Claudia Roth: "Die AfD ist Rassismus im Nadelstreifenanzug"

"Die Linke wäre mir zu spießig", sagt die Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Claudia Roth.
"Die Linke wäre mir zu spießig", sagt die Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Claudia Roth.
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Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) sieht bei der Protestler-Partei AfD deutliche rechtspopulistische Tendenzen. "Die AfD ist Rassismus im Nadelstreifenanzug mit einem Glas Champagner in der Hand", sagt sie im Gespräch mit dem Interviewmagazin Galore.

Augsburg, 10 Uhr morgens in einem Kaffeehaus. Claudia Roth ist gut aufgelegt. Sie ist jetzt Bundestagsvizepräsidentin und wenn nicht alles täuscht, macht ihr das Amt Spaß. Zwischen Cappuccino und Kuchen springen wir thematisch zwischen Asylpolitik und dem Sex-Appeal der Macht hin und her.

Frau Roth, wann stehen Sie in der Regel morgens auf?

Claudia Roth: Eigentlich sehr früh. Als ich Pressesprecherin war, musste ich immer extrem früh raus und dann als Vorsitzende gibt es diese frühmorgendlichen Radiointerviews. Dann muss man um sechs Uhr morgens was zur Weltwirtschaftskrise sagen, aber das hören einfach ganz viele Leute. So spätestens um sieben Uhr stehe ich auf, ganz selten um acht.

Haben Langschläfer in der Politik überhaupt Chancen?

Roth: Wenn man sich so eine typische Woche in Berlin anschaut, da gibt es schon sehr viele wichtige Termine, die um acht Uhr morgens anfangen, zu denen du auch pünktlich da sein musst. Bundestagssitzungen fangen auch oft um neun Uhr an, da gibt es dann einen Vorlauf, der um sieben beginnt. Also Langschläfer....Nein, nein, das klappt nicht. Und in den Bundestag reinsetzen und ausschlafen, geht auch nicht. Das würde ich gleich abmahnen.

Zur Person"Jürgen, aufwachen!"

Roth: Jürgen Trittin schläft aber auch nicht im Bundestag. Ich versuche schon überparteilich zu sein, sonst würde ich nicht Bundestagsvizepräsidentin machen. Wenn ich da oben sitze, gibt’s Gleichbehandlung. Stellen Sie sich vor, ich würde den Grünen-Abgeordneten erlauben länger zu...

Schlafen?

Roth: Nein, zu reden. Ich bin da sehr streng.

Was bedeutet heute eigentlich noch „stramm konservativ“?

Roth: Gegen das Adoptionsrecht für Schwule und Lesben zu sein und gegen gleiche Rechte für alle. Auch die Frage der Staatsbürgerschaft ist nicht so geregelt, wie sie in einer modernen Einwanderungsgesellschaft sein sollte. Und jetzt haben wir aktuell die Auseinandersetzung in der Flüchtlingspolitik. Ich halte es für einen schweren Fehler, definieren zu wollen, was ein sicheres Herkunftsland ist. Der Staat hat nicht das Recht, ein Land als sicher zu definieren und damit alle, die aus diesem Land fliehen, in eine Beweispflicht zu stellen.

Das würde aber heißen: Kein Land ist sicher.

Roth: Ist es auch nicht. Das kann zumindest kein Gesetz so festlegen. Das Asylrecht ist ein individuelles Grundrecht. Ob man verfolgt ist oder sich verfolgt fühlt, ist eine individuelle Kategorie. Das Asylrecht steht dem einzelnen Menschen zu, nur – ob er es nach individueller Prüfung dann bekommt, ist dann eine andere Frage.

"Ausgerechnet wir Deutsche sollen mit 200.000 Menschen überfordert sein?"

Dann könnten womöglich zig Millionen Menschen auf der Welt Anspruch auf Asyl haben.

