Essen

Integrations-Politikerin nach Erdogan-Wahl: „Wir haben Integration zu lange ignoriert“

Rund 200 Menschen feierten vor dem türkischen Konsulat in Essen den vorläufigen Wahlsieg Erdogans.
Rund 200 Menschen feierten vor dem türkischen Konsulat in Essen den vorläufigen Wahlsieg Erdogans.
Foto: Justin Brosch

Essen. Auch Tausende Deutschtürken haben ihn gewählt: Recep Tayyip Erdogan bleibt Präsident der Türkei.

In vielen Städten in NRW feierten Erdogan-Anhänger den Wahlsieg ihres Favoriten. In Autokorsos fuhren sie durch die Straßen, schwenkten Türkei-Flaggen, versammelten sich vor den Konsulaten.

Erdogan-Anhänger feiern auf den Straßen: „Befremdlich“

Die NRW-Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (CDU) nennt die Bilder von feiernden Erdogan-Anhängern in Deutschland „befremdlich“.

Wie passt das eigentlich zusammen? Dass Menschen, die in einem demokratischen, liberalen Land leben und arbeiten, ihre Stimme einem Mann geben, der sich in einem anderen Land schon längst zu einem Autokraten entwickelt hat; der die Pressefreiheit beschneidet und politische Gegner einsperren lässt.

Wähler halten Erdogan für sehr demokratisch

Die Anhänger Erdogans hätten kein Problem mit Demokratie, sie würden Erdogan sogar für sehr demokratisch halten, so Güler gegenüber DER WESTEN: „Sie teilen die Einschätzungen der hiesigen Öffentlichkeit über Erdogan nicht. Unsere Debatte dreht sich um Rechtsstaatlichkeit, Presse- und Meinungsfreiheit und Pluralismus, weshalb Erdogan sogar nicht nur zu Recht als autoritärer Politiker bezeichnet wird, sondern teilweise auch mit einem Diktator gleichgesetzt wird.“

Dies sei für viele Türken in Deutschland nachrangig. Zuletzt hat er fünf Gegenkandidaten gehabt und hat sich durchgesetzt. Die Wahlurne ist für sie entscheidend und dient deshalb als Beleg für Demokratie.

------------------------------------

• Mehr Themen:

So stimmten Türken in Deutschland bei der Präsidentenwahl

Essen ist die Erdogan-Hochburg: So wählten die Deutsch-Türken im Ruhrgebiet

• Top-News des Tages:

WM 2018: Frankreich quält sich gegen Dänemark zum Gruppensieg

Borussia Dortmund bestätigt drittteuersten Transfer der Vereinsgeschichte

-------------------------------------

Sprich: Der Präsident wurde vom Volk gewählt, also ist er ein demokratischer Präsident. Wie will die Landesregierung mit dem Fakt umgehen, dass offenbar eine größere Gruppe von Deutsch-Türken ein völlig anderes Verständnis von Demokratie hat?

Stärker in Demokratie einbinden

„Wir haben in Deutschland viel zu lange Integration ignoriert und dann irgendwann geglaubt, der Zugang zu Sprache, Bildung und Arbeit reiche aus, damit Integration gelingt“, so Güler. Erfolgreich könne Integration aber nur sein, wenn ein gemeinsames Wertefundament geteilt werde.

„Daran müssen wir arbeiten“, kündigt Güler an. Das türkische Wählervotum solle Ansporn sein, den „Wettbewerb um die Herzen und Köpfe der Türkeistämmigen anzunehmen und sie stärker in die bundesdeutsche Demokratie einzubinden.“

Erdogan hatte bei der Wahl besonders viele Stimmen von Deutsch-Türken aus dem Ruhrgebiet erhalten. Den Zahlen nach ist vor allem Essen eine Hochburg von Erdogan-Anhängern: Mehr als 76 Prozent der Wähler stimmten für den Präsidenten – in keiner anderen deutschen Stadt war die Zahl höher.

Woran liegt das?

Serap Güler versucht sich an einem Erklärungsansatz: „In NRW leben die meisten Migrantinnen und Migranten, die entweder selbst oder deren Vorfahren als einfache Gastarbeiter überwiegend ins Ruhrgebiet gekommen sind, um zu arbeiten.“ Die allermeisten von ihnen stammten aus bildungsfernen Schichten, so Güler.

Menschen also, von denen viele einen eher eindimensionales Demokratieverständnis haben – und die sich einen starken Machthaber für ihr Heimatland womöglich sogar wünschen.

Aber was ist mit der jungen Generation, die unter ganz anderen Umständen aufgewachsen ist? „Erdogan bindet sie ein, er spricht sie emotional an und gibt ihnen das Gefühl, Teil einer großen Nation zu sein“, erklärt Güler. Das sei ein Wunsch, der im Kollektivgedächtnis vieler Türken fest verankert ist.

In der vermeintlichen Fremde, in der Diaspora, werde ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft oft hinterfragt - oder ihre religiöse und kulturelle Identität mit negativen Attributen versehen. „Erdogan bedient ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Respekt“, glaubt die Staatssekretärin.

 
 

EURE FAVORITEN