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Kevelaer – Geschäft unterm Kreuz

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Kevelaer. 

Der Wallfahrtsort am Niederrhein hat vor Weihnachten zweite Hochsaison. 40 Sonntage im Jahr sind die Geschäft in Kevelaer geöffnet .

Mit flinken Bewegungen baut Verona Marliani-Eyll bunt bemalte Holzfiguren auf der Ladentheke auf: Drei Hirten, Ochs und Esel, ein paar Schafe. Die Glocken der benachbarten Marienbasilika läuten zur Messe, als sie das Geld der Kundin kassiert. In der Ad­vents­zeit hilft die 42-Jährige im Geschäft ihrer Eltern aus. Denn: „Meistens gibt es viel zu tun“, sagt sie und wickelt ein hölzernes Schaf in Papier. Krippe und Co. lassen in Kevelaer, dem größten Wallfahrtsort in Nordwest-Europas, nicht nur zur spätsommerlichen Pilgersaison die Kassen klingeln.

Kurz vor Weihnachten er­lebt die Stadt am Niederrhein ihre zweite Hochsaison. „Im Sommer kaufen die Kunden Madonnen- und Heiligenfiguren, Kerzen, Rosenkränze, Kreuze und Christopherusplaketten fürs Auto“, sagt Verona Marliani-Eyll. Kurz vor Weihnachten wollen sie vor allem eines: Krippenfiguren. Und die haben ihren Preis: Zwischen 60 und 140 Euro kostet eine 20 Zentimeter große Holzfigur aus Südtirol oder Oberammergau – je nachdem, ob sie na­turbe­las­sen oder bemalt ist. Eine komplette Krippe gibt’s nicht unter 500 Euro.

Kirche und Kommerz – in Kevelaer liegt beides nah beieinander. Keine fünfzig Schritte von der Ladentür entfernt, mitten auf dem Kapellenplatz, befindet sich Kevelaers religiöses Zentrum – die Gnadenkapelle. Jährlich zieht sie bis zu einer Million Besucher in die 29 000-Einwohner-Gemeinde. Die meisten sind Pilger aus dem Sauerland, Aachen, Mün­ster und dem Ruhrgebiet. „Wir ha­ben aber auch Besucher aus Belgien“, sagt Ruth Keuken von der städtischen Wirtschaftsförderung. Jeder fünfte, der zum Höhepunkt der Wallfahrtsaison im Spätsommer nach Ke­velaer komme, sei Niederländer.

Jetzt be­deckt ei­ne dicke Schneeschicht die Kuppel der Gnadenkapelle. Die Wallfahrtzeit ist seit No­vember vorbei, die Leute strömen trotzdem weiter nach Kevelaer. „Viele kommen mehrmals im Jahr“, sagt Keuken, „deshalb haben wir die touristische Saison bis Heiligabend verlängert.“

Geschäftstüchtiges Kevelaer. Passend zur Weihnachtszeit gibt’s jetzt Ad­vents-Pau­schalen: Ganze Busgruppen reisen an, „besichtigen die Gläserne Hostienbäckerei, ge­hen Mittagessen und danach zum Krippenmarkt“, so Keuken. Etwa 30 Millionen Euro fließen jährlich durch diese und andere Angebote für christliche Touristen in Kevelaers Kassen, schätzt sie.

Ein lukratives Geschäft, das sich viele Kevelaerer nicht entgehen lassen wollen. Von 6100 Beschäftigten arbeitet jeder vierte in der Tourismus- und Wallfahrtsbranche. Auch die Einzelhändler profitieren von den Besuchern, kaum einer verlässt den Ka­pel­lenplatz, ohne et­was in den umliegenden Läden zu kaufen. Besonders beliebt sind religiöse Souvenirs. Etwa 20 Fachgeschäfte in Kevelaer haben sich deshalb auf den Verkauf von Wallfahrtsartikeln spezialisiert. Eines davon gehört den Marlianis.

Umstrittene Sonntage

Über den Umsatz spricht man hier nicht gerne, nur so viel: „Am vergangenen Wo­chenen­de haben wir vielleicht 20 Hirten, fünf Heiligenfiguren und ein paar Krippenställe ver­kauft“, sagt Verona Marliani-Eyll. Die Krippen-Konjunktur schwächelt. Jedenfalls „lässt sich das Geschäft noch nicht mit dem von 2009 vergleichen“.

Mitunter treibt der Kommerz in Kevelaer skurrile Blüten: Ma­rion Piegenschke hat sich auf den Verkauf von selbstgemachten Kerzen spezialisiert: „25 Jahre künstliches Hüftgelenk“ steht etwa da­rauf. „Wir fertigen die Kerzen ganz nach den Wünschen der Kunden an“, sagt sie. Und: „Wenn jemand die Maria auf dem Kopf stehend haben will, dann geht das auch.“ Der Service zahlt sich aus, die Nachfrage sei groß.

Kevelaer macht auch Karrieren. Das 140 Jahre alte Kevelaerer Unternehmen Butzon & Bercker etwa sieht sich als der größte Anbieter christlicher Produkte in Deutschland. Kreuze, Schieferplatten, Kerzenständer – gut 100 Mitarbeiter bieten über 5000 Produkte an.

Das Adventsgeschäft im Wallfahrtsort boomt. „Die Einzelhändler sind mit den Verkäufen sehr zu­frieden“, heißt es bei der Wirtschaftsförderung. Be­sonders an Wo­chenenden sei viel los. Eine Sondergenehmigung im La­denöffnungszeitengesetz er­­laubt es „wallfahrtsnahen Geschäften“ am heiligen Sonntag 40 Mal im Jahr zu öffnen – zehnmal öfter als es herkömmlichen Geschäften in NRW gestattet ist. Doppelmoral? „Ge­gen den kommerziellen Rummel in Ke­velaer habe ich et­was“, sagt der Händler Gunther Maria Michel. „Ein Wallfahrtsort lebt davon, dass es dort christlicher zugeht als an­derswo.“

In der Familie von Ve­rona Marliani-Eyll hat man das Problem rheinisch gelöst. „Der Sonntag ist unserer Fa­milie heilig. Auch wenn meine Eltern den Laden öffnen, ei­ner geht immer zur Messe.“