Auf die Länge kommt es an? Die zehn größten Sex-Irrtümer

Männer und Frauen - ein schwieriges Thema. Ganz besonders, wenn es ums Thema Sex geht.
Männer und Frauen - ein schwieriges Thema. Ganz besonders, wenn es ums Thema Sex geht.
Foto: Thinkstock
Was wir bereits wissen
Wenn es um Sex geht, wissen wir alle Bescheid. Denken wir. Doch trotz Dr. Sommer und Aufklärung gibt es zahlreiche Legenden und Mythen, die bislang jedem Versuch, sie zu tilgen, widerstanden haben. Mit Hilfe eines Experten machen wir uns an die Enttarnung der zehn größten Sex-Irrtümer.

Essen.. Sex ist ein Thema, so alt wie die Menschheit. Und dennoch haben sich über Generationen Gerüchte und Mythen gehalten und sind anscheinend nicht aus den Köpfen zu bekommen. Gerade jetzt, wo Bravo-Aufklärer Dr. Sommer nicht mehr unter uns ist, wird es höchste Zeit, mit den zehn größten Sex-Irrtümern aufzuräumen. Dabei hilft Arne Hoffmann, Autor zahlreicher Ratgeber zum Thema Sex. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit der Forschung zu Sex und Sexualität.

Irrtum 1: Auf die Penis-Länge kommt es an

Diese Behauptung ärgert Arne Hoffmann, gerade weil man sie immer noch in einigen Frauen-Zeitschriften findet. Für Wissenschaftler sei hingegen längst erwiesen, dass die Penis-Länge keinen Einfluss auf das sexuelle Empfinden der Frau habe. "Im Scheideninneren gibt es keine Sensoren, die stimuliert werden könnten", erklärt er. Ganz im Gegenteil: Ein besonders langer Penis könne das Vergnügen für die Frau sogar schmälern, weil er beim Sex gegen empfindliche Organe wie die Eierstöcke drücken könne.

Zudem hätten Forscher herausgefunden, dass lange Penisse tendenziell instabiler seien. Um eine Frau zu befriedigen sei ein dicker Penis besser geeignet, weil es dem Mann damit eher gelinge, die Klitoris und die Schamlippen zu stimulieren.

Irrtum 2: Männer wollen häufiger Sex als Frauen

Quatsch, sagt Sex-Experte Arne Hoffmann. Eine Langzeit-Untersuchung des Instituts für Sexualforschung der Universität Hamburg habe interessante Aufschlüsse geliefert: 1970 hätten vier Prozent der Männer angegeben, gelegentlich keine Lust auf Sex zu haben. 2002, als die Befragung wiederholt wurde, seien es 20 Prozent gewesen.

Einer aktuellen Umfrage des Kondomherstellers Durex nach geben sogar drei von vier Männern an, sie hätten lieber weniger als mehr Sex. Ob die These, dass Männer häufiger Sex wollten als Frauen, schon immer ein Klischee gewesen sei oder die Lust der Männer im Laufe der Zeit nachgelassen hat, lässt sich nicht eindeutig belegen.

Hoffmann vermutet eine Kombination aus beidem: "Ein Klischee war es wohl schon immer, doch der Leistungsdruck, dem sich Männer beim Sex ausgesetzt sehen, hat stark zugenommen - und so ihre Lust reduziert." Viele würden sich Alternativen suchen, zum Beispiel Pornos im Internet.

Inzwischen, so ist sich Hoffmann sicher, lässt sich die These sogar umdrehen: "Heute wollen Frauen mehr Sex als Männer."

"Wenn Männer immer könnten, würde sich Viagra nicht so gut verkaufen"

Irrtum 3: Männer können immer

Dass das so nicht stimme, lasse sich schon an den Verkaufszahlen von Viagra und ähnlicher Produkte ablesen, sagt Hoffmann. Aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse würden diese - besonders von Männern gern aufgestellte - These wiederlegen. So hätten bei Umfragen zwischen 7 und 18 Prozent der Männer über Erektionsprobleme geklagt.

In der Wissenschaft streitet man sich allerdings über die Ursachen. Der US-Sexualtherapeut Marty Klein behauptet laut Hoffmann, er habe in den seltensten Fällen körperliche Ursachen für Erektionsprobleme entdeckt, dafür vielfach seelische und soziale Faktoren ausgemacht. Allerdings, so Hoffmann, gibt es von Durchblutungsstörungen bis zur Verwendung bestimmter Medikamente oder Drogen verschiedenste Ursachen auf körperlicher Ebene.

