Gesundheitsministerin Steffens warnt vor Online-Apotheken

Wilfried Goebels und Matthias Korfmann
Die klassische Apotheke sieht Ministerin Steffens in Gefahr, wenn mehr Pillen online bestellt werden.
Die klassische Apotheke sieht Ministerin Steffens in Gefahr, wenn mehr Pillen online bestellt werden.
Foto: dpa
NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens warnt bei Arzneien vor Schnäppchenjagd im Internet. Durch die günstigen Preise der Versandhändler können Apotheken vor Ort oft nicht mehr konkurrieren. Verbraucherschützer betonen jedoch die Kostenvorteile im Internet.

Düsseldorf. Der Internet-Handel mit Medikamenten boomt. Immer mehr Deutsche bestellen ihre Arzneien bequem online. Bei Versand-Apotheken im Inland oder bei den wenigen in Deutschland zugelassenen ausländischen Anbietern wie Doc Morris (Niederlande) oder Zur Rose (Schweiz). NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) findet das bedenklich. „Medikamente gehören nicht in den Versandhandel, denn hierbei ist persönliche Beratung notwendig“, sagte sie unserer Redaktion. Gefälschte Medikamente und Käufe ohne ärztlichen Rat im Internet hält die Ministerin für hochriskant.

Auch die Versorgungssicherheit vor allem in ländlichen Regionen sei in Gefahr, fürchtet Steffens. „Wer aus reiner Bequemlichkeit oder Geiz-ist-geil-Mentalität im Internet bestellt, findet demnächst vor Ort keine Apotheke mehr, wenn er sie braucht.“

80 Apotheken schlossen im vergangenen Jahr

2013 schlossen in NRW rund 80 Apotheken. Mit 2090 Apotheken in Westfalen-Lippe und 2400 in Nordrhein ist NRW noch relativ gut versorgt. „Wenn aber beispielsweise im ländlichen Raum die Arztpraxis schließt, verschwindet häufig auch die Apotheke“, sagte Steffens. Dabei werde die Apotheke vor Ort mit ihrer Beratungskompetenz in einer älter werdenden Gesellschaft dringender gebraucht als vorher.

MedikamenteNach Angaben der Krankenkassen nehmen rund 1,5 Millionen Menschen in NRW täglich fünf und mehr Medikamente dauerhaft ein, die von verschiedenen Ärzten verschrieben werden. Damit steigt bei Älteren die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen. Hier soll der Apotheker aus Sicht des Gesundheitsministeriums eine Lotsen-Funktion übernehmen.

Kritik an Werbeangeboten für Schmerzmittel

Steffens warnte auch vor dem Irrglauben, dass frei verkäufliche Medikamente wie Schmerzmittel ohne Rezept ungefährlich seien. Der Apotheker könne eine tragende Aufgabe bei der Begleitung der Patienten übernehmen, weil er einen Überblick über alle Arzneimittel habe und fachlich berate. Steffens sprach sich dafür aus, die Arzneimittelversorgung von älteren Patienten, die in Pflegeeinrichtungen oder selbstbestimmt im Wohnquartier lebten, künftig in die Hand der Apotheker zu legen. „Die Apotheke vor Ort wird in Zukunft als Teil des Gesundheitssystems weiter an Bedeutung zunehmen“, glaubt Steffens.

Kritisch bewertete die Ministerin Werbeaktionen von Apotheken, in denen etwa drei Schmerzmittel zum Preis von zwei angeboten werden. Menschen zum Kauf von Arzneien zu bewegen, sei nicht vereinbar mit einem Heilberuf. „Auch Apotheken außerhalb der Innenstädte, die keine oder kaum Laufkundschaft haben, müssen eine Chance haben, wirtschaftlich zu überleben“, so Steffens.

Nach Angaben der Zollkriminalämter blüht der weltweite Handel mit gefälschten Arzneimitteln aufgrund der riesigen Gewinnspannen. Betroffen sind nicht nur Fälschungen von Viagra und Wachstumshormonen zum Muskelaufbau. Auch gefälschte Schmerzmittel werden zunehmend von dubiosen Händlern im Internet verkauft.

Beratung „aktiv einfordern“

Die Verbraucherzentrale NRW (VZ) hält den Online-Handel mit Medikamenten hingegen für eine „sinnvolle Ergänzung“ zum Direktverkauf in der Apotheke. „Gerade Patienten mit planbarem Medikamenten-Bedarf können bequem im Internet einkaufen. Oder chronisch Kranke, die nicht mobil sind. Warum sollten die nicht im Internet Arzneimittel bestellen? Darüber hinaus macht das Internet den Preisvergleich einfach“, sagte Regina Behrendt, VZ-Gesundheitsexpertin.

Für in Deutschland zugelassene Versandapotheken gelten die gleichen Rechte und Pflichten wie für alle anderen. „Auch Versandhändler müssen beraten und sichere Produkte verkaufen“, so Behrendt. Sie schränkt allerdings ein, dass die Beratungsleistung der Versandhändler in Tests schlecht abschneidet. Verbraucher sollten die Beratung der Versandhandelsapotheken „aktiv einfordern“. Ein gutes Indiz für seriöse Händler sei das orangene Logo des Deutschen In­stituts für Medizinische Dokumentation und Information: „Dimdi“. unter www.dimdi.de kann jeder überprüfen, ob ein Versandhändler hierzulande zugelassen ist.