Vertreibung aus dem Kiffer-Paradies Venlo

Matthias Maruhn
Foto: Imago
In Venlo sollen Deutsche ab nächstem Sommer kein Haschisch mehr kaufen dürfen. Die Stadt will endlich weg von ihrem Image als Kiffer-Paradies. Anwohner und Kunden befürchten, dass sich der Markt dann auf die Straße verlagert.

Venlo. Gleich hinter der Grenze, am Ende der A61 und dann noch durch einen Kreisverkehr nach links, da liegt das kleine Paradies für Kiffer, wie die Konsumenten von Haschisch und Marihuana gerne genannt werden. Das „Roots & Oase“ in Venlo ist ein Coffeeshop, hier gibt es weiche Drogen zu kaufen, besonders deutsche Kunden kommen gerne hierher. Noch. Denn schon bald soll der Verkauf an Deutsche und andere Ausländer verboten werden. Die herrschende Politik will es so, ein entsprechendes Anti-Drogen-Paket wurde auf den Weg gebracht, jetzt soll es ausgepackt werden.

Hubert Bruls ist Bürgermeister von Venlo. Der Christdemokrat hat klare Vorstellungen: „Wir wollen endlich weg von diesem schlechten Image. Venlo hat so viel mehr zu bieten.“ Zunächst aber ist der Weg steinig. „Wir sollten eigentlich zum 1. Januar das Kaufverbot für Nichtniederländer durchsetzen. Das ist aber organisatorisch kaum machbar. Das würde nur Wirrwarr erzeugen. Ich habe dem Innenminister als neuen Termin den 1. Juli vorgeschlagen.“ Das wird jetzt in den nächsten Tagen in einem Gremium besprochen, sozusagen eine Galgenfrist für die deutsche Kiffergemeinde.

„Weiße Witwen“und „Skunk“

Wie sieht so ein Coffeeshop eigentlich von innen aus? Erstmal wie eine Kneipe, nur dass es keinen Alkohol gibt. Nicht geben darf. Die Gäste sitzen allein oder in der Gruppe an Tischen und rauchen Joints. An einer Bar gibt es Kaffee, Fruchtsaft und Süßigkeiten, an zwei weiteren kleinen Theken wird dann das eigentliche Objekt der Begierde verkauft. 30 Sorten etwa gibt es, manche haben fantasievolle Namen: „White Widow“ etwa, also „weiße Witwe“, „Orange Butt“ oder auch „Skunk“, was jetzt nicht so einladend klingt.

Der Käufer muss sich zunächst per Mitgliedsausweis oder Pincode elektronisch registrieren, dann darf er bis zu fünf Gramm täglich kaufen. Ab sechs Euro kostet ein Gramm. Nach wie vor muss der Käufer auch kleinerer Mengen damit rechnen, jenseits der Grenze vom deutschen Zoll oder der Polizei gestoppt und angezeigt zu werden.

Was viele nicht übermäßig juckt, drei Viertel der Kunden hier kommen aus Deutschland. Sascha (40) aus Köln zum Beispiel. „Ich kaufe mir hier gelegentlich ein bis zwei Gramm, weil ich mir gerne abends mal einen rauche. Das werde ich auch weiterhin tun. Wenn hier für uns geschlossen wird, dann geht der Markt eben wieder auf dunkle Straße. Hilft niemandem. Der Ist-Zustand ist die beste Lösung.“

Max (24) aus Duisburg: „Dann muss ich einem Holländer das Geld geben, damit der im Laden einkauft. Das kostet extra. Und man weiß nie, ob der nicht einfach mit dem Geld verschwindet.“

Robert (41), ein Mitarbeiter im „Roots & Oase“, sieht das ähnlich. „Die neuen Regeln sind ein Schuss, der nach hinten losgeht. Die einzigen, die sich darüber freuen, sind die Mafia-Leute. Die kommen wieder ins Geschäft. Denn die Deutschen werden dann wieder auf der Straße kaufen müssen. Mit all den negativen Folgen. Die Qualität ist nicht gesichert, es wird Abzocke geben, Überfälle. Und vor allem kommen auch wieder harte Drogen ins Verkaufsgespräch.“

Johanna (50) und Alina (30) aus Essen fahren vor. Alina sagt: „Wir kommen alle paar Monate, kaufen dann etwas Gras. Ja, ich weiß, dass es illegal ist, und wir haben auch Sorge an der Grenze. Aber wir sind berufstätige erwachsene Frauen, wir wollen einfach nur am Wochenende mal einen Joint rauchen. Weil es uns gut tut. Ich habe einfach nicht das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun.“

„Dann fordere ich mehr Polizei“

Robert sieht mit gemischten Gefühlen in die Zukunft des Coffeeshops: „Hier arbeiten 23 Leute, monatlich sind das über 40 000 Euro Gehalt, wir zahlen 52 Prozent Steuern. Wir müssen abwarten, was passiert, wenn im Sommer die Deutschen nicht mehr kommen dürfen.“ Auch die Anwohner der Coffeeshops in Venlo sind nicht alle begeistert über die neuen Regeln. Gertruda betreibt eine Fritten-Bude in der Innenstadt: „Ein schlechter Plan. Dann geht das doch wieder auf den Straßen in der Nachbarschaft los. Für den Fall fordere ich von der Gemeinde, dass sie mehr Polizei stellt und uns schützt.“

Die deutsche Polizei will die Pläne der Nachbarn nicht kommentieren. Ein Sprecher des Landeskriminalamtes in Düsseldorf. „Wir warten mal ab, welche Wege der Drogenhandel dann nehmen wird.“ Die Erfahrung zeige, dass die Leute auf neue Gesetze mit neuen Tricks reagieren.

Viel Arbeit für Bürgermeister Bruls. Zumal Venlo im kommenden Jahr abertausende Besucher erwartet. Wegen anderer Pflanzen allerdings: Die große Gartenshow „Floriade“ startet im April.