Roth: Haben sie auch, über 50 Millionen sind auf der Flucht. Man sagt dann: Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber wenn man sich die Welt mal anschaut, dann nimmt Deutschland in diesem Jahr vielleicht 200.000 Menschen auf. Das ist eine große Zahl, aber bei 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern und einem der reichsten Länder der Welt bestimmt noch keine Überforderung. Ich war im Libanon, in Jordanien, in der Türkei, ich war im Nordirak. In dieser Region ist fast jeder vierte Mensch ein Flüchtling, und ausgerechnet wir Deutschen sollen mit 200.000 Menschen überfordert sein?

Das ist das Gegenteil von humanitärer Schutzverantwortung. Wenn man dann noch viele Stellen im Bereich der Flüchtlingsaufnahme abbaut, Einrichtungen schließt, dann ist klar, dass es vor Ort zu Überforderungen kommt. Wir können uns aber nicht abschotten und einmauern.

Es gibt die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge.

Roth: Man redet von Armutszuwanderern. Wenn man sich die Roma aus dem Balkan ansieht, die keine Gesundheitsversorgung haben, keinen Zugang zu Bildung oder Arbeit; sie haben eine geringere Lebenserwartung, es finden zum Teil regelrechte Pogrome gegen sie statt. Da dann zu sagen: Das sind ja nur Armutsflüchtlinge, dann ist das der Versuch, ihnen einen Status als diskriminierte Gruppe abzuerkennen. Und man schürt damit Vorurteile.

Ihr Albtraum als Realpolitikerin muss der Moment sein, wo Sie sagen: Mehr Menschen können wir nicht aufnehmen.

Roth: Das ist so was von theoretisch, was Sie mich da fragen! Das ist ein einfaches Klischee. Wir haben Mauern um uns herum. Ich will nicht die ganze Welt aufnehmen, aber wenn es Situationen gibt wie jetzt, dass es die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg gibt, dann bedarf es einer großen humanitären Anstrengung innerhalb der EU, auch im eigenen Interesse, denn wir müssen die wirklich betroffenen Länder in der Region entlasten, sonst platzen diese Länder wie der Libanon, der Irak oder Jordanien auseinander. Das Ganze passiert direkt in unserer Nachbarschaft, das hat dann natürlich auch Auswirkungen auf uns. Und im reichen Bayern redet die CSU dann von einer humanitären Katastrophe hier im Land und dass Kiefersfelden kein Vorort von Lampedusa sein kann, während sie die Menschen im Freien schlafen lassen. Mit Verlaub, zynischer geht es kaum.

Denken Sie, die CSUler sind gar keine echten Christen?

Roth: Ich mag nicht interpretieren, wie gläubig oder ungläubig jemand ist, das geht mich nichts an. Aber oft entspricht die Politik der CSU nicht dem, was ich unter christlichen Werten verstehe. Wenn schon ein C und ein S im Parteinamen ist, dann wär's nicht schlecht, wenn man diese Werte auch in der Politik wiederfindet.

Noch eine Parteifrage: Wie weit rechts sind die Mitglieder der AfD eigentlich tatsächlich?

Roth: Es gibt schon einige, die von ganz rechts kommen. Ich würde sie als rechtspopulistisch bezeichnen. Sie spielen mit Bildern und Äußerungen, die sich kaum von denen der NPD unterscheiden. Die AfD ist Rassismus im Nadelstreifenanzug mit einem Glas Champagner in der Hand.

Was Claudia Roth über Spießigkeit und Machos in der Politik denkt 

Wer ist linker: die Grünen oder die Linke?

Roth: Emanzipativer sind für mich auf alle Fälle die Grünen. Die Linke wäre mir zu spießig.

Was ist denn spießig?

Roth: Wenn jemandem die Eicheneinbauwand gefällt, wer bin ich dann zu sagen: Mir gefällt die nicht? Das Enge, das Eingekastelte, das finde ich spießig. Autoritäten nicht infrage zu stellen, nach Oben buckeln, nach Unten treten, keine Abweichungen akzeptieren. Kinder, Küche, Kirche. Das Ausblenden von multikultureller Realität.

Was für eine Schrankwand haben Sie?

Roth: Ich habe ein ganz altes Buffet von meiner Oma, da ist Geschirr drin und ansonsten zusammengestückelte, unendlich viele Bücherregale.

