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Pflege: Hebammen schlagen Alarm! „Es ist schon ein Notstand“

Den Fachkräftemangel spüren auch die Hebammen. Sie berichten über teils katastrophale Zustände. Darauf müssen sich Schwangere einstellen!

pflege hebamme
© IMAGO / Westend61

Geschenk für die Hebamme: Schöne, kreative und praktische Ideen

Tag und Nacht stehen uns unsere Hebammen 24/7 zur Seite und sorgen sich um uns, wie um ein Familienmitglied. Es wird Zeit, ihnen gebührend zu danken. Hier kommen schöne, kreative und praktische Geschenk-Ideen

Karl Lauterbachs (SPD) Vorschlag, Hebammen auf bestimmten Klinikstationen ab 2025 aus dem Pflegebudget zu streichen, stieß zuletzt auf massive Kritik. Eine Welle der Empörung bahnte sich vor allem in den sozialen Netzwerken an.

Der Gesundheitsminister ruderte anschließend zurück, auch wegen des öffentlichen Drucks. Mehr als 1,5 Millionen Menschen hatten eine entsprechende Petition unterschrieben. Dennoch stellt sich nach der Lauterbach-Aufregung die Frage: Werden Hebammen von der Politik wertgeschätzt?

Hebammen: Keine Eins-zu-eins-Betreuung garantiert

Eine dieser Hebammen ist Lisa Brockmann aus Altdorf bei Nürnberg. Durch ihre bereits 16 Jahre lange Berufserfahrung hat Brockmann schon viel erlebt. Was sich dabei immer weiter verschärft hat, ist der Fachkräftemangel in der Geburtshilfe. Deshalb versucht sie Schwangere frühzeitig auf die Wochenbettstation vorzubereiten, vor allem wenn die diese voll und nicht ausreichend Personal da ist.

Hebamme Lisa Brockmann im Porträt
Notstand in der Pflege: Hebammen schlagen Alarm! Foto: privat Lisa Brockmann

„Auch im Kreißsaal ist nicht garantiert, eine Eins-zu-eins-Betreuung zu bekommen, meistens kommt eine Hebamme auf mindestens zwei bis vier Frauen. Was früher die Ausnahme war, wird immer mehr zum Regelfall“, mahnt die freiberufliche Hebamme im Gespräch mit dieser Redaktion. Heute komme es auch in Kliniken vermehrt zu Aufnahmestopps.

Dass die Streichung von Hebammen auf Wochenbettstationen überhaupt von der Politik vorgeschlagen wurde, sei „frustrierend“ und „traurig“. „Es ist jetzt schon ein Notstand. Wenn da noch mehr weggekürzt werden soll, die Bedingungen noch schlechter werden, würde eine noch größere Welle auf uns zu rollen“, betont die 41-Jährige. Und auch Hebammen-Schülerin Laura Furchner aus Würzburg ist sich sicher: „Das Signal der Politik ist klar: Was gestrichen werden kann, ist scheinbar überflüssig.“

Auch abseits der Debatte gibt es zahlreiche Probleme

Der Mangel an Hebammen führt dazu, dass Frauen sich bereits frühzeitig um eine Betreuung kümmern müssen. „Es kommt nicht selten vor, dass Frauen mit einem positiven Schwangerschaftstest zuerst zu mir kommen, bevor sie den ersten gynäkologischen Termin haben“, erzählt Brockmann, die 2006 ihr Examen an der Uniklinik in Würzburg absolvierte. Mit Notfällen oder Urlaubsvertretungen gibt es so auch „Wochen, in denen es kracht“. Arbeitstage mit 12 bis 14 Stunden seien da keine Seltenheit, berichtet die Hebamme.

Auch deshalb habe sie sich für Verbesserungen eingesetzt. Was die Politik angeht, sei sie aber in einer Art Resignation angelangt. Frustriert teilt die Selbstständige mit: „Immer wieder haben wir mit den Hebammenverbänden oder auf Demos am Welthebammentag Aktionen laufen, die kurz Aufmerksamkeit erreichen.“ Teilweise würden sich auch Kleinigkeiten verändern, aber das grundlegende Problem, der offensichtliche Notstand, bleibe weiter bestehen.

Auch ein Punkt, der laut Furchner in den politischen Überlegungen immer wieder vernachlässigt wird, ist die psychologische Betreuung der Frauen. „Hebammen begleiten Frauen ins Mama werden“, so die 27-Jährige. Ein wichtiger Teil der Arbeit, der oft nicht gesehen werde.

„Ist der Politik nicht mehr wert“

Vor allem die Bezahlung ist bei diesem Beruf ein großes Problem. Deutlich wird das bei den Nachsorgen von Mutter und Kind. Das Vergütungsverzeichnis sieht hierfür eine Pauschale von 38,46 Euro vor. „20 Minuten ist eine Zeiteinheit, in der es sich für uns lohnt und rechnet, einen Nachsorgetermin zu machen“, weiß Brockmann. Wer länger braucht, werde für die restliche Zeit nicht bezahlt.

„Gerade diese Pauschale zeigt ja total, dass diese Betreuung der Gesellschaft oder der Politik einfach nicht mehr wert ist“, mahnt die Hebammen-Schülerin am Leopoldina Krankenhaus in Schweinfurt. Aber jede Familie solle eine professionelle Betreuung bekommen, „eine Hebamme soll kein Luxusgut sein.“

Von Politik im Stich gelassen: „Stange Geld“ und „intelligente Konzepte“

Ein „gutes Zubrot“ hat die Politik 2015 mit dem Zuschuss für Geburtshäuser ermöglicht. Für Brockmanns Geburtshaus kam die Hilfe jedoch zu spät, es musste ein Jahr vorher schließen. Und spätestens, wenn man als Hebamme selbst Mutter wird, fühlen sich viele von der Politik noch mehr im Stich gelassen. Denn da sei es für die meisten aufgrund von Schichtdienst und Rufbereitschaft nicht mehr möglich, den Job auszuüben.

„Eigentlich ist es ein Beruf, der sehr nah am Familienleben ist, aber wenn man selbst in die Situation kommt, Mutter zu sein, ist es wirklich sehr schwierig“, weiß Brockmann aus eigener Erfahrung. Das könnte konkret mit Zwischenschichten geändert werden, schlägt sie vor.

„Aber es müsste einfach eine Stange Geld in die Hand genommen und intelligente Konzepte entworfen werden, mit denen alte Denkmuster aufgebrochen werden, wie etwa der klassische Drei-Schichtdienst im Krankenhaus“, fordert Brockmann, die seit elf Jahren selbständig ist. Gerade dieses System mit zusätzlichen Überstunden und wenig Anerkennung ist für viele Burnout gefährdet, berichtet Brockmann. Denn: „In geburtsstarken Monaten kommen Arbeitswochen mit bis zu 70 Stunden und sieben Tagen nicht selten vor.“

Hebammen: Aufmerksamkeit „verpufft“

„Ich habe immer das Gefühl, in der Politik wird die Wichtigkeit schon gesehen, aber es ist nur ein ganz kleines Zeitfenster, in der wir im Blickfeld stehen. Danach verpufft das wieder“, bedauert Furchner, die Ende September 2023 ihre dreijährige Ausbildung abschließen wird. Man müsse immer erst laut werden, aber es werde immer wieder versucht, die Anliegen wegzuschieben.


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Doch wie geht es besser? Beide Hebammen plädieren für mehr Anerkennung und für mehr Bezahlung. „Denn es ist so wichtig wie wir ins Leben starten“, bringt die freie Hebamme auf den Punkt.