Sorge um 5300 Arbeitsplätze bei Ferrostaal

Ulf Meinke
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Der Betriebsrat des Essener Traditionskonzerns Ferrostaal schlägt Alarm: Er fürchtet um die 5300 Arbeitsplätze des Industriedienstleisters – und hofft auf Unterstützung der Landesregierung.

Essen. Bislang hielt sich der Betriebsrat des krisengeschüttelten Traditionskonzerns Ferrostaal auffällig zurück. Nun schlagen die Arbeitnehmervertreter Alarm. Gemeinsam rufen der Ferrostaal-Betriebsratschef Jürgen Hahn und sein Stellvertreter Stefan Breuer auch die NRW-Landesregierung zu Hilfe. „Das Unternehmen steckt zweifellos in einer schwierigen Situation“, sagte Hahn im Gespräch mit dieser Zeitung. „Unser Geschäftsmodell ist in Gefahr.“ Der Essener Konzern, der weltweit 5300 Mitarbeiter beschäftigt, steu­ert einer ungewissen Zukunft entgegen.

Wegen einer Schmiergeld-Affäre erschütterte im Frühjahr vergangenen Jahres eine Razzia das Unternehmen. Seitdem ist Ferrostaal massiv in Bedrängnis geraten. Vorstandschef Jan Secher hat sich seit Monaten nicht öffentlich geäußert. Dem Konzern droht eine millionenschwere Strafzahlung. Außerdem schwelt ein Streit zwischen dem arabischen Ferrostaal-Großaktionär International Petroleum Investment Company (IPIC) und dem Münchner Konzern MAN, der von Volkswagen übernommen wird.

Banken erhöhen den Druck

Die Banken erhöhen dieser Tage den Druck auf Ferrostaal. Gerade im kapitalintensiven Geschäft mit dem Bau großer Industrieanlagen ist das Unternehmen auf die Unterstützung der Kreditinstitute angewiesen. Dem Vernehmen nach laufen am 30. Oktober die bisherigen Vereinbarungen zwischen Ferrostaal und maßgeblichen Banken aus. „Wir stehen bei den Banken sicherlich unter besonderer Beobachtung“, sagte Hahn. „Wir haben die Sorge, dass die Kreditinstitute künftig mehr Sicherheiten verlangen, bevor sie uns mit Garantielinien versorgen. Das hätte direkte Folgen für unsere tägliche Arbeit, insbesondere unser internationales Projektgeschäft.“

Im Umfeld des Konzerns wird erwartet, dass Ferrostaal 2011 erstmals seit Jahrzehnten ein Verlust droht – vermutlich in hoher zweistelliger Millionenhöhe. „Viele Kolleginnen und Kollegen machen sich Sorgen – und verlangen zu Recht Antworten unserer Ei­gentümer“, so Hahn. „Der Streit darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden.“ Allein am Firmensitz Essen beschäftigt Ferrostaal rund 700 Mitarbeiter.

Auch die Banken werden offenbar unruhig. Ferrostaal soll zwar noch über eine gute finanzielle Ausstattung – angeblich rund 400 Millionen Euro Liquidität – verfügen, auch das konzerneigene Automobilzuliefer-Geschäft läuft angeblich gut. Sorgen bereitet allerdings der Bereich Anlagenbau. Ferrostaal gewinne kaum noch neue Aufträge, heißt es.

Hoffen auf die Politik

Offenbar wird Ferrostaal auch von der Politik eher mit spitzen Fingern angepackt. Der Betriebsrat hofft gleichwohl, dass sich neben der Landesregierung auch Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD) für Ferrostaal einsetzen wird. „Natürlich will kein Politiker mit dem Thema Schmiergeld in Verbindung gebracht werden“, räumte Hahn ein. Er appellierte zugleich, die Ferrostaal-Beschäftigten fair zu behandeln. Die Mitarbeiter dürften nicht „unter Generalverdacht gestellt“ werden. Der Betriebsrat hat Paß zu einer Betriebsversammlung eingeladen. Ob der Oberbürgermeister zusagt, ist noch offen. „Wir hoffen es jedenfalls sehr.“

Mit Blick auf mögliche Unterstützung durch die NRW-Landesregierung erklärte Hahn: „Ferrostaal übernimmt als Export-Drehscheibe eine wichtige Funktion innerhalb der Wirtschaft.“ Als Handelshaus unterstütze Ferrostaal zahlreiche Mittelständler dabei, ihre Produkte auf Auslandsmärkten zu verkaufen. „Damit hat Ferrostaal über Jahre auch einen Beitrag dazu geleistet, dass Deutschland Exportweltmeister wurde.“ Die Betriebsräte wollen derzeit nicht über den Abbau weiterer Arbeitsplätze spekulieren. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte die Konzernspitze die Streichung von rund 500 Stellen beschlossen.