Toilettenfrauen und ihr Unternehmen Tellerchen

Ulf Meinke
Foto: WAZ

Essen. Was passiert eigentlich mit dem Geld, das die Kunden einer Kaufhaus-Toilette zahlen? Ein Ortsbesuch zeigt: Es ernährt Kleinunternehmer. Schlecht läuft das Geschäft mit dem Geschäft nicht - und es ist relativ unabhängig von der Krise.

Auf der fünften Etage ist im Kaufhaus eine Stunde vor Ladenschluss noch erstaunlich viel Betrieb. Am Eingang zu den Toiletten steht auf einer grünen Tischdecke ein weißer Porzellanteller mit zartem Blümchenrand. Daneben verbreitet ein Gesteck aus künstlichen Tulpen mit Farn und Efeu einen Schimmer von Behaglichkeit.

"Die Firma gehört mir"

„Dürfen Sie das Geld behalten?”, fragt ein Kunde, als er 50 Cent auf das Tellerchen legt. „Ja, darf ich”, antwortet die Frau, die einen weißen Kittel, gelbe Gummihandschuhe und eine modische Brille mit schwarzem Rand trägt. „Die Firma gehört mir.” Während Kunden ein und aus gehen, entwickelt sich ein dreiviertelstündiges Gespräch mit einer Unternehmerin.

Sie ist 43 Jahre, stammt aus dem Baltikum, hat einen Mann, der eine eigene Firma führt – und zwei Kinder, die studieren, weshalb sie ihren Namen nicht nennen möchte. Sie wolle ihren Kindern nicht zumuten, dass ihre Mutter als Toilettenfrau bekannt sei. Seit vier Jahren arbeite sie nun in den Kloräumen. Sie ist ihre eigene Chefin. Gelegentlich helfe eine Kollegin aus, die einen festen Stundenlohn erhalte. Im Reinigungsgewerbe gilt der Mindestlohn von 8,15 Euro.

Lebensmittelladen lief schlecht

Bevor sie Toiletten-Pächterin wurde, habe sie es sieben Jahre lang mit einem Lebensmittelladen probiert – spezialisiert auf russische Waren. Das Geschäft lief schlechter als erhofft. „Wir mussten ja etwas hier anfangen, ohne Sprache, ohne anerkannten Beruf.”

Mittlerweile hat sie einen deutschen Pass, längst spricht sie flüssig deutsch, nur gelegentlich fehlen ihr die Worte. Wenn ein Centstück auf dem Teller tönt, ruft sie dem Gast ein „Danke” hinterher. Im Gesprächsverlauf füllt sich das Tellerchen – immer wieder 10, 20 oder 50 Cent.

Spitzengeschäfte zu Weihnachten

Ihr derzeitiges Geschäft sei einfacher zu führen als der Lebensmittelhandel. Klopapier und Reinigungsmittel stellt das Warenhaus zur Verfügung. „Wenn ich in einer Stunde nur zwei Euro bekomme, verliere ich nichts. Ich verliere nur meine Zeit.”

Es gibt diese Tage. „Vorgestern sei es ganz leer gewesen. In einer Stunde nur vier Kunden.” – „Ein Tag ist gut, der andere schlecht.” Am besten laufe das Weihnachtsgeschäft.

An diesem Abend im Mai ist eine ältere Damen besonders großzügig und legt ein Euro-Stück auf den Teller. „Zwei Euro, das ist selten, das gibt's nur zu Weihnachten.”

Zehn Euro pro Stunde

Ob sie die Wirtschaftskrise spüre? Nicht wirklich, aber sie habe Verständnis dafür, wenn jemand nichts zahle. „Wir sparen auch.” Feste Regeln für die Konjunktur auf dem Tellerchen könne sie eigentlich nicht feststellen. Vielleicht diese: „Es hängt davon ab, ob die Leute schon Lohn bekommen haben.” Das Wort „Leistung” spricht sie zwar nicht aus, aber es ist der rote Faden, der sich durchs Gespräch zieht. „Wir betteln nicht, wir machen unsere Arbeit. Jede Arbeit wird belohnt”, sagt sie. „Wenn man Geld verdienen möchte, findet man was.”

Wie wolle sie eigentlich genannt werden – „Klo-Unternehmerin”, „Toiletten-Betreiberin”? Sie lacht. „Ich besitze eine Toilettenanlage im Kaufhaus und arbeite da.” Überhaupt lacht und lächelt sie viel. Nach einer Dreiviertelstunde sagt sie: „So, jetzt muss ich weitermachen.” Bevor das Kaufhaus schließt, steht noch die Grundreinigung an.

Nach den 45 Minuten sind es vielleicht acht, neun Euro, die auf dem Teller liegen. „Zehn Euro in der Stunde”, rechnet sie hoch. Sie steckt die Münzen in ihre rechte Kitteltasche, ein paar bleiben auf dem Tellerchen liegen.