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Unternehmen Schirmmacher

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Foto: WAZ
Während sich Deutschland über einen sonnigen Herbst freut, könnte es nach dem Willen von Rudolf Blankenheim ruhig ein bisschen mehr regnen. Denn nur dann sind seine Produkte gefragt: Der Handwerksmeister ist einer der letzten Schirmmacher in Deutschland.

Hattingen. 

In seinen „Katakomben“, wie er seine kleine Kellerwerkstatt in der Hattinger Innenstadt nennt, steht die Zeit still. Hier baut Rudolf Blankenheim als einer der letzten Schirmmachermeister Deutschlands Schirme aus handgefertigten Einzelteilen zusammen. Er repariert, was noch zu reparieren ist und erfüllt auch besondere Kundenwünsche vom extra-kleinen Stützschirm bis zum Herrenschirm mit ausgefallenem Muster.

Blankenheim ist Meister eines Handwerks, das sich eigentlich nicht mehr rechnet: Das Unternehmen Schirmmacher existiert nur, weil es einige wenige seiner Zunft gibt, die mit Herzblut für den Schirm als Wert- und Kulturgegenstand einstehen.

Dabei ist der Schirm längst zum Wegwerfartikel geworden, berichtet Blankenheims Mitstreiter Willy Schüffler, Vorsitzender des Interessenverbandes der Schirm- und Stockfachhändler und selbst Schirmmacher mit eigener Manufaktur in Essen.

Durchschnittlich koste ein Schirm vier Euro, ein Preis mit dem ein Handwerksmeister weder Material geschweige denn Arbeitsaufwand decken kann. 95 Prozent der jährlich rund 26 Millionen in Deutschland verkauften Schirme kommen aus China, so Schüffler. Die Billigschirme gibt es beim Discounter oder Drogeriemarkt für wenige Euro. Oder sie kommen ganz kostenlos: Die Hälfte aller Schirme in Deutschland sind bunt bedruckte Werbegeschenke.

Auch das österreichische Unternehmen Doppler, nach eigener Aussage größter Schirmhersteller Europas, lässt in China jährlich etwa vier Millionen Exemplare fertigen. Geschäftsführer Hermann Würflingsdoppler: „Ein Großteil der Kunden will für einen Schirm keine 80 Euro ausgeben.“ In China, wo eine Näherin einen Monatslohn von 200 Euro mit nach Hause nimmt, liegen die Produktionskosten etwa bei einem Zehntel dessen, was ein Schirm in heimischer Produktion kostet, so der Unternehmer. Doppler leistet sich gleichzeitig ein kleines Werk im heimischen Braunau, wo jährlich 30 000 edle Schirme hergestellt werden. Die Handarbeit vor Ort lohnt sich eher für das Image als traditionsbewusster Qualitätshersteller, weniger für die Unternehmensbilanz: „Die Gewinnspanne bei den hier gefertigten Schirmen ist gering“, räumt Würflingsdoppler ein.

Blankenheim aus Hattingen ist froh, dass Doppler die heimische Produktion nicht aufgibt: Er lässt oft Bezüge bei Doppler schneidern, denn auch Zulieferer für Zubehör im Schirmgewerbe gibt es immer weniger. Daher hat Blankenheim stets ein wachsames Auge darauf, was die Menschen wegschmeißen: „Bei Sturm finde ich in den Papierkörben oft kaputte Schirme“ Vielleicht, so denkt er bei jedem ausrangierten Schirm, kann man mit dem ein oder anderen Einzelteil noch einen Kunden erfreuen.

Dass die meisten Käufer zum Billigprodukt greifen, weiß auch der Meister. Sein Handwerk ist zum Nischengeschäft geworden: „Wir sterben aus, die deutschen Schirmmacher kann man an zwei Händen abzählen.“ Betreiben kann er sein Unternehmen nur per Mischkalkulation: Das Wäschegeschäft seiner Frau im Erdgeschoss bringt den Lebensunterhalt und deckt Werkstattmiete und Nebenkosten. Mehr als ein Hobby ist es aber doch: „Ich kann bis zu 1200 Euro verdienen.“ 40 Prozent seiner Einkünfte bestreitet er durch Reparaturen, 60 Prozent bringt der Schirmverkauf. Teilweise hat er sie bei kleinen Manufakturen angekauft, teilweise nach eigenen Wünschen zusammengestellt.

Gestell aus Fiberglas

Ein Schirm „Made in Hattingen“ kostet etwa 80 Euro. Dafür bekommt der Kunde, was für den Experten einen guten Schirm ausmacht: zehn Stangen statt der handelsüblichen acht machen ihn stabiler. Der Bezug ist aus satingewebtem Polyester: „Für billiges Nylon ist meine Handarbeit zu teuer.“ Außerdem verbaut Blankenheim ein Gestell aus Fiberglas, das er mit anderen Meistern entwickelt hat und das auch bei heftigem Wind keinen Schaden nehmen soll. Übrigens: „Eine Marke ist keine Gewähr für Qualität“, sagt der, der es wissen muss: Nicht selten landet solche Ware zur Reparatur in der Werkstatt.