Investitionen fast nur noch im Ausland

Nina Grunsky
Foto: Lars Heidrich
  • Trotz niedriger Zinsen wird in Südwestfalen nur wenig investiert.
  • Die Unternehmen errichten neue Fabriken lieber im Ausland.
  • Das könnte zu einer schleichenden Deindustrialisierung führen, warnen Arbeitgeberverbände

Hagen.  Die Zinsen sind niedrig, Geld ist billig. Für Unternehmen in NRW und Südwestfalen aber offenbar nicht günstig genug: Die Investitionen gehen zurück in der Region. Davor haben nun die Arbeitgeberverbände gewarnt. „Es droht eine schleichende Deindustrialisierung in NRW“, mahnt Dirk W. Erlhöfer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Ruhr/Westfalen. „Investitionen werden meist im Ausland getätigt“, fügt er hinzu. Das ist das Ergebnis der halbjährlichen Konjunkturumfrage der Arbeitgeberverbände unter 420 Unternehmen.

Das Problem

Ein Trend, den Bettina Schwegmann, Geschäftsführerin des Märkischen Arbeitgeberverbandes in Iserlohn, bestätigen kann. „Wie im mittleren Ruhrgebiet verlieren auch in der Märkischen Region die Investitionen am heimischen Standort an Boden“, sagt sie. Das ergibt sich aus einer Unternehmensbefragung zur Zukunft von Südwestfalen als Produktionsstandort der Metall- und Elektroindustrie. „Danach werden in den nächsten fünf Jahren fast 45 Prozent der Investitionen in Maschinen und Anlagen an ausländische Produktionsstandorte fließen – gegenwärtig sind es noch 36 Prozent“, so Schwegmann.

Von einer „breiten Abwanderung von Unternehmen aus Südwestfalen“ will man beim Unternehmensverband Westfalen-Mitte in Arnsberg nicht sprechen. Die inhabergeführten Unternehmen der Region seien eng mit dem Standort verwurzelt. „Allerdings gibt es auch hier Unternehmen, die Teile ihrer Produktion aus Südwestfalen abziehen und ins Ausland verlagern. Einige Betriebe investieren auch im ­Ausland und erzielen dort gute ­Gewinne“, so Geschäftsführer ­Volker Verch.

Die Folgen

Mehr noch als das sinkende Investitionsvolumen in der Region besorgt Bettina Schwegmann, dass sich die Investitionsarten verändern. Im Inland wird das Geld in den Erhalt und die Modernisierung der bestehenden Anlagen gesteckt sowie in Ersatzbeschaffungen. Im Ausland dagegen wird erweitert, also Produktionsstätten auf- oder ausgebaut. „Mit der Folge, dass in unserem Verbandsgebiet zunehmend Arbeitsplätze in der Produktion verloren gehen können, wobei vor allem einfache Tätigkeiten betroffen sind.“ Globalisierung 2.0.

Die Ursachen

Gründe, warum die Unternehmen das günstige Geld lieber im Ausland investieren, gibt es gleich mehrere. Die Arbeitskosten sind durch die Tarifabschlüsse wieder gestiegen, nennt Bettina Schwegmann einen. Und weitere: Einschränkungen bei der Zeitarbeit und der Verlust von Fachkräften durch die Rente mit 63. Die Umsetzung der Energiewende und damit die steigenden Kosten kommen hinzu.

„Auf Landesebene gefährden zusätzliche Regulierungsprojekte die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Standorte“, sagt sie weiter. „Ich denke hier an den Landesentwicklungsplan, der die notwendige Ausweisung von Gewerbeflächen deutlich einschränkt, an das Landeswassergesetz oder den Klimaschutzplan und das Landesnaturschutzgesetz NRW. Alles gesetzliche Vorgaben, die die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande behindern.“ Ebenso wie die auf kommunaler Ebene „mit Abstand“ höchsten Grund- und Gewerbesteuerhebesätze aller Flächenländer.

Und speziell in Südwestfalen: „die mangelhafte Infrastruktur“, wiederholt Volker Verch eine alte Klage. Weil man gar nicht mehr wisse, wie man die Produkte aus der Region transportiert bekomme, überlegten vor allem Maschinen- und Anlagenbauer in Siegen-Wittgenstein, andernorts zu investieren, so Helmut Hoffmann, Pressesprecher der dortigen Arbeitgeberverbände. „Die A 45 fällt für solche Transporte komplett aus“, fügt Hoffmann hinzu.

Die Lösungen

Womit auch schon klar wäre, was gegen die drohende Deindustrialisierung zu tun ist: „Wir brauchen eine Infrastruktur-Offensive durch den Ausbau von Verkehrsnetzen und Verkehrsträgern“, sagt Bettina Schwegmann. Gleichzeitig müsse das Land mehr Geld in den flächendeckenden Ausbau der digitalen Netze stecken. Eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgung stehe zudem „ganz oben auf der Wunschliste der Unternehmen“.

„In jedem Fall muss verhindert werden, dass die Unternehmen weiter belastet werden“, fordert Volker Verch. „Das geplante Entgeltgleichheitsgesetz zum Beispiel würde den ohnehin schon hohen bürokratischen Aufwand noch weiter in die Höhe treiben. Das gilt insbesondere für die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die unseren Industriestandort prägen.“