Umweltrisiko bei Fracking kann laut Gutachten "erheblich sein"

Osnabrück/Dortmund. Ein von ExxonMobil ins Leben gerufener Expertenkreis sieht „keinen sachlichen Grund, das Fracking grundsätzlich zu verbieten.“ Die Technologie sei zwar riskant, aber "kontrollierbar“, lautet das Fazit des am Mittwoch in Osnabrück vorgestellten Gutachtens zu der umstrittenen Fördermethode für Erdgas. Energiekonzerne wie Exxon und Wintershall haben sich auch in Westfalen zahlreiche Gebiete gesichert, wo sie Erdgas fördern wollen. Der Expertenkreis schlägt vor, in "vorsichtigen Schritten" weiter zu gehen – und zwar mit Demonstrationsbohrungen, bei denen gefrackt wird.

Eine ungewöhnliche Bar empfängt die Besucher der Osnabrückhalle an diesem Morgen. Livrierte Kellner offerieren Cocktails. Die Herrschaften sind von "Attac"' und im Angebot haben sie Chemiecocktails. Biozide, Methanol und andere Chemikalien – das sind die Zutaten, die es braucht, um im Untergrund zu „fracken“. Im Gegensatz zu herkömmlichem Erdgas, dessen Vorkommen zurückgehen, bedarf es für die Förderung des in Schiefergestein und Kohleflözen gespeicherten Gases eines größeren Aufwands. Unterirdisch muss das Gestein aufgebrochen werden, müssen viele Risse erzeugt werden, durch die das Gas entweichen kann. Und für dieses Aufbrechen, das Fracking, braucht es viel Wasser und Chemie, die verhindert, dass sich die Risse wieder schließen.

Viele Fragen ungeklärt

„Die Umweltrisiken können erheblich sein, vor allem im Hinblick auf den Gewässerschutz“, sagt Prof. Dr. Dietrich Borchardt, Leiter des Expertenkreises, den Exxon zwar mit rund einer Million Euro finanzierte, auf den der Konzern aber keinen Einfluss genommen haben will.

Aufgrund der Risiken sollte in Trinkwasserschutzgebieten der Klassen 1 und 2 nicht gefrackt werden, auch nicht in erdbebengefährdeten Gebieten, in denen Wasser durch Erdschichten aufsteigen kann.

Als problematisch stufen die Experten ein, dass die „unkonventionellen“ Erdgasvorkommen in der Regel weniger tief liegen als konventionelle Lagerstätten. Der Abstand zum Grundwasser ist daher geringer. Größer hingegen ist der Flächenverbrauch, weil zahlreiche Bohrungen und Frackvorgänge nötig sind. Mit mehr Bohrungen verbunden sind auch mehr Risiken von Unfällen, mehr Zersiedelung, mehr Belastungen der Anwohner durch Lkw-Fahrten und mehr Lärm vom Bohrplatz. Pro Bohrplatz ist mit rund 14 Monaten Bauzeit zu rechnen. Viele Fragen seien zudem noch ungeklärt.

Der Expertenkreis empfiehlt allerdings nicht, grundsätzlich von Fracking Abstand zu nehmen. Um die offenen Fragen zu klären, sollte es realistische Erkundungs- und Demonstrationsbohrungen geben. Auch soll mindestens ein „Versenkstandort“ eingerichtet werden, wo Frackflüssigkeit in den Boden verpresst wird. Die Mitglieder des Expertenkreises fordern zudem, dass Sicherheitsstandards erweitert und der Einsatz von Chemie beim Fracking vermindert werden sollte. Auch halten sie es für sinnvoll neuartige Bohrverfahren zu entwickeln, die weniger Lärm erzeugen.

Exxon-Mobil macht Druck

Im rechtlichen Bereich schlagen die Wissenschaftler vor, dass bei den Fracking-Bohrungen das Einvernehmen der Wasserbehörden nötig sein soll. Eine grundsätzliche Umweltverträglichkeitsprüfung mit Beteiligung der Öffentlichkeit halten sie nicht für nötig – es soll nur strategische Prüfungen geben, die bestimmte Gebiete als geeignet oder ungeeignet identifizieren.

ExxonMobil-Chef Gernot Kalkoffen zeigte sich erleichtert, dass die Experten grundsätzlich grünes Licht für Fracking gegeben hätten. Sein Unternehmen werde sich an die Empfehlungen halten, auch wenn dies bedeute, "einige Kröten schlucken zu müssen." So werde man nicht in Bereichen von Kohlebergbau fracken. Nachdem der Konzern jetzt mit dem Gutachten des Expertenkreises ein Jahr Zeit verloren hat, macht Exxon nun Druck. Noch in diesem Jahr will man mit einem ersten Erkundungsfrack in unkonventionellen Gasgebieten starten. Wo, ließ der Exxon-Chef offen. Wann die Demonstrationsbohrungen, die einem wirtschaftlichen Förderbetrieb gleich zu setzen sind, beginnen sollen, sei noch unklar. Grundsätzlich hält Exxon an der Suche nach unkonventionellem Erdgas fest. "Deutschland braucht Erdgas", betonte Kalkoffen.

Vertreter von Bürgerinitiativen und Umweltgruppen kritisierten das gestern vorgestellte Gutachten. „Dieser angeblich neutrale Expertenkreis ist eine riesige PR-Maßnahme von Exxon“, klagt Marie-Dominique Guyard aus Bissendorf bei Osnabrück, wo Exxon bohren will. „Dass die Risiken beherrschbar sind, hat es auch bei der Asse geheißen, bei Tiefseebohrungen und der Atomkraft“, meint Eberhard Heise von „Attac“. „Wir glauben denen nicht mehr!“