Wer war eigentlich der größere Macho – Gerhard Schröder oder Joschka Fischer?

Roth: Schröder!

War er in Wirklichkeit auch so wie in der legendären Elefantenrunde nach der Bundestagswahl 2009?

Roth: Absolut, eigentlich schon immer!

Ist es machomäßig zu sagen, dass es bei den Grünen die schönsten Frauen gibt?

Roth: Nö, das ist ein Ausdruck von Realitätssinn (lacht). Aber die Grünen haben auch die schönsten Männer, oder sagen wir: die interessantesten Männer.

Haben Sie Putin schon mal aus der Nähe gesehen?

Roth: Ja.

Wirkt er wirklich wie ein kalter Fisch?

Roth: Ja! Fisch ist untertrieben.

Hai?

Roth: Piranha!

Ein kalter Piranha.

Roth: Wir müssen gar nicht weiter ins Tierreich gehen. Er ist ein eiskalter Machtmensch, eiskalt.

Macht die Macht eigentlich berechnend?

Roth: Das kommt darauf an, wie man Macht einsetzt. Wenn man sie einsetzt, um eine bestimmte Politik durchzusetzen, musst du natürlich rechnen, was man durchgesetzt bekommt und was nicht. Macht in der Zitadelle ist gefährlich.

Und was ist mit dem alten Spruch, dass Macht sexy macht?

Roth: Offensichtlich finden viele Menschen, dass mächtige Politiker sexy oder attraktiv sind. Das hat Carla Bruni auch gesagt, dass Sarkozy als Präsident einer Atommacht attraktiv war. Ich kann das nicht nachvollziehen.

Fanden Sie Sarkozy etwa nicht attraktiv?

Roth: Überhaupt nicht! Aber es gibt ja Vorlieben, die ebenso so vielfältig sind wie die Menschheit.

Bill Clinton?

Roth: Angeblich extrem attraktiv.

Fällt Ihnen sonst jemand ein?

Roth: Barack Obama ist ein sehr attraktiver Mann, weil er so blitzgescheit ist. Das hat weniger mit Macht zu tun, sondern mit Intelligenz. Solche Menschen finde ich total attraktiv.

Und in Deutschland? Karl-Theodor zu Gutenberg?

Roth: Nur Show.

Markus Söder?

Roth: (lacht) Söder! Dem hängt seine Tätigkeit als CSU-Generalsekretär noch nach: immer unter die Gürtellinie. Da hat er sich als Oberunsympath dargestellt, aber das ist er eigentlich gar nicht.

Sie fänden Söder also gar nicht so unattraktiv, wenn er kein solcher Kotzbrocken wäre?

Roth: Der ist ja gar kein Kotzbrocken, er ist eigentlich ein netter Mensch.

Aber eben auch kein Softie, so wie die Grünen-Männer.

Roth: Ach, nein. Das braucht es heute doch nicht mehr, dieses Draufhauen auf den politischen Kontrahenten. Das hängt einem immer nach. So wie mir heute noch nachhängt, dass ich die gspinnerte, schrille, laute, verrückte Grüne bin.

Aber als weinerlich werden Sie zum Beispiel gar nicht mehr so oft bezeichnet.

Roth: Ach freilich! Das haben sie alle geschrieben. Dabei habe ich öffentlich nur zweimal in dreißig Jahren geweint. Einmal, als ich bei einer Gnadenanhörung für die ersten Deutschen dabei war, die in den USA zum Tode verurteilt wurden. Da saß ich den ganzen Tag bei der Anhörung, nach drei Minuten Beratung wurde entschieden, und der Staatsanwalt sagte: Diese deutschen Hunde haben nichts anderes verdient als den Tod. Da habe ich geweint und danach war ich die Heulsuse und dieses Klischee hängt einem unglaublich lange nach.

Was ist Ihre größte Narbe?

Roth: Der Verlust der Liebsten, meiner Eltern.

Das komplette Interview ist nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der "Galore". Die Interviews erscheinen in Form eines monatlich erscheinenden gedruckten Magazins, eines digitalen Magazins, das für iOS und Android verfügbar ist, sowie auf der Website galore.de.

 
 

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