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Günter Netzer – ein Rebell am Ball feiert 70. Geburtstag

Lange Mähne, lange Pässe – das waren die Markenzeichen zu seiner aktiven Zeit. Heute ist nur noch die 70er-Matte geblieben. Dafür hat Günter Netzer nach seiner Sport-Karriere ein zweites Leben angefangen, erst als Fußball-Manager, dann als Rechtehändler und TV-Experte.

Essen. 

Einmal schien er sich vergriffen zu haben, da trug er einen goldfarbenen Anzug. Aber sonst: Immer die gleiche Optik, die gleiche Mimik, die gleiche Gestik. Jahrelang war das frühere Ballgenie Günter Netzer als Experte bei Fußball-Übertragungen in der ARD eine verlässliche Größe. Wie er so dastand im Stadion-Studio, mit hochgezogenen Schultern und unverwechselbarer Scheitelfrisur, wie er den Kopf zur Seite legte und seinen Siezfreund Gerhard Delling scheinbar hochnäsig anraunzte – „das schrie einfach nach einer Parodie“, erzählt Peter Nottmeier.

Für eine Parodie gut geeignet

Der aus Wanne-Eickel stammende Schauspieler und Comedian, Mitglied des bei Karikaturen von TV-Formaten nicht selten zur Hochform auflaufenden Switch-Ensembles, studierte den scharfzüngigen Kritiker der Stars penibel. Nottmeier achtete auf Macken und deckte Schwächen auf, um ihn richtig schön hochnehmen zu können („So schwer es mir auch fällt, Herr Delling, das ist korr…, äh, korr…, das ist richtig von Ihnen gesehen“). Aber über den Menschen Günter Netzer, der am Sonntag 70 Jahre alt wird, verrät mehr dessen Reaktion auf gelegentliche Treffen mit Peter Nottmeier: „Unsere Wege haben sich mehrmals gekreuzt, und es war jedes Mal ausgesprochen nett“, erzählt der Schauspieler. „Wir haben nicht einmal über Switch gesprochen.“

Der erste deutsche Fußball-Popstar

Netzer hat über die Parodie einfach galant hinweggesehen. Weil er sich selbst gar nicht so wichtig nimmt, wie man es bei seinem früheren Leben im Scheinwerferlicht annehmen könnte.

Anfang der 70er-Jahre kultivierte er sein Image als erster Popstar des deutschen Fußballs. Diese Ballbeschwörung: Bevor er Freistöße elegant in den Winkel schnibbelte, legte er sich das Spielgerät so zurecht, dass es wie Streicheln aussah. Dann dieser Laufstil, raumgreifend, mit wehender Mähne. Und diese 60-Meter-Pässe, die exakt vor den Füßen der sprintenden Stürmer heruntertropften. Perfekt gespielt von einem, der dem legendären Mönchengladbacher Trainer Hennes Weisweiler Widerworte gab und deshalb als unbeugsam galt. Der in Kreisen von Künstlern und Showstars verkehrte, der Ferrari fuhr, eine Diskothek besaß und nicht nur wegen der Schuhgröße 47 auf großem Fuß lebte.

Taktgeber bei den Europameistern

Netzer war der Taktgeber der grandiosen Europameister-Elf von 1972. Und im letzten Spiel vor seinem Wechsel von Gladbach zu Real Madrid schoss er 1973 das Tor seines Lebens. Sturkopf Weisweiler hatte ihn im Pokalfinale gegen Köln auf der Bank schmoren lassen. Netzer wechselte sich zur Verlängerung selbst ein („Ich spiele dann jetzt!“) und hämmerte die Kugel zum 2:1-Siegtor in den Winkel.

Es ist durchaus kennzeichnend für ihn, dass er die Szene gerne herunterspielt. „Abgerutscht“ sei ihm der Ball. Er will auch auf keinen Fall Weltmeister genannt werden, weil er beim deutschen Triumph 1974 nur eine Nebenrolle spielte.

„Bei mir rieselt der Kalk seit Jahren“ – Eitel ist er nicht

SpielmacherNach seiner Karriere formte Netzer als Manager den Hamburger SV zum Europokalsieger, seit Mitte der 80er-Jahre mischt er auch als Händler von Werbe- und Fernsehrechten äußerst erfolgreich im Fußballgeschäft mit. Heute nennt er sich Executive Director der Schweizer Sportrechte-Agentur Infront, und er genießt es, mit der Familie in Zürich zu leben, weil er dort seine Ruhe habe. Dem Schweizer Tagesanzeiger hat er verraten, dass er dem Siebzigsten mit Schrecken entgegensehe. Nicht wegen der Zahl oder des Alterns („Bei mir rieselt der Kalk seit Jahren“), sondern wegen der Gratulanten. „Ich bin kein Mensch, der sich selbst feiert“, sagt er, deshalb sei es am Sonntag auch „nicht der Mühe wert, mich zu suchen“.

Vieles, was ihm gelang, führt er auf Glück zurück, aber Glück sei „in gewissem Sinne auch machbar“. Die heutigen Fußballer beneidet er nicht, „weil ihre Welt so transparent geworden ist“. Er flog damals mal eben von Madrid nach Las Vegas, riskierte einen Rauswurf bei Real – und blieb unentdeckt.

Günter Netzer, der „Rebell am Ball“. Sein Buch mit diesem Titel steht noch immer in Peter Nottmeiers Regal. „Er war ein Held meiner Jugend“, sagt der Parodist, und das meint er ganz ernst.