Blutrache, Paralleljustiz: Heftige Doku über arabische Familienclans - auch im Ruhrgebiet

Walter Bau
Die Polizistin Tania Kambouri aus dem Ruhrgebiet fürchtet, dass Kriminelle immer mehr Oberwasser gewinnen.
Die Polizistin Tania Kambouri aus dem Ruhrgebiet fürchtet, dass Kriminelle immer mehr Oberwasser gewinnen.
Foto: Kai Kitschenberg/ FunkeFotoServices
  • Blutrache, Familienehre, Paralleljustiz – Familienclans nehmen das Recht in die eigene Hand
  • Eine TV-Doku beleuchtet die Hintergründe

Berlin.  Langsam rollt ein Wagen durch die Dortmunder Nordstadt. Am Steuer sitzt, in Zivil, die Polizistin Tania Kambouri. Auf dem Beifahrersitz: ein Kameramann. Schnell erregen die beiden den Argwohn von Passanten am Straßenrand. Beleidigungen werden gerufen, auch Drohungen.

Tania Kambouri wird nervös: „Hier sollten wir uns nicht lange aufhalten. Das ist mir zu riskant.“ Sie gibt Gas. Die Polizeibeamtin sagt: „Wir verlieren immer mehr die Hoheit über die Straße.“

Die Szene stammt aus der ZDF-TV-Doku „Recht ohne Gesetz“ über Clans vor allem arabischer Großfamilien, die ihre Vorstellung von Ehre, Stolz und Solidarität über die Gesetze der deutschen Justiz stellen. Dieses Phänomen gibt es im Ruhrgebiet, in Berlin, aber auch in anderen deutschen Städten.

Gewalt als Konfliktlösung

Dabei geht es nicht allein um Respektlosigkeiten gegenüber Polizisten und tätliche Angriffe auf die Beamten. „Arabische Familienclans haben ein archaisches Stammes-Rechtsverständnis mit nach Deutschland gebracht, das die Anwendung körperlicher Gewalt zur Konfliktlösung billigt und in dem Zwangsheiraten, Blutrache und Ehrenmorde legitim sind“, sagen die Macher der ZDF-Reportage.

Das heißt dann beispielsweise: Kommt es zu Gewalt zwischen zwei Clans, wird die Sache untereinander geregelt. Landet die Sache vor einem deutschen Gericht, schweigen alle Seiten, das Verfahren wird stark behindert – oder läuft im Extremfall sogar ins Leere.

„Wir stehen dann vor einer Mauer des Schweigens“, muss auch der Bremer Richter Klaus-Dieter Schromek einräumen. „Damit gerät das Gewaltmonopol des Staates in Gefahr.“

Man regelt die Dinge untereinander

Mustafa Özbek kennt diese Fälle. Er ist ehrenamtlicher Friedensrichter in Bremen. Ein Amt, dass schon seit Urgroßvater in seinem Dorf in Ost-Anatolien ausübte, wo es keine Polizei und kein Gericht gab. Er vermittelt im Konfliktfall zwischen Großfamilien, sein Urteil hat Gewicht.

„Viele Einwanderer haben diese Vorstellung von Recht mit nach Deutschland gebracht“, sagt Özbek. Man regelt die Dinge unter sich – mit Geld, oder mit Gewalt.

Die krude Gedankenwelt der Familienclans

Die ZDF-Doku lässt alle Beteiligten zu Wort kommen: Polizisten und Richter, Forscher und Imame, Straftäter und Bodyguards. Und sie gibt einen spannenden Eindruck in die krude Gedankenwelt der Familienclans, bei denen nicht selten Blutrache Mittel der Wahl ist.

Der aus dem Libanon stammende Profiboxer Manuel Charr hat das zu spüren bekommen. Als ein Streit auf Facebook eskalierte, wurde er im September 2015 in einem Essener Grill niedergeschossen. Charr überlebte mit Glück.

„Ich hatte keine Chance zur Integration“

Der Boxer ist einer von rund 200.000 Menschen, die vor Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland flohen. Ihre Clan-Struktur, so die ZDF-Reportage, brachten viele mit.

Ich hatte keine Chance, mich hier zu integrieren“, sagt Charr heute. „Ich bin einfach nicht angekommen in der Gesellschaft.“ Im Gerichtsprozess gegen den Mann, der auf ihn schoss, sagte Charr erst aus, als ihm Beugehaft angedroht wurde.

Das Berliner Landeskriminalamt geht davon aus, dass in der Hauptstadt 25 Prozent aller Straftaten der Organisierten Kriminalität auf das Konto von Familienclans gehen, meist mit arabischem Hintergrund. Oft würden die Taten demonstrativ gleichsam vor den Augen der Öffentlichkeit begangen, sagt Dirk Jacob vom LKA Berlin.

Spektakuläre Überfälle als Zeichen

Wie etwa der spektakuläre Überfall auf ein Pokerturnier oder der Einbruch ins KaDeWe 2014. In beiden Fällen wussten die Täter offensichtlich, dass sie gefilmt wurden. „Die Großfamilien sind hier die Platzhirsche“, weiß der Berliner Personenschützer und Sicherheitsexperte Michael Kuhr.

„Sie bestimmen Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung.“ Kuhr sieht nur eine Chance: „Straftäter rigoros abschieben.“ Doch er glaubt nicht, dass dies passieren werde, sagt er resignierend.

Kuhr ist nicht allein mit seiner Skepsis. Insgesamt kommt die fesselnde Dokumentation zu einem pessimistischen Ergebnis. Durch den Zustrom von Flüchtlingen würden „die Probleme in der Zukunft weiter zunehmen“, glaubt Strafrichter Schromek.

Ende der „milden Linie“ gefordert

Polizistin Kambouri fordert einer Ende der „milden Linie“ von Politik und Justiz, sonst „werden wir immer weniger Sicherheit in Deutschland haben“.

Friedensrichter Özbek dagegen fordert Geduld. Die Migranten könnten die aus der Heimat mitgebrachten Riten „nicht von heute auf morgen über Bord schmeißen“.

Und weiter: „Es wird 50 bis 100 Jahre dauern, bis diese Menschen ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Diesen Prozess muss Deutschland durchstehen.“

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