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Thyssengas umwirbt Revierstädte mit angespannter Finanzlage

Thyssengas umwirbt Revierstädte mit angespannter Finanzlage

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Dr. Axel C. Botzenhardt Thyssengas Foto: Alexandra Roth/WAZ FotoPool
Der Gasnetzbetreiber Thyssengas will bei kommunalen Betrieben einsteigen – gerade in Städten mit angespannter Finanzlage. Es gibt erste Gespräche dazu mit Stadtwerken. „Renditeerwartungen müssen nicht auf Kosten der Mitarbeiter oder der Netze gehen“, beteuert Thyssengas-Chef Axel Botzenhardt.

Duisburg/Dortmund. 

Der Gasnetzbetreiber Thyssengas bringt sich in Stellung, um bei kommunalen Betrieben in finanzschwachen Städten im Ruhrgebiet einzusteigen. „Wir loten derzeit aus, ob wir weitere Gasnetze übernehmen können. Darüber sprechen wir auch mit Stadtwerken aus der Region“, sagte Thyssengas-Geschäftsführer Axel Botzenhardt im Gespräch mit dieser Zeitung. „Gerade in Städten mit einer angespannten finanziellen Situation bietet es sich an, finanzstarke Partner mit Managementkompetenz ins Boot zu holen.“

In Duisburg soll es bereits Überlegungen geben, die Gasverteilnetze der Stadtwerke zu verkaufen, hieß es in Branchenkreisen. Botzenhardt wollte sich nicht im Detail dazu äußern und blieb in seinen Aussagen allgemein. „Wir können uns gut Partnerschaften mit kommunalen Betrieben vorstellen – auch als Minderheitseigner“, sagte er lediglich.

Thyssengas wurde vor dreieinhalb Jahren vom Essener Energiekonzern RWE an den australischen Finanzinvestor Macquarie verkauft. Macquarie hält auch Anteile an der ehemaligen Ruhrgas-Firma Open Grid Europe (OGE) aus Essen. OGE verfügt über das größte Gasnetz in Deutschland. Thyssengas ist vor allem in NRW stark – und damit „systemrelevant für die Gasversorgung“ an Rhein und Ruhr, wie Botzenhardt sagt. Der Manager ist seit September 2011 Vorsitzender der Thyssengas-Geschäftsführung.

Thyssengas zählt insgesamt 270 Mitarbeiter. Die größten Standorte sind Dortmund mit 170 Arbeitsplätzen und Duisburg mit 60 Jobs. Macquarie hat die Übernahme des einstigen RWE-Gasnetzes zu einem beträchtlichen Teil über Kredite finanziert, die Thyssengas nun begleichen muss. „Renditeerwartungen müssen nicht auf Kosten der Mitarbeiter oder der Netze gehen“, beteuert Botzenhard. „Das haben wir bei Thyssengas bewiesen.“ Im Übrigen gelte bei Thyssengas eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2016.

Thyssengas nabelt sich vom früheren Eigentümer RWE ab

Vom früheren Eigentümer RWE nabelt sich Thyssengas Stück für Stück ab. „Wir werden uns in den nächsten zwei Jahren von den Mietverträgen mit RWE trennen, da die Verwaltungsgebäude zu groß und in die Jahre gekommen sind“, kündigte Botzenhardt an. „Aber wir wollen in Dortmund und Duisburg bleiben. Daher suchen wir nach neuen Immobilien.“

Das Geschäft der Gasnetzbetreiber ist größtenteils staatlich reguliert. „Der Anteil unserer Netzentgelte am Gaspreis eines Haushaltkunden beträgt nur rund fünf Prozent“, betonte Botzenhardt. Gleichwohl fallen ordentliche Gewinne an. Allein im Jahr 2012 hat Thyssengas knapp 76,2 Millionen Euro erwirtschaftet und an die Eigentümer überwiesen, wie aus dem Bundesanzeiger hervorgeht. Die Rendite auf das eingesetzte Kapital dürfe „nicht über 9,05 Prozent liegen“, erklärte Botzenhardt. Die Höhe der jährlichen Umsätze von Thyssengas sei von der Regulierungsbehörde bis Ende 2017 festgeschrieben. In den nächsten zehn Jahren werde das Unternehmen rund 250 Millionen Euro investieren.

„Politische Unsicherheiten bringen häufig einen Preisaufschlag mit sich“

Anders als bei den Stromnetzen, die für die Energiewende in den kommenden zehn Jahren für deutlich mehr als 20 Milliarden Euro ausgebaut werden sollen, seien beim Gas mit etwas mehr als drei Milliarden Euro weit geringere Investitionen in die Infrastruktur erforderlich, sagte Thyssengas-Chef Botzenhardt. „Insofern sind auch weniger preistreibende Effekte zu erwarten.“

Auch der Russland-Ukraine-Konflikt beschäftigt die Branche. Beide Länder sind wichtig für die Gasversorgung in Westeuropa. Russisches Gas wird über ukrainisches Territorium nach Deutschland weitergeleitet. „Im Moment haben wir kein Versorgungsproblem durch die Ukraine-Krise“, sagte Botzenhardt. „Gäbe es die Ukraine-Krise nicht, müssten die Gaspreise sinken. Doch politische Unsicherheiten bringen häufig einen Preisaufschlag mit sich.“