Veröffentlicht inWirtschaft

Gewerkschaft sorgt sich um 900 Bahn-Mitarbeiter in NRW

17.jpg
National Express ab 13.12.2015 neuer Anbieter im Schienenpersonennahverkehr Foto: Archiv/Kai Kitschenberg, Funke Foto Services
National Express ist jetzt erstmals in NRW tätig und wird später auch Rhein-Ruhr-Express-Linien übernehmen. Stirbt das Berufsbild Zugbegleiter aus?

Essen. 

Mit der Überschrift „Springen Sie auf den richtigen Zug auf“ hat der britische Bahnbetreiber National Express derzeit Stellen als Lokführer ausgeschrieben. Seit jüngstem haben die Briten die Linien RE7 und RB48 von der Deutschen Bahn in NRW übernommen. In gut zwei Jahren wird National Express auch beim Rhein-Ruhr-Express mitmischen. Jedoch stehen fast 900 Beschäftigte der Deutschen Bahn damit vor einer ungewissen Zukunft.

Mit Blick auf den ehrgeizigen Ausbau des Regionalzugnetzes in NRW gelten die Job-Aussichten für die zuletzt 375 Lokführer bei der DB Region NRW als sehr gut. Bereits jetzt sind bei Bahnunternehmen bundesweit etwa 1000 Lokführerstellen offen. Die RRX-Betreiber Abellio und National Express dürften angesichts des Linien-Ausbaus zudem kaum weniger Kräfte im Führerstand der Triebfahrzeuge brauchen als die Bahn hat, meint Sven Schmitte, NRW-Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GDL).

„Schwarzer Tag für die Eisenbahner“

Was jedoch mit den Zugbegleitern passiert, ist unklar. Es geht um 335 Kundenbetreuer mit dezidierter Bahn-Ausbildung, die bisher bei der DB Regio NRW beschäftigt sind. Die Zahl beruht auf Angaben des Betriebsrats vom April, als sich abzeichnete, dass die Deutsche Bahn bei der Ausschreibung für den RRX das Nachsehen haben wird. Die Bahngewerkschaft EVG kritisierte den Betreiberwechsel zu National Express jüngst als „schwarzen Tag für die Eisenbahner“. Weil „der Berufsstand des Zugbegleiters bedroht ist“. Denn National Express setzt erstmals kein ausgebildetes Bahn-Personal mehr ein, sondern Servicekräfte des Gelsenkirchener Dienstleistungsunternehmens Stölting.

„Grundsätzlich ist bei Aufträgen dieser Art, eine umfangreiche Ausbildung in der jeweilig gültigen Tarifkunde, dem ÖPNV (VRR und ähnlich), Erster Hilfe, sowie ein hoher Ausbildungsstand in der Sicherheitsbranche wie Deeskalationstraining, Brandschutzausbildung und vieles mehr von Nöten“, beschreibt ein Stölting-Sprecher. Das Personal werde über mehrere Wochen geschult, eine dreijährige Ausbildung, die auch Betriebs-technische Kenntnisse vermittelt, ist nicht notwendig. Kundenbetreuer und Sicherheitskräfte „haben einen gehobenen Lohn im Tarifvertrag des Wach & Sicherheitsgewerbes„. Laut Gewerkschaft seien sie zu schlechteren Konditionen beschäftigt, als Kundenbetreuer der Bahn. National Express verweigere sich im Gegensatz zu anderen privaten Bahnunternehmen, den Branchenvertrag für den Schienenpersonenverkehr zu übernehmen, heißt es bei der EVG. Die Briten wiederum erkären, sie hätten bereits mehrfach Gesprächstermine vorgeschlagen, um mit der EVG über einen eigenen Tarifvertrag zu verhandeln. Die Bahngewerkschaft aber verweigere sich.

Kundenbetreuer ohne Bahn-Ausbildung

In der Ausschreibung für die Linien durch den Verkehrsverbund Rhein-Ruhr war für die Kundenbetreuung im Zug kein dezidiertes Bahn-Personal mehr gefordert worden, weil der Lokführer etwa auch die Zugabfertigung am Bahnsteig selbst übernimmt. Bei S-Bahnen zum Beispiel ist das seit Jahren schon so. Im Fernverkehr hingegen sind Lok- und Zug-Chef verschiedene Personen.

National Express fasst unterdessen in Deutschland weiter Fuß. Jüngst hat ein Gericht den Zuschlag für den Betrieb des Nürnberger S-Bahnnetzes an National Express bestätigt; zuvor gab es Zweifel, an der finanziellen Leistungsfähigkeit des hiesigen Ablegers der Briten. Ab Mai 2019 wird National Express ihre erste von insgesamt drei RRX-Linien übernehmen. Starten wird der Betreiber Abellio zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2018. Insgesamt umfasst der RRX fünf RE-Linien, die später im 15-Minuten-Takt die Rhein-Ruhr-Region vernetzen sollen.

„Bahn-Unternehmen sollten ihr Personal selbst beschäftigen“

Bei National Express hat man sich noch nicht mit dem künftigen Personalbedarf beschäftigt, erklärt Sprecher Daniel Prüfer. Die entsprechenden Projektgruppen würden im kommenden Jahr gebildet. Der Einsatz der Kundenbetreuer durch das Gelsenkirchener Subunternehmen auf den aktuellen Linien sei „für mehrere Jahre“ vereinbart, teilt Stölting mit; konkreter will man nicht werden. National Express-Sprecher Prüfer erklärte, der Einsatz gelte „für den Start“ der neuen Linien. Ob dieses Modell später auch beim RRX übernommen werde, sei offen und sei zudem mit dem Mit-Betreiber Abellio abzustimmen.

Die EVG hofft unterdessen auf das neue Vergabegesetz, das jüngst im Bundestag beschlossen wurde. Darin ist unter anderem festgelegt, dass bei Ausschreibungen von „Personenverkehrsleistungen im Eisenbahnverkehr“ bei Betreiberwechseln das Bahn-Personal übernommen werden soll, inklusive der entsprechenden erworbenen Rechte der Beschäftigten, etwa zu Dienstzeiten, Vergütungsgruppe oder Urlaubsanspruch.

Die Gewerkschaft der Lokführer hat indes mit National Express bereits einen Flächentarifvertrag abgeschlossen. Darin sichern die Briten unter anderem zu, DB-Beschäftigte beim Betreiberwechsel für den RRX zu übernehmen. In punkto Lokführer angeblich sogar zu den gleichen Konditionen, auch etwa in punkto Arbeitszeit und Urlaubsansprüchen. Mit Abellio indes gebe es noch keine Vereinbarung, sagt GDL-NRW-Chef Sven Schmitte. Auch, weil die GDL in diesem Unternehmen kaum Mitglieder hat. Dass die auch die Betreiber des RRX womöglich auf klassische Zugbegleiter verzichten? Sven Schmitte sieht vor allem die Beschäftigung über Subunternehmen als Problem. „Wir werben dafür, dass Bahn-Unternehmen ihr Personal selbst beschäftigen“, Zugbegleiter seien schließlich „das Gesicht des Unternehmens“. Dass Zugbegleitern die „betrieblichen Aufgaben“ entzogen werden, sei allerdings Zeichen des „Wandels des Berufsbilds“.