Die Steag hält an Gas, Kohle und der Atomkraft fest

Tobias Bolsmann u. Thomas Wels
Joachim Rumstadt sieht große Möglichkeiten bei Investitionen in Windkraftanlagen. Doch auch den Bau von konventionellen Kraftwerken hält der Steag-Geschäftsführer für wichtig, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten. Foto: Matthias Graben
Joachim Rumstadt sieht große Möglichkeiten bei Investitionen in Windkraftanlagen. Doch auch den Bau von konventionellen Kraftwerken hält der Steag-Geschäftsführer für wichtig, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten. Foto: Matthias Graben
Foto: WAZ FotoPool
Vor einem Jahr übernahm ein Konsortium aus sieben Ruhrgebiets-Stadtwerken die Mehrheit beim Essener Energieversorger Steag. Joachim Rumstadt, Vorsitzender der Steag-Geschäftsführung, zieht eine Bilanz und spricht über den Umbau des Konzerns.

Essen. Die Steag soll grüner werden. Wie soll der Umbau aussehen?

Joachim Rumstadt: Unsere Strategie bis 2020 setzt Schwerpunkte bei den Erneuerbaren Energien. Wir sehen große Möglichkeiten für Investitionen in Windparks, etwa in Rumänien und in der Türkei. In den Ländern kennen wir uns aus.

Hilft die Energiewende beim Umbau?

Joachim Rumstadt: Sie hat uns zusätzlichen Schub gegeben. Die Neuordnung der Energiewirtschaft mit mehr dezentraler Erzeugung kommt den Kommunen entgegen. Die Steag will sich auch als „der“ Dienstleister und Projektentwickler für die 800 bis 1000 kommunalen Unternehmen in Deutschland etablieren.

Welche Anlagen planen Sie in Deutschland?

Joachim Rumstadt: Einerseits Windkraftanlagen. Gelsenkirchen-Scholven war unser Erstlingswerk. Und wir entwickeln weitere Projekte auf den Bergehalden in der Region. Außerdem sind wir einer der größten Drei in der Biomasseverstromung. Und wir schauen auf den Offshore-Windmarkt. Spannend ist, wie diese Windparks gewartet werden. Wir könnten technischer Partner werden bei Projekten, die Instandhaltung vor Ort mit eigenen Versorgungsschiffen beinhalten.

Heißt das, dass die Mittel Ihrer Investitionsplanung, 400 Millionen Euro für 2012 und 500 Millionen Euro für 2013, komplett in Erneuerbare fließen?

Joachim Rumstadt: Nein, schwerpunktmäßig in erneuerbare, aber auch in konventionelle Anlagen. Wir müssen für die konventionellen Werke auf Basis von Kohle und Gas massiv Geld in die Hand nehmen, zum Beispiel um Walsum 10 fertig zu stellen und den Kraftwerkspark auf lange Sicht zu erhalten. Etwa in Herne. Dort investieren wir 20 Millionen Euro, um den Standort, der eine Schlüsselfunktion in der Fernwärme hat, zu stärken.

Sie halten also an Kohle und Gas fest?

Joachim Rumstadt: Ja. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist völlig klar, dass in Zukunft auch in Deutschland Kohle- und Gaskraftwerke gebaut werden müssen. Auch wir planen weitere konventionelle Anlagen. Dafür haben wir genehmigte Standorte.

Steigt deshalb der Anteil der Erneuerbaren am Umsatz nur von 9 auf 12 Prozent bis 2016?

Joachim Rumstadt: Unsere Zahlen werden wir im Frühjahr vorstellen. Aber zur generellen Erläuterung: Das Energiegeschäft war und ist ein langfristiges. Auch Windkraftanlagen muss man planen, bauen und ans Netz bringen. Es gibt also einen Zeitraum, in dem diese Anlagen noch nicht am Umsatz beteiligt sind. Die neue Steag bauen wir jetzt auf, die Umsatzverteilung wird sich erst bis zum Jahr 2020 deutlich verändern.

Woher nehmen Sie das Geld für den Konzernumbau? Sie haben ein passables Ergebnis 2011. 440 Millionen Euro. Aber das sinkt der Planung zufolge auf 320 Millionen in diesem Jahr und 360 Millionen in 2013.

Joachim Rumstadt: Unsere Geschäftszahlen publizieren wir wie gesagt im Frühjahr, daher können wir auch Ihre Zahlen nicht kommentieren. Wir können jedoch heute schon sagen: Das operative Geschäft 2011 ist gut gelaufen. Das war keine Selbstverständlichkeit. Auch die Erwartungen unserer kommunalen Anteilseigner hinsichtlich der Ausschüttung werden wir erfüllen. Bei Investitionen können wir auf die laufenden Einnahmen zurückgreifen oder Gelder von Anlegern einwerben. Es gibt ein großes Interesse von institutionellen Anlegern wie Versicherungen, die weg von Staatsanleihen hin zu Infrastruktur gehen.

Wie entwickelt sich die Auslastung ihrer konventionellen Kraftwerke?

Joachim Rumstadt: Bei dieser Witterung sind alle am Netz. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass die Zahl der Betriebsstunden bei Gas- und Kohlekraftwerken sinkt. Das liegt am Einspeisevorrang für Wind und Sonne.

Außerdem verhageln Ihnen die Kohlepreise, der CO2-Zertifikatehandel sowie der Ausbau der Erneuerbaren das Geschäft mit Kohlekraftwerken.

Joachim Rumstadt: Die Gewinnspanne bei der Kohleverstromung ist unter Druck. Außerdem haben wir einige Langfristverträge, vor allem mit RWE. Die laufen zum großen Teil Ende 2012 aus. Wir stellen uns darauf ein, unsere Kraftwerke neu zu positionieren. Das kann auch den Auslaufbetrieb einzelner Blöcke bedeuten. Deshalb haben wir unser Fünf-Punkte-Programm gestartet, um Kosten zu senken und neue Geschäftsaktivitäten zu entwickeln.

Auch die Atomsparte sorgt für Diskussionen. Haben Sie den Auftrag vom Aufsichtsrat, diese Aktivitäten zu verkaufen oder ist es nur ein Prüfauftrag?

Joachim Rumstadt: In der Nuklearsparte bieten wir exzellente Ingenieursleistungen an, gerade für den Rückbau von atomaren Anlagen. Nach Fukushima haben wir dafür im Aufsichtsrat große Unterstützung bekommen. Wir werden Nuclear Technologies behalten.

Was ist mit Ihrem Anteil am Zwischenlager Ahaus?

Joachim Rumstadt: Beim Zwischenlager Ahaus schauen wir, ob es von strategischer Relevanz ist. Sowohl von der Größenordnung als auch von der Perspektive ist es das nicht. Deshalb prüfen wir, wie wir mit Ahaus umgehen.

Wann kommt Walsum 10 ans Netz und was bleibt an Kosten für die Verzögerung an der Steag hängen?

Joachim Rumstadt: Walsum 10 wird ein Erfolg. Trotz der Pannen unseres Generalunternehmers mit dem fehlerhaften Kessel. Wenn es im Herbst 2013 ans Netz geht, werden wir eines der modernsten Kraftwerke in Europa haben. Mindestens. Allerdings ist der Schaden doch beachtlich.

Bekommt die Steag einen kommunalen Beirat?

Joachim Rumstadt: Wir finden es gut, wenn man die Interessenvertreter aus den beteiligten Städten einbezieht. Jetzt stellt sich die Frage, welche Größe und Aufgaben dieser Beirat bekommt und wo er angesiedelt ist.