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Ukraine-Krieg: Auch das noch! Warum unsere Lebensmittel viel teurer werden

Selenskyj fordert sofortige Entscheidung für Lieferung von Kampfflugzeugen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die westlichen Staaten erneut zur Lieferung von Kampfflugzeugen des Typs MiG-29 aufgerufen.

Der Ukraine-Krieg ist eine Tragödie für die Menschheit. Neben all dem Leid und Schrecken, den Zivilisten erleiden müssen, machen sich auch wirtschaftliche Verwerfungen immer stärker im persönlichen Leben eines jeden Menschen bemerkbar. Die hohe Inflation und der gestiegene Ölpreis in Kombination mit der hohen Steuerlast in Deutschland machen Diesel und Benzin bereits historisch teuer.

Doch auch der Preis für Getreide ist seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs durch die Decke geschossen. Denn sowohl Russland als auch die Ukraine gelten als Kornkammern der Welt, beide Länder liefern etwa ein Drittel des weltweit gehandelten Weizens. Der Handel ist praktisch zum Erliegen gekommen, die Häfen am Schwarzen Meer können wegen des Ukraine-Kriegs nicht mehr angelaufen werden. Auch dringend benötigter Dünger wird nicht mehr ausgeführt.

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Diese Redaktion hat mit Jörg-Simon Immerz gesprochen, Leiter Erzeugnisse Agrar bei der BayWa AG, Deutschlands größtem Agrarhändler. Er ist nah dran am Geschäft, kennt den Markt wie kein Zweiter, hat tagtäglich mit den steigenden Preisen zu tun – und zeichnet ein düsteres Bild für die Brotpreise in Deutschland.

REDAKTION: Herr Immerz, die Ukraine hat bereits angekündigt, den Export von Getreide zu kürzen (u.a. Roggen, Hafer, Hirse). Welche Auswirkungen hat das unmittelbar auf die Preisbildung von Getreide-Produkten in Deutschland?

Jörg-Simon Immerz: In der Ukraine herrscht Krieg. Wir alle können in den Medien verfolgen, dass dadurch die Versorgung im Land mit dem Nötigsten, was Menschen brauchen, zunehmend knapp wird, weil Versorgungswege großflächig abgeschnitten sind. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass die ukrainische Regierung in dieser absoluten Notlage versucht, die Versorgung im Inland zu sichern. Absolut unverständlich ist hingegen das Dekret, dass die ungarische Regierung in Kraft gesetzt hat: Durch ein staatliches Vorkaufs- bzw. Ankaufsrecht beschränkt die Orbán-Regierung den Handel mit Weizen und anderen Getreidearten. Das ist nicht nur ein Bruch mit dem gemeinsamen EU-Binnenmarkt, sondern verschärft die Sorge vor einem weltweiten Versorgungsengpass mit Grundnahrungsmitteln.

Wie sieht es denn aktuell mit den ukrainischen Exporten aus? Sind sie bereits gekürzt, sind die Kriegsauswirkungen schon sichtbar?

Tatsächlich sind die Getreideexporte aus der Ukraine schon seit Kriegsbeginn zum Erliegen gekommen: Schiffe am Schwarzen Meer können nicht beladen werden oder auslaufen, weil die Häfen gesperrt sind. Zudem fehlen ukrainische Staatsbürger, die als Lkw-Fahrer oder für die Reedereien arbeiten, weil sie ihr Land verteidigen. Ukrainische Landwirte, die normalerweise jetzt im Frühjahr ihre Felder bewirtschaften, können dies nicht oder nur sehr eingeschränkt tun. Mit der Ukraine fällt damit ein wichtiger Getreidelieferant weitgehend aus – und das treibt derzeit die Preise für Agrarrohstoffe. Weil gleichzeitig auch die Energiepreise auf Rekordniveau liegen, verteuert sich die gesamte Produktion von Lebensmitteln – auch hier bei uns in Deutschland: beginnend beim Landwirt, der mehr Geld für Dünger, Diesel und Futtermittel aufbringen muss, über die Verarbeitung in den Mühlen bis hin zur weiterverarbeitenden Industrie und Speditionen. Wir gehen davon aus, dass sich Lebensmittel in Deutschland um mindestens 20 Prozent verteuern werden.

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Das ist die BayWa AG:

  • 1923 gegründet, Hauptsitz München, aktuell rund 22.000 Mitarbeiter
  • Grundversorger in den Bereichen Ernährung, Energie und Wohnen
  • Schwerpunkte liegen im Projektgeschäft von erneuerbaren Energien (v.a. Wind und Solar) sowie dem internationalen Agrar-, Obst- und Gemüsehandel
  • Jährlicher Umschlag weltweit zwischen 30 und 35 Millionen Tonnen Getreide, Ölsaate und Futtermittel
  • Jahresumsatz rund elf Milliarden Euro (2020) im Agrargeschäft, damit größter Agrarhändler Deutschland und weltweit unter den Top 10

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Könnte denn Deutschland überhaupt die Ausfälle aus der Ukraine und Russland ansatzweise kompensieren?

