Willkommen in den 80ern mit Fehlfarben und Extrabreit

Marc Hippler
Foto: ddp

Essen. Popmusik in den 80er Jahren war vor allem eins: ein bisschen anstrengend. Diesen Eindruck musste man am Dienstagabend beim Sehen des ersten Teils der Arte-Reihe „Welcome to the 80’s“ bekommen.

Popmusik in den 80er Jahren war also ein bisschen anstrengend. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der erste Teils der Arte-Reihe „Welcome to the 80’s“. Darin wurde dem Fernsehzuschauer erklärt, wie eine Jugendbewegung gleich zweimal starb, dass es hilfreich sein konnte, von Tuten und Blasen keine Ahnung zu haben und warum ein Auftritt in der ZDF-Hitparade irgendwie Punk war.

Beim deutsch-französischen Fernsehsender Arte haben sie gerade Themenwochen. Es geht um die 80er Jahre im Allgemeinen und seit dem späten Dienstagabend auch um die Musik des Jahrzehnts im Speziellen. „Welcome to the 80’s“ heißt die Reihe, und das klingt fast so, als würde man in einem fremden Land, ach was, auf einem fremden Planeten begrüßt werden. Tatsächlich treffen wir in der ersten Folge außerirdische Lebensformen, die in albernen gelben Anzügen auftreten, Tampons als Ohrringe tragen und immer zu „Da Da Da“ stammeln.

Sicherheitsnadeln an der Jacke

Gut, dass uns Birgit Herdlitschke in ihrem Film an die Hand nimmt und erklärt, wie das alles kam mit dem Postpunk und der Neuen Deutschen Welle. Dazu blickt sie zunächst noch weiter zurück, in die 70er. Damals fegten die Sex Pistols alle bis dahin gültigen Normen des Rock’n’Roll derart fernsehtauglich weg, dass selbst das ZDF-Kulturmagazin Aspekte zugeben musste, dass es sich dabei um so etwas wie eine Bewegung handeln müsse.

Vorher war Punk mal mehr als Sicherheitsnadeln an der Jacke und aufwendige Frisuren auf dem Kopf. Es ging um Meinungsfreiheit, Rezession, No Future, also um Politik – nicht nur darum, Pink Floyd durch Bier und Wut zu ersetzen. Die Vorzeige-Punks Sex Pistols waren bald zerrüttet und eine Jugendbewegung nach dem Ausverkauf irgendwie am Ende. Vorerst.

Feministische Bewegung versus Wiederentdeckung der Männlichkeit

In den 80ern war er dann wieder da. Herdlitschke lässt Zeitzeugen vom so genannten Postpunk erzählen, Musiker, Produzenten, Journalisten. Menschen, die dabei waren und nicht nur mal davon gehört haben - dafür gibt es schließlich Musiksendungen bei RTL. Das schützt nicht unbedingt vor ein paar Belanglosigkeiten aus der Nostalgieschublade, meistens gibt es aber wirklich Interessantes. Etwa wenn Inga Humpe - heute Sängerin von 2Raumwohnung - anmerkt, dass Punk (auch) eine feministische Bewegung war, während Moritz R. (Der Plan) im Punk „das Ding der Wiederentdeckung der Männlichkeit“ sieht, als Reaktion auf die Hippies der 70er und ihre Sitzkreise, in denen Männer (hihi) einen schlechten Stand hatten.

Wenig später war Punk schon wieder tot. Oder doch nicht? Da sind sich die Befragten auch nicht so ganz sicher. Daniel Miller, der aus Versehen mit Mute ein legendäres Label in den 80ern gründete, sieht nirgendwo mehr Punk als im Synthesizer, für den man nur einen Finger zum Musizieren braucht. Und für Inga Humpe war es irgendwann auch Punk, in der ZDF-Hitparade mit dem Dieter, dem Thomas, dem Heck aufzutreten.

Fehlfarben, DÖF, Extrabreit

Dort tummelten sich zusehends mehr bunte Vögel. Fehlfarben, DÖF, Extrabreit. Die Neue Deutsche Welle kam über das Land als eine Mischung aus New Wave und Schlager. Wenn man gut drauf war und eine gute Idee hatte, war man dabei oder wie es Gabi Delgado von DAF so schön sagt: „Von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, aber trotzdem was machen wollen.“ Im Grunde sei das doch Kapitalismus.

Bald war es das nur noch. Die „geniale Dilettanten“ machten Spaß und Geld und sonst nicht viel. Da ist man schon froh, dass Stephan Remmler mit dem Gerücht aufräumt, Trio habe mit „Da Da Da“ was Avantgardistisches erschaffen: „Wir kamen nicht vom Kopf her, weißte?“

Rein musikhistorisch

Und so blieb es anstrengend. Erst, weil keine Musik ohne politische Verortung möglich schien, dann, weil’s für Ohren und Augen zu bunt wurde. Aber um Geschmack geht es in „Welcome to the 80’s“ nicht. Und das ist eine Stärke. Der Marsch durch die Radiostationen, er wird rein musikhistorisch aufgezogen – ohne, dass es langweilig wird. Dabei gibt es durchaus auch Bezüge in die aktuelle Popmusik, etwa wenn die Punkband Gang of Four als Paten für aktuelle Bands wie Franz Ferdinand oder Interpol herhalten oder sich im „Home Taping“ mit Musikkassetten von damals MP3-Tauschbörsen von heute andeuten.

Wer vor allem Musik von damals hören will, wird von „Welcome to the 80’s“ enttäuscht sein. Für Hobby-Musikhistoriker ist die sechsteilige Reihe fast ein Muss.

Wiederholung Folge 1 (Postpunkt & NDW): Samstag, 15. August, 3 Uhr. Freitag, 28. August, 18.05 Uhr.

Wiederholung Folge 2 (Synthie-Pop & New Romantic): Samstag, 15. August 3.50 Uhr. Montag, 31. August, 18.05 Uhr.

Alle weiteren Folgen jeweils donnerstagabends auf Arte.

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