächlich würden nämlich hinter den Tätern oftmals Clans stecken, die dabei auch vor Tötungen nicht zurückweichen.

„Und genau das spüren die jungen Opfer und trauen sich deswegen nicht, von ihrem Martyrium zu erzählen oder die Täter anzuzeigen. Man will nicht glauben, dass dies mitten unter uns in Deutschland passiert. Leider ist es aber so“, sagt Lufen.

„Täter schleichen sich in ihr Leben ein und spielen Verständnis vor“

„Lockvögel nehmen bei der Loverboy-Methode Kontakt zu Mädchen auf, die häufig in schwierigen Lebenssituationen stecken oder sich in Chats einfach austauschen über Alltagsprobleme der Pubertät und sich vielleicht von ihren Eltern oder Freunden nicht verstanden fühlen. Hier schleichen sich die Täter in ihr Leben ein und spielen Verständnis vor.“

Die Mädchen seien froh, dass ihnen jemand zuhöre, knüpfen Vertrauen und würden sich oft noch während des Chattens in den Lockvogel verlieben.

Lufen: Lockvögel bei Loverboy-Methode häufig gut aussehende junge Männer

In fünf der sieben Fälle war der Angeklagte Dean Martin L. bei den Gruppenvergewaltigungen in Essen und Gelsenkirchen der Lockvogel.

Die Lockvögel bei der Loverboy-Methode seien häufig gut aussehende, charmante junge Männer.

„Genau so war es ja offenbar auch in dem Fall in Essen und Gelsenkirchen“, erklärt Lufen. Nach den ersten Taten, die oft gefilmt oder fotografiert werden würden, hätten die Mädchen dann schnell das Gefühl, ihre Würde verloren zu haben. Psychischen Druck aufzubauen und Angst zu verbreiten, gehöre ebenfalls zum Konzept der Täter.

Mut der Mädchen: „Das ist das Besondere an dem Fall“

„Die Mädchen hatten in diesem Fall den Mut, unabhängig voneinander zur Polizei zu gehen, das ist das Besondere an dem Fall. Es wurden unabhängig voneinander mehrere Anzeigen erstattet und es gibt die WhatsApp-Protokolle. Die verschaffen den Betroffenen Glaubwürdigkeit, das ist das einzig Positive an diesem Fall.“

Die betroffenen Mädchen hätten hier nicht nur den Mut, sondern offenbar auch den familiären Rückhalt gehabt, um über die schlimmen Vorfälle zu sprechen und zur Polizei zu gehen.

„Geständnis des Hauptverdächtigen ist sehr wichtig für die Mädchen“

„Oft ist die Angst vor den Folgen einer Anzeige so groß, dass die Opfer mit ihrem schlimmen Schicksal allein bleiben.“ Dies führe für die Opfer zu einem schrecklichen Teufelskreis, der ihnen das Leben zur Hölle macht.

Positiv sei an diesem Fall aber, dass die Öffentlichkeit den Opfern glauben würde. „Das Geständnis des Hauptverdächtigen ist sehr wichtig für die Mädchen.“ Dies und die öffentliche Fahndung nach Dean Martin L. habe sicher dazu beigetragen, dass den Opfern geglaubt werde.

Lufen: Jahrelang andauernde Traumatisierung der Opfer berücksichtigen

Marlene Lufen hofft außerdem, dass beim Strafmaß für die Täter auch weitere Aspekte eine Rolle spielen.

„Die jungen Mädchen, die hier in Essen und Gelsenkirchen betroffen sind, haben unter Umständen ihre erste sexuelle Erfahrung in Form der Gruppenvergewaltigung erlebt.“ Das sei fürchterlich und bedeute eine schwere, über viele Jahre andauernde Traumatisierung.

„Ich hoffe, dass dies im Falle einer Verurteilung in das Strafmaß miteinbezogen wird. Leider kommen die Täter oft mit einer lächerlich kleinen Strafe davon.“

Es seien so viele Frauen von sexueller Gewalt betroffen, denen nicht geglaubt werde – „oder deren Anzeige im Sande verläuft.“