Die EU ist der größte Weizenproduzent der Welt und damit nicht abhängig von Weizen aus der Schwarzmeerregion. Anders sieht das bei Ländern in Nordafrika und Arabien aus – sie sind die Hauptabnehmer für Brotweizen aus der Ukraine. Bei Mais und Raps wiederum werden Deutschland und die EU auch aus der Ukraine beliefert. Die ausbleibenden Lieferungen müssen in diesem Jahr durch andere Herkunftsländer kompensiert werden.

Wie lange geht das gut?

Der Agrarhandel ist ein internationales Geschäft und kann dadurch in gewissem Rahmen flexibel reagieren und auf andere Warenströme zurückgreifen. Vollständig kompensieren lassen wird sich der Ausfall der Ukraine aber sehr wahrscheinlich nicht – dafür spielt sie eine zu wichtige Rolle im weltweiten Agrarhandel. Die Frage nach Kompensationsmöglichkeiten im Laufe dieses Jahres hängt außerdem stark vom Saisonverlauf in den anderen Anbaugebieten der Erde ab und davon, wie gut die Ernten dort ausfallen. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir von einer durchschnittlichen Ernte in Deutschland aus.

Sie haben schon gesagt, dass sich hier die Lebensmittel um mindestens 20 Prozent verteuern werden. Das ist nicht wenig. Ist es denkbar, dass wir uns auf dieses neue Preisniveau gewöhnen müssen, es mittelfristig sogar noch weiter nach oben geht?

Der Krieg in der Ukraine führt jetzt zu einer Ausnahmesituation. In der Hoffnung, dass das Land so schnell wie möglich Frieden findet und als Handelspartner zurückkehren kann, wird sich mittel- und langfristig auch die Lage an den Börsen beruhigen. Unabhängig davon werden wir auch in der Zukunft mit höheren Preisen für Getreideprodukte als bisher leben müssen. Schon seit einigen Jahren beobachten wir, dass sich die weltweiten Getreidevorräte verringern. Um den Bedarf der wachsenden Weltbevölkerung mit Grundnahrungsmitteln zu decken, brauchen wir eigentlich jedes Jahr eine Rekordernte. Das ist schwierig, weil die Landwirtschaft grundsätzlich stark vom Wetter abhängt und Extremwetterereignisse wie Dürre, Starkregen oder Hagel in den vergangenen Jahren zugenommen haben.

Das hört sich nicht gut an. Was macht Hoffnung, dass diese Mammutaufgabe gelingt?

Hoffnung gibt die Innovationskraft im Landwirtschaftsbereich. Sei es der Einsatz von Smart Farming, Agri-Photovoltaik oder die Gen-Schere – die Lösungen, die weltweite Versorgung sicherzustellen, sind längst marktreif, aber nur teilweise in der landwirtschaftlichen Praxis angekommen. Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

Wird es für die Kunden in Deutschland neben höheren Preisen zu Einschränkungen kommen? Weniger Auswahl von Brotsorten zum Beispiel, ist das denkbar?

Auf uns hier in Deutschland kommen ohne Frage weiter steigende Preise an der Supermarkt-Kasse zu. Jedoch besteht in Deutschland keine Nahrungsmittelknappheit und kein Grund zur Panik. Zudem hat die Politik bei uns Möglichkeiten, steuerlich gegen zu wirken und soziale Härten abzufedern. Andere Länder haben diese Möglichkeiten nicht. Die Verteilungskrise und der Hunger in der Welt werden sich daher durch den Krieg in der Ukraine verschärfen.

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Könnte die deutsche Agrar-Industrie im Worst Case auf Selbstversorgung umschwenken? Deutschland ist ein großes Land, hat die höchste Bevölkerungszahl in Europa…

Bei Weizen ist Deutschland bereits Selbstversorger. Bei Mais oder Raps wiederum kann der Bedarf nicht durch inländische Produktion gedeckt werden, so dass Importe notwendig sind. Hinzu kommt, dass Agrarprodukte Naturprodukte sind, die bestimmte klimatische Ansprüche haben. Soja zum Beispiel wächst sehr gut in der Donauregion. In der Mitte und im Norden Deutschlands ist es Soja indes häufig zu kalt. Zudem kann es in schlechten Jahren auch bei Weizen passieren, dass Deutschland auf Importe angewiesen ist – ich erinnere an das Jahr 2018: Damals sorgte eine Dürre für erhebliche Ernteeinbußen in weiten Teilen Europas. Nicht zuletzt erwarten auch die Nahrungsmittelproduzenten, der Lebensmitteleinzelhandel und Verbraucher ein ganzjähriges Angebot. Eine vollständige Selbstversorgung der deutschen Agrar-Industrie könnte den Bedarf somit nicht decken.