Und selbst wenn körperliche Beschweden der Auslöser für Erektionsprobleme sind, kommt die Psyche schnell wieder ins Spiel: "Wer einige Male Probleme hatte, der fürchtet beim nächsten Versuch, dass es wieder schief gehen könne", sagt Hoffmann. Das steigere den Druck so sehr, dass ein Scheitern wahrscheinlicher wird.

Irrtum 4: Nur Frauen werden Opfer von sexueller Gewalt in Beziehungen

"Das ist nicht nur in der Gesellschaft lange Zeit die Annahme gewesen, sondern auch unter Experten", sagt Hoffmann. Eine neue Untersuchung habe aber ergeben, dass beide Seiten mit dieser Annahme falsch lagen: "Acht Prozent der Frauen haben zugegeben, ihren Mann schon einmal sexuell genötigt zu haben." Der Anteil der gepeinigten Frauen ist etwas höher: Zwölf Prozent gaben an, vom Partner zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein.

Diese Zahlen seien überraschend, sagt Hoffmann, weil es keine Kriminalitätsstatistik gebe, in der sie sich auch nur ansatzweise wiederfänden. "Schon bei häuslicher Gewalt gegen Männer gibt es eine riesige Dunkelziffer, aber bei sexueller Gewalt ist sie anscheinend noch größer."

Warum ein wenig Alkohol beim Sex hilft, viel Alkohol aber nicht

Irrtum 5: Durchschnittlich dauert der Sex bei den Deutschen 20 Minuten

Ja, sagt Arne Hoffmann, "wenn man Männer fragt, wie lange der Sex bei ihnen dauert, ist das genau die Antwort, die sie einem geben." Frauen kämen mit ihrer Schätzung (6-12 Minuten) der Realität schon etwas näher. Doch die Wahrheit: Die tatsächliche Dauer ist noch viel geringer. Drei bis dreieinhalb Minuten dauert es durchschnittlich vom Eindringen des Penis in die Vagina bis zum Orgasmus.

Das ist aber natürlich auch eine recht enge Definition von Sex. Weder Vor- noch Nachspiel seien dabei berücksichtigt worden, erklärt Hoffmann. "Der vorhergehende Kino-Besuch und das romantische Essen bei Kerzenschein natürlich auch nicht."

Irrtum 6: Alkohol macht willig

Bis zu einem gewissen Grad sei das gar kein Irrtum, sagt Experte Arne Hoffmann. Ein oder zwei Gläser Wein und Männer und Frauen würden gleichermaßen Hemmungen abbauen, die dem Sexualtrieb im Wege stünden. Selbst auf den Körper wirke sich Alkohol positiv aus: "Die Blutgefäße dehnen sich, dadurch werden Penis oder Vagina stimuliert."

Dabei sollte man es gerade als Mann allerdings auch belassen. Denn mehr Alkohol habe, so Hoffmann, eine depressive Wirkung, die die Lust und gleichermaßen auch die sexuelle Leistungsfähigkeit reduziere. "Wer betrunken ist, bekommt erstens häufig keinen mehr hoch und hat zweitens größere Schwierigkeiten zum Orgasmus zu kommen", sagt er. Der Experten-Rat: Vor dem Sex nicht mehr als 0,5 Gramm Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen. Ein 80 Kilogramm schwerer Mann können demzufolge 40 Gramm Alkohol trinken, ohne mit Problemen rechnen zu müssen. Das entspricht etwa einem Liter Bier.

Besonders regelmäßiger Alkoholtrinker müssten aufpassen, sagt Hoffmann. Das verkalke die Arterien und führe dazu, dass auch unter nüchtern die sexuelle Leistungsfähigkeit nachlasse.

Zweifelhafte Sex-Rekorde - nicht zum Nachmachen empfohlen

Irrtum 7: Nach 1000 Schuss ist Schluss

"Männer haben kein fixes Sperma-Reservoir, das irgendwann erschöpft ist", beruhigt Hoffmann. Sperma werde im Körper ständig nachproduziert wie andere Flüssigkeiten auch. Nebenbei räumt er mit einem anderen weitverbreiteten Gerücht auf: "Männer können keinen Samenstau bekommen."

