Bottrop

Ich bin in das letzte aktive Kohlebergwerk des Ruhrgebiets eingefahren – eine Sache hat mich tief beeindruckt

Als Münchnerin auf Prosper Haniel

Bettina Steinke ist gebürtige Münchnerin. Als stellvertretende Redaktionsleiterin von DER WESTEN hat sie sich unter Tage getraut.

Bettina Steinke ist gebürtige Münchnerin. Als stellvertretende Redaktionsleiterin von DER WESTEN hat sie sich unter Tage getraut.

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  • Am 21. Dezember 2018 ist offiziell Schluss mit Kohle im Revier
  • Dann schließt mit der Zeche Prosper Haniel das letzte aktive Steinkohlenbergwerk des Ruhrgebiets
  • DERWESTEN.de ist noch einmal unter Tage gefahren
  • Im Video oben: Diese Eindrücke hat die stellvertretende Redaktionsleiterin Bettina Steinke dort gesammelt

Bottrop. Prosper Haniel ist die letzte noch aktive Zeche im Ruhrgebiet. 1400 Kumpel arbeiten hier jeden Tag, rund um die Uhr – 1000 von ihnen unter Tage.

Doch am 21. Dezember 2018 ist offiziell Schicht im Schacht. Dann schließt auch das letzte Steinkohlenbergwerk im Pott. Es ist also an der Zeit, sich dieses imposante Werk noch einmal anzusehen.

Die Menschen im Ruhrgebiet sind mit dem Zechen-Mythos aufgewachsen. Sie wissen, wieso die Bergleute in früheren Zeiten immer einen Kanarienvogel dabei hatten. Sie wissen auch, dass niemand in normaler Alltagskleidung unter Tage fahren darf.

Eine Münchnerin unter Tage

Ich hingegen wusste all das nicht. Denn ich komme aus München. Einer Stadt, die nicht gegensätzlicher zum Ruhrgebiet sein könnte.

Es war mir wichtig, die Kultur meiner neuen Heimat kennenzulernen – zu verstehen, wieso der Mythos auch nach der Schließung des letzten Werks in Prosper Haniel weiterleben wird. Dank der Grubenfahrt habe ich das jetzt verstanden.

Aber von vorne.

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Auf Kohle geboren ist der Titel unseres Specials zum Ende der Steinkohle-Ära im Ruhrgebiet. Bis zur Schließung der letzten Zeche Ende Dezember berichten wir wöchentlich über alles rund um den Abschied der Bergleute aus dem Revier. Echte Typen, ganz viel Tradition und noch mehr Herz – hier findest du alle Glückauf-Themen in der Übersicht.

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Umziehen ist Pflicht

Bevor es wirklich unter Tage geht, werden meine Kollegen und ich in die Umkleide geführt. Dort hängt schon alles für uns bereit: von Socken über Unterwäsche bis hin zum kultbehafteten Grubenhemd.

Auf gar keinen Fall darf ein Besucher oder auch ein Bergmann mit seiner eigenen Kleidung unter Tage fahren. Diese könnte sich statisch aufladen und durch den kleinsten Funken eine so genannte Schlagwetter-Explosion auslösen.

Sicherheit geht vor

Nach dem Umziehen bekommt jeder von uns noch einen Helm und Stiefel – Sicherheit geht vor! Immerhin fahren wir gleich mit einem Lastenaufzug 1200 Meter tief in die Dunkelheit.

Es schüttelt uns durch, es wird immer dunkler und mit jedem Meter, den wir in dem Stahlkäfig zurücklegen, wird mir ein Stückchen mulmiger zumute. Ich bin froh, als meine Füße endlich wieder festen Boden berühren – auch wenn ich jetzt etwa 1200 Meter in der Tiefe stehe.

Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, meine Nase an den stechenden Geruch hier unten.

„In ein paar Minuten wirst du vergessen haben, dass du unter Tage bist“, sagt mir der Bergmann, der uns bei der Exkursion begleitet. Er behält Recht. Kurze Zeit später denke ich nicht einmal mehr darüber nach, wie weit unter der Erde ich mich tatsächlich befinde.

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Bittere Story: Dieser Bergmann muss sechs Jahre länger arbeiten, weil er 27 Tage zu spät auf die Welt kam

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Tschüss, Digitalkamera!

