Die Jugend liebt das fesche Dirndl

Kirsten Simon
Frech und knapp statt altbacken: Das Dirndl  von ana Brauer. Foto: Bernd Lauter
Frech und knapp statt altbacken: Das Dirndl von ana Brauer. Foto: Bernd Lauter
Foto: WAZ FotoPool
Dirndl sind trendy, und das nicht nur südlich des Weißwurstäquators, sondern auch im Westen. Allerdings sind hier eher die bunten, knappen und frechen Dirndlvarianten angesagt. Auch beim Stoff gibt es keine Tabus.

Ruhrgebiet. Dieser Trend würde sogar Heidis verkniffenem Alm-Öhi ein sanftes Lächeln entlocken: Junge Frauen tragen Dirndl. Immer lieber und immer mehr. Nicht unbedingt die verschnarchte Variante, die vor lauter Stoff und Schürze kaum noch das Weibsbild, das drin steckt, erahnen lässt.

Sorry, Margot Hellwig! Die Tracht der Trendsetter hat wenig mit der Kittel-Mode aus der Bauernhof-Küche zu tun. Sie ist farbig und frisch, fröhlich und frech. Erlaubt ist alles. Fruchtige Töne wie Kiwi und Himbeer, ganz Mutige tragen Grasgrün, Königsblau oder gleich die Kombination aus Pink, Orange und Rosa – was für Alm-Öhis Geschmack womöglich doch etwas zu grell wäre. Er würde seine Sonnenbrille aufsetzen und heimlich trotzdem hinüberspähen, zu den feschen Madls und frechen Gören mit dem reizvollen Gewand. So ein tiefer Ausschnitt macht ja auch warm ums Herz.

Figurbetont und tief dekolletiert

Denn auch wenn das Trachtenkleid sein angestaubtes Image abgelegt hat, so bleibt es ein Kleidungsstück, das seine Vorzüge behält. Es betont die Figur, formt ein tolles Dekolleté und eine schmale Taille. In der jugendlichen Variante dürfen die Röcke gerne etwas kürzer sein und enden oft schon oberhalb des Knies. Da wird die Preußin zur Schürzenjägerin.

Immer mehr Szene-Läden nehmen den Dirndl-Trend auf und holen sich den Zauber der Alpenmädchen in die Regale. Gerne in der entschärften Variante, die citytauglich wird.

„Süß, cool und frisch“

Zum Beispiel „Jungle“ in Bochum. „Im vergangenen Jahr hat sich die Liebe zum Dirndl-Look schon angedeutet, jetzt hat sie sich endgültig durchgesetzt“, sagt Geschäftsführerin Nastasja Vonderstein. Ihre Kundinnen sind angetan. Von den Jeansdetails zum grellen Karo, von aufgestickten Vögelchen und wilden Blumenmustern. „Die Klamotten sehen süß, cool und frisch aus“, sagt Vonder­stein. Spezialisten sind die Stuttgarter Marke „Blutsgeschwister“ oder das Schweizer Design von „Alprausch“.

Es rockt der Alpenrock! Längst auch abseits der Münchner Schickeria. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich auch die Wissenschaft. Simone Egger vom Institut für Volkskunde der Ludwig-Maximilians-Universität München sieht in dem Phänomen Wiesntracht mehr als eine bloße Modeerscheinung. Sie sagt: „Die mobile Gesellschaft will Zugehörigkeit demonstrieren.“ In Zeiten globaler Vernetzung komme dem Lokalen und Regionalen eine besondere Rolle zu.

Bekenntnis zur Tradition

München werde dabei als eine erfolgreiche und positive Stadt wahrgenommen. Begriffe wie Heimat, Tradition und Authentizität spielten eine Rolle. Egger sagt, dass dieses Phänomen entfernt auch an das von der Jugend neu entdeckte Nationalgefühl bei der Fußball-WM 2006 erinnert.

Die Menschen wollen sich zu ihrer Tradition bekennen. Und sie wollen dabei schick aussehen. Stylisch bayrisch. Spaß wollen sie haben. Denn wo die Musik zünftig ist, ist die Gaudi groß. Das Dirndl ist ein Partykleid. Nicht nur auf dem Oktoberfest, aber da ganz besonders.

Gemeinschaftsgefühl in einer anonymisierten Welt

Nach Schätzungen der Münchner Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl ist auf ihrem Volksfest mittlerweile jeder dritte Besucher mit Lederhose oder Dirndl unterwegs. „Vor zwanzig Jahren war Tracht kein Thema“, sagt sie. Lediglich die Bedienungen hätten damals Dirndl getragen. Auch Weishäupl sieht einen wesentlichen Grund für die Beliebtheit der Tracht gerade bei jungen Leute in der Globalisierung: „Die Tracht schafft ein Gemeinschaftsgefühl in einer anonymisierten Welt.“

Karo und Cowboystiefel

Klingt komplex und theoretisch, könnte in der Praxis aber einfach umgesetzt werden. Ungefähr so: Mädels schmeißen sich ins zünftige Kleid mit Karos und Blümchen, tief dekolletiert und ab auf die Party. Schunkelstunde!

Experten warnen allerdings vor megahohen Absätzen zum Dirndl. Zu gefährlich für das Tanzen auf den Biertischen. „Dann doch lieber Cowboyboots“, empfiehlt die Münchener Dirndl-Designerin Lola Paltinger. Das wird wieder nicht den Geschmack von Margot Hellwig treffen, aber die hat ja auch keiner eingeladen.