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Verbraucher pflücken ihre Äpfel selbst

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Foto: WAZ FotoPool
Nach den Lebensmittelskandalen werden die Verbraucher kritischer. Beim Obst geht der Trend zum Selbstpflücken. Auch der Hertener Landwirt Wilhelm Heine hat seine Apfelplantage geöffnet. Die Saison geht bis zum 15. Oktober.

Herten. 

Wilhelm Heine schüttelt den Kopf: Seine Zwetschgen hätten gut und gern noch zwei, drei Wochen reifen können. Doch die Kunden plünderten die Bäume. „Die Leute verlangen immer mehr frische Produkte“, sagt der Landwirt. Und damit schreitet der Trend zum Selbstpflücken voran.

Die Apfelsaison ist in vollem Gang. Wegen des trockenen und heißen Frühjahrs begann sie zwei Wochen früher als üblich. Heines Apfel-Plantage in Herten ist zwei Hektar groß. Darauf baut er 16 verschiedene Sorten an – vom traditionellen Elstar, über den seltenen Welland, bis hin zu Exoten wie dem japanischen Fuji.

Lebensmittelskandale wie zuletzt die Ehec-Epidemie lassen das Geschäft mit der Direktvermarktung brummen. „Viele kaufen Obst und Gemüse einfach nicht mehr gern im Supermarkt“, meint Heine. Sein Familienbetrieb bürge für Qualität. Doch das Selbstpflücken ist auch eine Preisfrage: Wer selbst durch die Plantage streift, spart einen Euro pro Kilogramm. Für selbstgepflückte Äpfel kassiert der Bauer 1,20 Euro pro Kilo, im Hofladen beträgt der Preis 2,20 Euro. Rabatte gibt’s für Mengen ab zehn Kilo aufwärts.

Pflückschlitten

Auf waghalsige Kraxelmanöver müssen sich die Verbraucher allerdings nicht einlassen. Die Bäume sind nicht höher als vier Meter und Heine stellt den Selbstpflückern alles zu Verfügung, was man braucht: Pflückschlitten, Transportwagen, zweistufige Alu-Treppen und Säcke. „Wir beraten die Kunden auch und fragen, ob sie eher süße oder saure Äpfel mögen und ob sie gelagert werden sollen“, sagt der Landwirt.

Auf seine Mitarbeiter kann er aber deshalb längst nicht verzichten. Von drei ist die Hof-Belegschaft inzwischen auf 65 Köpfe angewachsen. Darunter 35 polnische Erntehelfer und zehn Saisonverkäuferinnen, die als Aushilfen beschäftigt sind. Zum Sortiment gehören auch Spargel, Erdbeeren, Kürbisse, Pflaumen, Kartoffeln, Getreide und Mais.

Stabile Preise

Trotz des kühlen und verregneten Sommers rechnet die Landwirtschaftskammer NRW mit einer guten Apfel-Ernte. „Bei den Preisen gibt es kaum Schwankungen“, sagt Obstbauberaterin Sandra Müller. Die deutschen Hauptanbaugebiete liegen zwar am Bodensee und im Alten Land bei Hamburg. In NRW wachsen Äpfel auf immerhin 1800 Hektar. Deutschlandweit sind es 30 000 Hektar.

Über ihre Erträge reden Bauern nicht gern. Die Faustregel aber lautet: Auf einem Hektar stehen im Schnitt 2500 Bäume, die in ihrem höchsten Entwicklungsstadium bis zu 15 Kilogramm Äpfel pro Jahr tragen. So kommen pro Hektar zwischen 30 und 35 Tonnen zusammen.

Im Sommer ausdünnen

Landwirt Heine und sein Team sind praktisch das ganze Jahr über damit beschäftigt, die Plantage zu pflegen. „Junge Bäume pflanzen wir vor Weihnachten“, sagt Heine. Im Februar nimmt sich die Hofbelegschaft jeden der 4000 Bäume vor, um sie zurückzuschneiden. Im Frühling trägt jeder Stamm zwischen 140 und 150 Blüten. Der Bauer rät aber dazu, nicht alle zu Äpfeln heranwachsen zu lassen. „Die Früchte brauchen Platz“, sagt er. Deshalb der Tipp: Im Juni/Juli bereits so viele Mini-Äpfel vorab pflücken, dass rund 60 Früchte pro Baum übrig bleiben, die sich ausbreiten können. Heine: „Dann bekommt man die beste Qualität.“

Auch wenn die Bäume im September noch üppig mit Äpfeln bestückt sind: Bis zum 15. Oktober will Heine die Ernte abgeschlossen haben. „Dann kommen die ersten Nachtfröste“, erklärt der Bauer. Äpfel, die nicht sofort in den Verkauf gehen, schafft er ins Lager. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und in sauerstoffreduzierter Luft werden sie frisch gehalten. Eine lange Haltbarkeit setzt voraus, dass die Äpfel mit großer Vorsicht gepflückt werden und keine Druckstellen aufweisen.

Es gibt übrigens kaum eine Frucht, für die Heine keine Verwendung findet. Fallobst verarbeitet er zu Saft, von Selbstpflückern angebissene Äpfel fressen Wildschweine.