„Wir glaubten, Anlegern etwas Gutes zu tun“

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Hagen/Winterberg. Er ist ein Hans Dampf in allen Gassen, dieser Carsten Maschmeyer (52), sich selbst hält er für einen Hans im Glück. Millionen mit Finanzprodukten gemacht, mit der Schauspielerin Veronica Ferres eine schöne Frau an seiner Seite, Kopf der einflussreichen Hannover-Connection und immer noch Größeres im Sinn. „Größenwahn“ nennt das Ingrid Benecke. Sie ist eines der vielen Opfer der dubiosen Finanzpraktiken, mit denen Maschmeyer seinen Aufstieg aus kleinen Verhältnissen schaffte.

Dabei zählt Ingrid Benecke nicht einmal zu den tausenden Privatanlegern, die mit Schadensersatzklagen gegen Maschmeyers ehemaliges Unternehmen, den Allgemeinen Wirtschaftsdienst (AWD) vorgehen - die von AWD vertriebenen Finanzprodukte erwiesen sich in vielen Fällen als Fehlinvestitionen. Auch zahlreiche ehemalige Mitarbeiter in den AWD-Vertriebsbüros, die die Produkte verkauften, fühlen sich heute als Opfer und schlossen sich in Vereinen zusammen.

Einen davon gründete Ingrid Benecke. „Wir glaubten noch, den Anlegern etwas Gutes zu tun“, sagt Benecke, die von 1994 bis 2002 als Beraterin für den AWD arbeitete und zuletzt mit ihrem Mann Klaus das Büro in Winterberg leitete. Dort verkaufte sie Immobilienfonds und andere Finanzprodukte, die vielen Anlegern später Verluste bescherten. Die Instruktionen aus der AWD-Zentrale seien unzureichend gewesen, sagt sie zur Verteidigung: „Wir hatten selbst zu wenig Ahnung.“ Wenn sie in der Zentrale in Hannover nach Anlagerisiken gefragt habe, sei dort stets abgewunken worden, beteuert Benecke und beschreibt ihren damaligen Chef Maschmeyer als „Blender“ und „eiskalt“.

Der keilt zurück: „Ich kenne sie nicht. Fragen Sie doch einmal, ob sie inzwischen bei der Konkurrenz ist“, blaffte er Anfang Februar in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Auf den Hinweis, Benecke habe den Verein ehemaliger AWD-Mitarbeiter gegründet, sagte Maschmeyer, der sich inzwischen im Jet Set bewegt und Größen wie Bundespräsident Wulff und Ex-Kanzler Schröder zu seinen Freunden zählt: „Na, dann ist ja ihr Geschäftsmodell offensichtlich. Viele AWD-Berater haben und verdienen nach wie vor bei guter Beratung auch gutes Geld.“

Und müssen dafür im Vertrieb offenbar so ziemlich alle Hemmungen über Bord werfen, wenn sie nicht untergehen wollen. Nach Ansicht von Experten wurden Berater mit Darlehensverträgen angestellt - sie mussten ihre Schulden abbezahlen, indem sie Finanzprodukte verkauften. Wer nicht genug schaffte, geriet durch Zinsforderungen unter Druck und wer kündigte, musste das Darlehen umgehend in voller Höhe zurückzahlen. Ein Teufelskreis, der Wirtschaftsdetektiv Fuchsgruber spricht von „moderner Leibeigenschaft.“

Ab 1999 begann für die Beneckes in Winterberg der Druck von oben zu wachsen - Verdienstabzug und Provisionsschmälerung waren an der Tagesordnung, wie Ingrid Benecke erzählt. Die Mitarbeiter seien gegen sie aufgehetzt, sie seien schließlich systematisch aus dem AWD rausgeekelt worden. Heute ist sie telefonisch nicht mehr unter ihrer Adresse in Wiesmoor im Emsland erreichbar, wohin sie danach gezogen ist.

Und Maschmeyer? AWD verkaufte er 2008 an den Swiss-Life-Konzern - für 1,2 Milliarden Euro. Die wollen gut angelegt sein. 2009 kündigte sein Nachfolger Behrens einen radikalen Bruch mit der Maschmeyer-Ära an. „Es geht darum, viele Dinge zu verordentlichen“, sagte Behrens. Einzelheiten nannte er nicht.

 
 

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