Firmengründer im Ruhrgebiet erobern alte Konzernstandorte

Ulf Meinke
TAS-Chef Thomas Siepmann (links) und G Data-Gründer Kai Figge beim Interview im Sanaa-Gebäude auf dem Essener Zollverein-Gelände.
TAS-Chef Thomas Siepmann (links) und G Data-Gründer Kai Figge beim Interview im Sanaa-Gebäude auf dem Essener Zollverein-Gelände.
Foto: Volker Hartmann
Interview mit erfolgreichen Firmengründern aus dem Revier: G-Data-Gründer Kai Figge und TAS-Chef Thomas Siepmann gehören einer neuen Generation an.

Essen. Kai Figge (50) und Thomas Siepmann (49) gehören zu einer Generation erfolgreicher Gründer aus dem Ruhrgebiet. Figge hat vor 30 Jahren angefangen – heute ist sein Bochumer Unternehmen G Data ein führender Entwickler von Anti-Viren-Software. Siepmann begann vor 25 Jahren. Seine Firma TAS gilt als feste Größe unter den Marketing-Agenturen im Revier. Im Doppel-Interview mit Ulf Meinke sprechen Figge und Siepmann über das Gründen ohne Uni-Abschluss, Sicherheitsdenken und die Stärken der Region.

Wie wird man Firmengründer?

Figge: Aus Begeisterung an einer Sache. Als 1985 der Atari ST vorgestellt worden ist, waren wir fasziniert. Für den Computer wollten wir Software machen. Die Anfänge waren ganz klassisch in einer Garage. Mit 5000 Mark, geliehenes Geld von meinen Eltern, haben wir uns einen Computer, einen Drucker und Software gekauft.

Kommt Ihnen etwas bekannt vor, Herr Siepmann?

Siepmann: Bei uns ging es auch mit 5000 Mark los, allerdings hat mir das Geld meine Oma geliehen und wir haben eine kleine Wohnung in Essen-Rüttenscheid angemietet. Die Triebfeder war auch Begeisterung, in unserem Fall für Frisbee, Skateboards und BMX, die Trendsportarten dieser Zeit.

Generell sind die IT- und Kreativwirtschaft Branchen, in denen das Ruhrgebiet Nachholbedarf hat. Warum eigentlich?

Figge: Schwer zu sagen. Viele Stärken, die das Ruhrgebiet hat, sind einfach zu wenig sichtbar. Berlin ist ein Magnet für Kreative, das Ruhrgebiet ist es nicht. Wir gelten immer noch als Region der Zechen- und Stahlbarone. Das Marketing des Ruhrgebiets hat es bislang nicht geschafft, das Bild zu modernisieren.

Siepmann: Wir sollten vielmehr bekannt machen, was sich im Ruhrgebiet getan hat. Es muss ja nicht gleich eine große Image-Kampagne sein, aber schön wäre es natürlich schon, einen Nachfolger für „Ein starkes Stück Deutschland“ zu finden. Es gibt ja gute Beispiele für funktionierende Kreativquartiere. In der ehemaligen Coca-Cola-Zentrale in Essen arbeiten wir Tür an Tür mit rund 60 weiteren Unternehmen, viele davon aus der PR- oder Internetszene.

Aber der Mittelstand ist im Ruhrgebiet unterrepräsentiert. Liegt das auch an den Konzernen, die jahrzehntelang die Region dominiert haben? Eine Festanstellung bei RWE, Ruhrgas, Thyssen-Krupp oder im Bergbau war für viele Fachkräfte augenscheinlich attraktiver als eine Firmengründung mit ungewissem Ausgang.

Siepmann: Dass die Konzerne die Mentalität im Ruhrgebiet mitgeprägt haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem verfügt das Revier über einen starken Mittelstand. Die Zusammenarbeit von Konzernen und Mittelstand bietet natürlich auch Chancen.

Figge: Das Sicherheitsdenken ist auch in unserer Generation weit verbreitet. Meine Eltern haben mich noch vor zehn Jahren gefragt: Willst du nicht mal etwas Sicheres machen, vielleicht bei der Stadt anfangen?

G Data zählt jetzt 470 Beschäftigte, 360 davon in Bochum. Sie sind Nummer drei der Anti-Viren-Softwarebranche in Deutschland und verbuchen jährlich rund 40 Millionen Euro Umsatz. Finden Sie angesichts dieser Größe noch genügend Fachkräfte in der Region?

Figge: Eine sehr wichtige Rolle spielt für uns die Ruhr-Uni in Bochum. Wir arbeiten eng mit dem Studiengang IT-Sicherheit zusammen und können immer wieder Fachkräfte aus dem Kreis der Absolventen rekrutieren.

Aber selbst haben Sie kein Studienabschluss.

Figge: Das stimmt. Ich habe G Data ja im Alter von 20 Jahren gegründet – da war keine Zeit ein Informatikstudium zu beenden.

Siepmann: Die Uni habe ich auch nur einen Tag lang von innen gesehen. Ich finde, die beste Schule ist ohnehin das Leben. Wir stellen auch heute viele Quereinsteiger ein. Handwerker, Webdesigner oder Dramaturgen zum Beispiel. Eine akademische Ausbildung ist gut, aber auch nicht das Nonplusultra.

Als Unternehmen haben sich G Data und TAS die Gebäude etablierter Unternehmen erobert. G Data residiert auf einer Fläche aus der Bergbau-Ära, TAS ist in der ehemaligen Coca-Cola-Hauptverwaltung. Ein Zufall?

Siepmann: Ganz sicher nicht. Das Ruhrgebiet ist die Region in Deutschland mit den meisten Bühnen, die neu bespielt werden können – Orte, die eine Geschichte haben und an denen man neue Geschichten erzählen kann. Das Potenzial ist bundesweit einzigartig.

Der G Data-Sitz befindet sich in Nachbarschaft zum Opel-Gelände. Wäre ein Wechsel auf das ehemalige Werksgelände eine Option?

Figge: Wir haben gerade erst das Areal rund um unsere Hauptverwaltung gekauft und modernisieren mit hohem Aufwand unsere Gebäude, was übrigens eine Operation am offenen Herzen ist, denn der tägliche Betrieb geht ja weiter. Grundsätzlich ist die Opel-Fläche natürlich interessant, wenn unser Bedarf wachsen sollte.

Was halten Sie von der Diskussion, die Opel-Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen?

Figge: Da bin ich skeptisch. Ich habe eine große emotionale Bindung an den Standort und bin viele Jahre lang fast jeden Tag am Opel-Schild vorbeigefahren. Dass nun die Abrissbagger rollen, ist bitter. Aber wir sollten die Veränderung als Chance sehen, etwas Neues entstehen zu lassen.

Siepmann: Auch als Coca-Cola Essen verlassen hat, waren alle geschockt. Mittlerweile sind auf dem Gelände wieder jede Menge Arbeitsplätze entstanden. Wenn man hier geboren wurde, hat man in der DNA, dass man sich alle zwei, drei Jahre neu erfinden muss, auch als Unternehmen. Mein Eindruck ist: Wandel fällt den Leuten im Ruhrgebiet leichter als anderswo.