Tödlicher Krieg zwischen Drogenbanden tobt in Amsterdam

Drogengangs liefern sich in Amsterdam seit Monaten einen erbitterten – oft tödlichen – Krieg. Mehr als 20 Personen sind seit dem Frühjahr 2012 getötet worden.
Drogengangs liefern sich in Amsterdam seit Monaten einen erbitterten – oft tödlichen – Krieg. Mehr als 20 Personen sind seit dem Frühjahr 2012 getötet worden.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Morde wie im Gangsterfilm: Ein Kugelhagel, das Opfer bricht zusammen, die Täter fahren davon. Eine Mordserie unter Drogengangs hält Amsterdam in Atem.

Amsterdam.. Die Täter kamen abends. Aus dem Auto heraus eröffneten sie das Feuer auf eine Frau vor deren Wohnung bei Amsterdam. Die Frau sank zu Boden - getroffen von mehreren Kugeln - und starb vor den Augen ihrer zwei Kinder. Die 34-jährige Luana, Freundin eines berüchtigten Amsterdamer Kriminellen, wurde Opfer einer Liquidierung. Und sie war nicht die erste.

In Amsterdam herrscht ein Unterweltkrieg. Fast jede Woche werden die Bürger der niederländischen Hauptstadt von einer wilden Schießerei aufgeschreckt. Am vergangenen Wochenende erneut: Ein mutmaßlicher Drogenhändler wurde in seinem Auto von Kugeln durchsiebt. Seit Beginn der Mordserie im Frühjahr 2012 wurden mehr als 20 Menschen getötet.

Alle Morde verlaufen fast wie nach dem Drehbuch eines Gangsterfilms: Die Täter schießen aus dem Auto wie wild mit automatischen Waffen auf ihre Opfer. Dann rasen sie davon. Das Fluchtauto wird später ausgebrannt zurückgelassen. Die Tatorte sind im ganzen Stadtgebiet: vor einer Kneipe im schicken Süden, neben einer Kindertagesstätte auf der mondänen Borneo-Insel oder vor einem Wohnhaus.

Angefangen hat es mit einer verschwundenen Ladung Kokain

Angefangen hatte es mit einem Streit zwischen rivalisierenden Drogenbanden um eine verschwundene Ladung Kokain. Doch darum geht es schon längst nicht mehr, sagt Paul Vugts, Journalist bei der Amsterdamer Tageszeitung "Het Parool" und Autor eines Buches über den Bandenkrieg. "Jetzt ist es Racheakt für Racheakt."

Die Zusammenstellung der Banden ändert sich ständig, erklärt die Polizei. Und das Misstrauen ist groß. Bandenchefs, so sagen Ermittler, bringen ihre Rivalen um - nur aus Angst, selbst Opfer zu werden.

Haschisch "Mocro-Krieg" heißt die Fehde in den Medien. Mocro - so nennen die Niederländer umgangssprachlich Leute marokkanischer Herkunft. Den rivalisierenden Drogenbanden gehören viele junge marokkanische Amsterdamer an, bestätigt der Journalist Vugts. Die seien unberechenbar. "Sie wollen Status und dafür sind sie bereit, auch jemanden mit der Kalaschnikow abzuknallen."

Doch die Polizei weist darauf hin, dass auch viele angestammte Niederländer und Türken bei den Banden mitmischen. Einer der Hauptverdächtigen etwa war Gwenette Martha. Er stammte von der einstigen niederländischen Kolonie, den Antillen. Im Mai 2014 wurde er selbst liquidiert.

"Alle schweigen, vermutlich aus Angst."

Die Sonderkommission der Polizei ermittelt unter Hochdruck. Aber die Spurensuche sei schwierig, räumte der Amsterdamer Polizeichef Pim Jansonius in der Tageszeitung "De Telegraaf" ein. "Alle schweigen, vermutlich aus Angst."

Den Haag. Noch immer ist Amsterdam mit etwa 25 Morden im Jahr im Vergleich etwa zu amerikanischen Metropolen eine der sichersten Städte der Welt. Das angesehene britische Magazin "The Economist" platzierte die niederländische Hauptstadt jetzt auf Platz fünf der Weltrangliste der sichersten Städte. Dennoch beunruhigt die Gewalt-Explosion viele Bürger.

Die neue Generation der vor allem in Drogen- und Waffenhandel verwickelten Gangster ist nach Einschätzung der Polizei unberechenbar. Außerdem seien viele illegale, schwere Waffen im Umlauf. "Es ist nur eine Frage der Zeit, dass unbeteiligte Passanten vom Kugelhagel getroffen werden", warnt auch der Reporter Vugts. In mindestens einem Fall wurde bereits ein Unschuldiger ermordet. Ein junger Vater aus Ghana starb vor wenigen Wochen im Kugelhagel auf offener Straße. Er wurde Opfer einer Verwechslung, vermutet die Polizei.

Der Amsterdamer Bürgermeister Eberhard van der Laan will alles daran setzen, den Bandenkrieg zu stoppen. Doch im Stadtparlament warnte er kürzlich vor allzu großen Hoffnungen: "Das ist noch lange nicht vorbei". (dpa)