Gab es zweiten NSU-Anschlag in Dortmund?

Dortmund im März 2006: Brand-Anschlag auf das türkische Bildungszentrum an der Westhoffstraße. Der Fall wurde von der Polizei nie aufgeklärt, die Ermittlungen ergebnislos vorübergehend eingestellt.
Dortmund im März 2006: Brand-Anschlag auf das türkische Bildungszentrum an der Westhoffstraße. Der Fall wurde von der Polizei nie aufgeklärt, die Ermittlungen ergebnislos vorübergehend eingestellt.
Foto: Helmuth Vossgraff
Die rechtsradikale Terrorrzelle „NSU“ hat möglicherweise einen weiteren Anschlag in Dortmund begangen. Kurz vor dem Mord an Mehmet Kubaşık wurde ein Brandsatz gegen ein türkisches Bildungszentrum geschleudert. NSU-Mann Uwe Mundlos wurde damals in der Stadt gesehen.

Dortmund. In Dortmund könnte es einen zweiten Anschlag im Zusammenhang mit der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gegeben haben. Wie aus Unterlagen hervorgeht, die der WAZ-Mediengruppe vorliegen, wurde in der Nacht vom 30. auf den 31. März 2006 das türkische Bildungszentrum in der Dortmunder Westhofstraße mit Brandsätzen angegriffen. Der Fall wurde von der Polizei nie aufgeklärt, die Ermittlungen ergebnislos vorübergehend eingestellt.

Das besondere daran: Das Bildungszentrum stand auf der Anschlagsliste des NSU, die Jahre später in den Trümmern der Zwickauer Wohnung des rechtsradikalen Terrortrios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, gefunden wurde. Das Zentrum war mit einem Stern markiert.

Uwe Mundlos wurde in Dortmund gesehen

Wie weiter aus den Papieren hervorgeht, berichtete ein V-Mann der Dortmunder Polizei zudem, er habe Uwe Mundlos am 1. April 2006, also am Tag nach dem Anschlag, in Dortmund zusammen mit einem Neonazi aus der Szene des mittlerweile verbotenen rechten Netzwerkes „Blood & Honour“ gesehen. Am gleichen Tag überfielen Neonazis eine Gedenkdemo für einen Punker, der von einem Rechtsradikalen erstochen worden war.

Drei Tage später, am 4. April 2006, wurde der Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık vom NSU in der Dortmunder Nordstadt ermordet. Ein mit den Ermittlungen betrauter Verfassungsschützer wertete die Tat als möglichen Versuch, ein Fanal zur Gewalt in der Dortmunder Neonazi-Szene zu setzen.

Der rechte Terror der NSU Bislang geben die Ermittlungs­behörden an, es gebe keine tatsächlichen Hinweise auf Unterstützer für das Terrortrio in Dortmund. Auch erscheint es den Ermittlern unwahrscheinlich, dass die Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tatsächlich bereits am 1. April 2006 in Dortmund waren. So hatte der Dortmunder V-Mann „Heidi“ seine Beobachtung von Mundlos erst fünf Jahre nach der Sichtung zu den Akten gegeben. Zudem wurde das Wohnmobil für die Fahrt von Thüringen nach Dortmund für den Zeitraum vom 3. April bis zum 7. April 2006 von Böhnhardt unter dem üblichen Decknamen Holger G. gemietet, wie aus der Anklageschrift gegen Zschäpe hervorgeht. Böhnhardt und Mundlos pflegten bei ihren Morden Räder als Fluchtfahrzeug zu benutzen und diese Räder nach der Tat in dem gemieteten Wohnmobil zu verstecken.

Allerdings schließt die Feststellung, dass der Wagen am 3. April von Böhnhardt gemietet wurde, nicht aus, dass sein Partner Mundlos zwei Tage zuvor in Dortmund war, etwa um Ziele und Fluchtwege auszuspähen.

Wie kamen die Anschlagsziele auf die Liste?

Ermittlerkreise bestätigen, dass Polizei und BKA bislang nicht geklärt haben, wie die potenziellen Anschlagsziele auf die Listen des NSU kamen. Gab es Helfer in Dortmund aus dem rechten Umfeld? Gab es Späher?

Klar ist nur, dass der Sprengstoffbeschaffer des NSU, Thomas S., zeitweise im Dortmunder Raum gearbeitet hat und als Kontaktmann der dortigen gewaltbereiten „Blood & Honour“-Bewegung in den Osten galt. Klar ist auch, dass die rechtsradikale Szene in Dortmund international mit Waffen gehandelt hat, und dass sich eine militante Zelle rund um die Nazi-Band „Oidoxie“ formierte.

Aus dem NSU-Ermittlungsausschuss im Bundestag wurde mittlerweile bekannt, dass die Behörden über 120 Personen zum Unterstützerkreis des NSU zählen. Wie viele davon in Dortmund aktiv sind, ist noch offen.

 
 

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