Das Gefühl, dringend Sex haben oder onanieren zu müssen, entstehe vor allem durch den Blutstau, wenn Penis und Hoden im Zustand sexueller Erregung längere Zeit angeschwollen sind. Dadurch können sich auch schon mal Muskeln verkrampfen.

Die höchste Zeugungsfähigkeit hätten Männer, die regelmäßig Sex hätten oder masturbierten, so Hoffmann. Studien hätten gezeigt, dass Sperma, das zu lange in den Hoden lagere, mehr DNS-Schäden aufweise. Gleichzeitig führe zu häufiges Onanieren in kurzer Zeit aber auch dazu, dass man vorübergehend unfruchtbar würde. "Der Spermavorrat ist nicht für Rund-um-die-Uhr-Verkehr gedacht", sagt Hoffmann.

Irrtum 8: Öfter als fünfmal am Stück kann ein Mann nicht kommen

Falsch, sagt Hoffmann. Wie viele Orgasmen ein Mann am hintereinander erreichen könne, sei zwar sehr stark von der betreffenden Person abhängig, aber er erinnert sich an eine Studie, in der er es einem "jungen, sehr sportlichen Mann" gelungen sei, 16-mal in einer Stunde zu kommen. "Das ist aber absolut alles andere als normal", sagt Hoffmann.

Mit zunehmendem Alter brauche der Körper immer länger, um wieder startklar zu sein. Unklar ist übrigens, ob die Taktik, vor einem Date zu onanieren, um nicht zu schnell zu kommen, erfolgversprechend sei. "Da gibt es sich widersprechende Studien", sagt Hoffmann. Eine gehe davon aus, dass der Körper nach dem Onanieren mit Testosteron aufgeladen sei und der Mann dadurch sogar schneller zum Orgasmus komme. Die andere behaupte das Gegenteil: Durch das Onanieren könne der Orgasmus verzögert werden.

Gibt es ihn oder nicht? Die ewige Suche nach dem G-Punkt

Irrtum 9: Nur Frauen haben einen G-Punkt

Faktisch sei das kein Irrtum, sagt Hoffmann. Denn der G-Punkt, benannt nach seinem Entdecker, dem Frauenarzt Ernst Gräfenberg, sei definiert als "erogene Zone in der vorderen Vaginalwand, die bei sexueller Stimulation anschwillt“. Diesen Punkt könnten Männer rein anatomisch nicht haben. Dennoch sei es ein Irrglaube, dass Männer über keine vergleichbaren Punkte verfügten. So hätten Wissenschaftler an der männlichen Prostata den "P-Punkt" ausgemacht. An diesem Punkt seien Männer sehr erregbar.

Das sei sogar aus wissenschaftlicher Perspektive besser nachgewiesen als der G-Punkt, um dessen Existenz Experten noch immer streiten. Erst vor wenigen Jahren hätten britische Forscher mit einer neuen Studie belegen wollen, dass es den ominösen G-Punkt nicht gebe.

Kurz darauf hätten französische Wissenschaftler ein Gegen-Gutachten vorgestellt und behauptet, es gebe ihn wohl, den G-Punkt - die britischen Männer hätten ihn bloß noch nicht gefunden.

Irrtum 10: Rauchen schadet vielleicht den Spermien, senkt aber nicht die sexuelle Leistungsfähigkeit

Das stimmt nicht, sagt Hoffmann und drückt es überspitzt aus: "Wenn Frauen auf der Suche nach einem schlechten Liebhaber sind, sollten sie einen Kettenraucher nehmen." Das Nikotin verenge und verkalke die Blutgefäße, so dass die Standhaftigkeit des Penisses nachlasse.

Ob sich Nikotingenuss auch auf das Sexualleben von Frauen auswirke, sei bislang kaum untersucht, sagt Hoffmann. Er gehe aber nicht von deutlichen Einschränkungen der Leistungsfähigkeit aus: "Die meisten Probleme betreffen die nachlassende Standfestigkeit - und die betrifft im Normalfall nur die Männer." (dor)

Lesetipp:
Arne Hoffmann
Nummer Sicher: Der Erste-Hilfe-Kasten für alle sexuellen Probleme. Der kleine Katastrophenschutz fürs Bett
ISBN 978-3936708356
http://www.arnehoffmann.com/