Wir gehen immer weiter rein in den Fels, müssen irgendwann unsere Video- und Fotokameras in einer Kiste einsperren. Einzig die analoge Kamera dürfen wir mitnehmen. Der Grund ist derselbe wie bei der Kleidung: Beim Kohleabbau entstehen toxische Gase. Elektrizität erzeugt kleinste Funken. Deshalb könnte eine digitale Kamera im schlimmsten Fall eine Explosion unter Tage auslösen.

Wir legen eine kurze Strecke zu Fuß zurück, mehrere Kumpel kommen uns entgegen. Einer ist netter als der andere.

„Glück auf“ ist eine Lebenseinstellung

Sie mustern uns nicht mit argwöhnischen Blicken, weil wir einen Besucherhelm aufhaben und so vorsichtig gehen, als wären wir noch nie in Stiefeln gestanden. Sie machen sich nicht über uns lustig, wie sich manche Münchner auf der Wiesn über einen Franken lustig machen, weil der die falschen Schuhe zur Tracht trägt. Nein.

Jeder Bergmann, der an uns vorbeikommt, grüßt uns mit dem Spruch „Glück auf!“ Es ist DER Standard-Ausruf unter Tage. Mit dem Spruch drücken die Kumpel die Hoffnung aus, dass sich neue Erzgänge auftun. Und mit diesem Spruch wünschen sie dir, dass du nach deiner Schicht wieder heil aus dem Bergwerk ausfährst.

Jeder einzelne, der an uns vorbeigeht, wünscht uns alles Gute. Und gibt mir damit ein gutes Gefühl – das Gefühl, dazuzugehören.

„Nirgendwo bist du sicherer als hier“

Nach einem kurzen Spaziergang kommen wir bei der sogenannten Dieselkatze an. Die Katze ist ein kleiner Zug, in dem Besucher des Bergwerks einigermaßen komfortabel von A nach B gebracht werden. Uns soll sie in einen Streb, einen schmalen Abbauraum, fahren.

Übrigens: Die Bergmänner benutzen die Dieselkatze in der Regel nicht. Sie müssen jeden Tag viele Kilometer zurücklegen, bis sie an ihrem Schacht angekommen sind. Hauptsächlich wird die Dieselkatze zum Transport schwerer Materialien genutzt.

45 Minuten dauert die Fahrt mit der Dieselkatze. Einen kurzen Fußmarsch später sind wir im Streb angekommen. Wie lang und schmal und vor allem niedrig dieser ist, war mir nicht klar. Kneifen kommt jetzt aber nicht in Frage. Wir zwängen uns in den rund einen Meter breiten und 1,50 Meter niedrigen Schacht. Die erfahrenen Bergmänner sind immer an unserer Seite, passen auf, dass wir nicht aus Versehen daneben treten, an dem unebenen Boden umknicken.

Und sie machen noch etwas: Sie reden mir Mut zu. „Es kann dir hier nichts passieren“, sagen sie immer wieder. Sie geben mir, wie die vielen anderen Kumpel zuvor, ein gutes Gefühl. Ich glaube ihnen.

Irgendwann knien wir uns in dem engen Gang sogar hin, glücklicherweise haben wir schon ganz am Anfang unserer Expedition Knieschoner bekommen. Die Bergleute erklären uns, dass wir nirgendwo so sicher sind, wie im Streb. Schwere „Schilde“, also hydraulische Systeme aus Stahl, über unseren Köpfen würden uns im Falle eines Einsturzes schützen. 28 Millionen Euro haben sie allein in diesem Streb gekostet – nach der letzten Schicht werden sie zugeschüttet. Sie zur Weiterverwertung an die Oberfläche zu bringen, wäre zu aufwendig und dadurch zu teuer.

DAS macht den Mythos Bergbau für mich aus

Doch der Mythos Bergbau wird im Ruhrgebiet weiterleben. Er kann nicht einfach verschüttet werden. Denn an diesem Tag unter Tage ist mir klargeworden, was ihn ausmacht: der Zusammenhalt. Das Vertrauen, das jeder Kumpel in seine Kollegen hat. Hier unten geht es um Leben und Tod und diese Männer, die tagein tagaus hier einfahren, wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können. Auch dann noch, wenn es am 21. Dezember heißt: Schicht im Schacht.

 
 

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