Krankenkasse will Zahl der Hüft-Operationen begrenzen

Stefan Schulte und Daniel Freudenreich
Die AOK will die Zahl von Hüft-Operationen begrenzen.
Die AOK will die Zahl von Hüft-Operationen begrenzen.
Foto: WR
Deutschland ist Weltmeister beim Einsetzen von künstlichen Knie- und Hüftgelenken. Sehr zum Ärger der Krankenkassen. Die AOK Rheinland/Hamburg fordert deshalb eine Deckelung. Ärztepräsident Frank Montgomery hält eine solche Beschränkung für unethisch: "Die Patienten haben unglaubliche Schmerzen."

Essen/Berlin. In Deutschland werden laut dem noch unveröffentlichten OECD-Gesundheitsbericht 2012, der der WAZ Mediengruppe in Auszügen vorliegt, doppelt so oft Knie- und Hüftprothesen eingesetzt wie im europäischen Durchschnitt. 2010 erhielten 295 von 100 000 Einwohnern eine neue Hüfte und 213 ein neues Knie. Insgesamt werden jedes Jahr 400 000 Menschen Prothesen eingesetzt.

Mit der Alterung der Gesellschaft ist das laut AOK nicht zu erklären. Eine Studie des Wirtschaftsforschungs-Instituts RWI hat ergeben, dass der Anstieg der Zahl der OPs nur zu einem Drittel der Demografie geschuldet ist. „Es bleiben gut 60 Prozent, die nicht nur auf den medizinischen Fortschritt, sondern vor allem auch auf die Fehlanreize des Vergütungssystems zurückzuführen sind. Diese ungebremste Mengensteigerung müssen wir stoppen“, sagte Günter Wältermann, Chef der AOK Rheinland/Hamburg. Er schlägt „eine Deckelung auf das demografisch und medizinisch zu erwartende Maß“ vor. Denkbar wäre, sich dabei am Handel mit dem Klimagas Kohlendioxid zu orientieren. Die Ausgabe einer begrenzten Zahl von Zertifikaten würde verhindern, „dass die Menge aus Renditegründen ins Beliebige gesteigert würde“.

Ärztepräsident hält Beschränkung von Operationen für unethisch

Ärztepräsident Frank Montgomery widerspricht: „Wer ein neues Knie- oder Hüftgelenk braucht, hat unglaubliche Schmerzen. Ich halte es für unethisch, die Anzahl der Operationen durch einen unsinnigen Deckel zu begrenzen.“ Dass die Zahl der OPs steige, liege nicht an der Profitgier der Kliniken, sondern: „Wir alle werden immer älter und leider auch dicker. Damit nehmen Verschleißerscheinungen zu. Außerdem sind heute OPs machbar, die früher technisch unmöglich waren.“

Wolfgang Zöller (CSU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, riet, sich vor einer OP eine Zweitmeinung einzuholen. Dafür zeigte sich auch Montgomery offen: „Ich könnte mich der Forderung anschließen, dass man ein Zweitmeinungs-Verfahren anstrebt, wenn die Krankenkassen Zweifel an der Notwendigkeit der Operation haben.“

Es geht um die 50-Jährigen, die eine neue Hüfte brauchen 

Warum werden in Deutschland doppelt so oft Gelenkprothesen eingesetzt als im übrigen Europa? Weil wir besser versorgt werden als unsere Nachbarn? Oder wird unnötig oft operiert, weil die Krankenhäuser damit 0gutes Geld verdienen? Günter Wältermann, der neue Chef der AOK Rheinland/Hamburg, glaubt an Letzteres. Mit seiner Forderung, die Zahl der Operationen durch die Ausgabe von Zertifikaten zu begrenzen, hat er Kliniken und Ärzte mächtig aufgeschreckt.

Die Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) wittert eine „Kampagne gegen die Kliniken“. Durch technischen Fortschritt seien die OPs viel schonender als früher. Patienten, die unter starken Schmerzen litten, entschieden sich daher häufiger für einen Eingriff, um wieder schmerzfrei und mobil zu sein. Wenn die AOK diese Leistung rationieren wolle, müsse sie das ihren Versicherten beibringen, sagte KGNW-Sprecher Lothar Kratz.

GesundheitWältermann betont, es gehe ihm trotz des Deckels nicht um eine Rationierung: „Erforderliche OPs müssen immer stattfinden“, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er hofft aber, dass durch den Zertifikatehandel weniger unnötige OPs stattfinden.

Es geht um die 50-Jährigen

Er denkt dabei nicht nur an den 85-Jährigen, der eine neue Hüfte braucht, sondern an die vielen 50-Jährigen, denen Prothesen eingesetzt werden. „So eine Prothese hält vielleicht 15 Jahre, dann muss wieder eine neue eingesetzt werden. Das geht nicht beliebig oft, deshalb lohnt es bei den Jüngeren zu hinterfragen, ob wirklich alle konservativen Heilmethoden ausgeschöpft wurden.“ Damit meint der AOK-Chef Physiotherapie, Rehamaßnahmen und Sport. Häufig sei auch Übergewicht eine Ursache für Gelenkverschleiß.

OperationenDoch woher soll ein Patient nun wissen, ob eine OP wirklich der letzte Ausweg ist? Gerade Jüngeren rät aber auch Klinik-Sprecher Kratz, sich einen Eingriff gut zu überlegen und im Zweifel eine Zweitmeinung einzuholen. Dazu rät auch AOK-Chef Wältermann: „Dafür stehen bei uns 20 namhafte Professoren bereit, die sich gerne die Versicherten anschauen und sie beraten.“ Häufig müssten die Patienten für vorbeugende Maßnahmen motiviert werden.

Dies fällt natürlich umso schwerer, wenn sich der Patient unter dem Eindruck starker Schmerzen schnelle Linderung wünscht. Mit einem künstlichen Knie können viele nach wenigen Wochen wieder schmerzfrei laufen.

Abschläge von 30 Prozent

Doch diese Fortschritte machen an der deutschen Grenze nicht halt. Warum also wird etwa im ebenfalls hoch entwickelten Skandinavien deutlich seltener operiert? Wältermann sieht finanzielle Gründe. Dabei gibt es bereits heute Abschläge, wenn Kliniken häufiger operieren als in den Jahreszielen mit den Krankenkassen vereinbart. Für jede OP, die über das Soll hinausgeht, erhalten sie eine um 30 Prozent gekürzte Pauschale, ab 2013 beträgt der Abschlag 25 Prozent. „Es lohnt sich aber für die Kliniken trotz des Abschlags immer noch“, sagt Wältermann.

Seine Idee mit den Zertifikaten würde die Zahl der OPs deckeln. Hat eine Klinik ihre aufgebraucht, muss sie für weitere OPs Zertifikate von anderen Kliniken kaufen. Die Gesamtmenge bliebe begrenzt.

WAZ-MedizinforumDer Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), lehnt ein solches System ab. Allerdings will auch er die Gründe für die deutsche Prothesen-Weltmeisterschaft hinterfragt wissen: „Krankenkassen und Ärzteschaft müssen den Ursachen der steigenden Zahl von Operationen auf den Grund gehen. Wenn die Analyse ergibt, dass in Deutschland häufig medizinisch unnötig operiert wird, besteht Handlungsbedarf.“