Die Krise der Stromriesen ist ein Absturz mit Ansage

Thomas Wels
Der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann senkte 2011 den Daumen.
Der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann senkte 2011 den Daumen.
Foto: Bernd Thissen/dpa
Als der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann 2011 symbolisch den Daumen senkte, nahm er mit dieser Geste unfreiwillig den Niedergang der Stromkonzerne vorweg, die Stadtwerke folgten ihnen. Sie alle nahmen die Energiewende nicht ernst und müssen jetzt mit den wirtschaftlichen Konsequenzen klar kommen.

Essen. Jürgen Großmann war schon immer ein Freund symbolträchtiger Bilder. Da zwängte sich der Zwei-Meter-Hüne in einen Elektro-Smart oder blies für die Fotografen mit dicken Backen ein Windrad an. Im Februar 2011 produzierte der Manager und Stahlunternehmer aus Mülheim jedoch ein Foto, das dem zweitgrößten deutschen Energiekonzern RWE und seinen Anteilseignern, vor allem den Ruhrgebietsstädten, als Zäsur gelten darf. Der Anfang vom Niedergang.

Großmann wollte eigentlich das beste betriebliche Ergebnis in der Geschichte von RWE feiern, 7,7 Milliarden Euro – und vermasselte dann alles mit dem Satz eines Alpinisten und der Geste eines nach unten zeigenden Daumens. „Wir befinden uns auf dem Gipfel, von dort geht es in alle Richtungen erst einmal bergab.“ Da wussten dann auch die Letzten, dass es zu Ende geht mit den guten Zeiten bei RWE. Der Aktienkurs brach um sechs Prozent ein. Es war ein vergleichsweise leiser Vorbote der heranrollenden Flut aus erneuerbaren Energien, die die Großhandelspreise für Energie drücken und das Geschäftsmodell von RWE hinwegspülen sollte.

1,2 Milliarden Euro für die Steag

Einige Tage später. Der Chemiekonzern Evonik und eine Gruppe aus sieben Ruhrgebietsstadtwerken unterzeichnen den Vertrag zur Übernahme der Mehrheit am fünftgrößten deutschen Stromerzeuger, der Steag aus Essen. Insgesamt 1,2 Milliarden Euro wollen die Stadtwerke aus Essen, Duisburg, Oberhausen, Dortmund, Bochum und Dinslaken auf den Tisch legen. Sie freuten sich, „Steag in die Zukunft zu führen“. Der Deal war umstritten. Auch den Stadtwerken war nicht verborgen geblieben, dass das Geschäft schwieriger werden würde. Steag besitzt viele Steinkohlekraftwerke in NRW. Und eine Reihe von Anlagen in der Türkei, in Kolumbien, auf den Philippinen.

Es waren damals goldene Zeiten, Stadtwerke machten sich auf, die großen Konzerne anzugreifen. Die Zinsen waren schon damals niedrig, für kommunale Kredite zumal. Es war nicht die Zeit für Bedenkenträger, schon gar nicht für solche, die sich fragten, was ein Stadtwerk aus Dinslaken oder Dortmund in Kolumbien zu suchen hat. Heute müssen die Stadtoberen froh und dankbar sein über das ordentlich laufende Auslandsgeschäft der Steag. Sonst sähe es ganz düster aus.

RWE muss knapp fünf Milliarden Euro abschreiben

Damals, im Februar 2011, lagen die Großhandelspreise bei 55 Euro. Das ist für Stromerzeuger die Währung für gute Geschäfte. Nun muss man wissen, dass ein Euro Großhandelspreis bei RWE 200 Millionen Euro Umsatz ausmacht. Es ist die Faustformel des Schreckens. Heute liegt der Preis bei 37 Euro. Das ist der Grund, warum RWE 2013 knapp fünf Milliarden Euro an Vermögenswert abschreiben musste. Und das ist auch der Grund, warum gerade ein Kraftwerk nach dem anderen eingemottet wird. Die Großanlagen bringen kein Geld mehr.

Eine der Absonderheiten der Energiewende ist, dass die Bürger nichts von den sinkenden Preisen haben. Im Gegenteil: Sie müssen die Differenz zwischen Börsenpreis und der festgelegten Einspeisevergütung für die Erneuerbaren zahlen – je stärker der Preis fällt, desto höher die Differenz und die Belastung der Verbraucher. 220 Euro kostet das eine vierköpfige Familie im Jahr.

Energiewende ist ein Klumpenrisiko für die Städte

Alles hängt mit allem zusammen, besonders im Ruhrgebiet. Hier gerät die Energiewende zum regelrechten Klumpen-Risiko. Städte wie Essen, Dortmund, Bochum oder Mülheim besitzen Aktien von RWE. Und leiden mit dem Energieriesen. Alle Kommunen, die zusammen auf knapp 25 Prozent Anteil kommen, erhalten statt 350 Millionen 2013 nur noch 175 Millionen Euro Dividende, die von zwei Euro je Aktie auf einen halbiert wurde. Für die Dortmunder Stadtwerke DSW 21 heißt das: 19,4 Millionen Euro weniger, für Essen 19 Millionen, für Mülheim zehn Millionen. Und für 2014, wenn RWE wegen der Abschreibungen in die roten Zahlen rutscht, dürfte die Dividende erneut sinken. In Konzernkreisen wird mit nur noch 70 Cent gerechnet.

Immerhin, noch bekommen die Kommunen etwas aus ihren Beteiligungen. Aber was heißt das schon, wenn man die Haushalte mit den Dividenden von früher kalkuliert hat. Bei der Steag sind Investitionen dringend nötig, sonst bluten die Ausschüttungen an die Stadtwerke den Konzern aus. Aber woher nehmen? Hinzu kommt: Viele Kommunen haben sich längst noch nicht ehrlich gemacht, was den Wert ihrer RWE-Aktien angeht. Zu knapp 80 Euro stehen sie in den Bilanzen, wert sind sie aber nur noch 28 Euro.

Entsetzen bei den Stadtwerken

Der Städte- und Gemeindebund nennt die Situation im Revier „dramatisch“. Ivo Gönner, Präsident des Verbandes Kommunaler Unternehmen, spricht von einem „ernsten Problem“. Manche Stadtwerke „müssen ihren Städten den Nahverkehr vielleicht demnächst vor die Tür stellen und sagen: Zahlt selbst.“

Mancherorts ist die Hoffnung gar in blankes Entsetzen umgeschlagen. 23 Stadtwerke haben sich 2008 gemeinsam mit RWE für den Neubau des Kohlekraftwerks in Hamm mit dem niedlichen Namen Gekko entschieden, darunter die Dortmunder und die Bochumer. Seit zwei Jahren sollte die Anlage Strom liefern, eine Pannenserie verzögert den Start bis heute, der Preis ist auf 2,4 Milliarden Euro gestiegen.

Gekko ist eine Geldverbrennungsanlage

Gekko ist zur Geldverbrennungsmaschine geworden. Selbst wenn das Kraftwerk läuft, wird es etwa die DEW 21 jedes Jahr 15 Millionen Euro kosten. Das Trianel-Kraftwerk in Lünen, ebenfalls ein Stadtwerkverbund, wird im ersten Betriebsjahr 100 Millionen Euro verlieren. Beteiligt am Millionen-Grab sind die Stadtwerke Herne, Witten und Bochum. Es ist ein kommunaler Geleitzug an Steinkohlekraftwerken, der sich nach 2006 an die Neubau-Offensive des RWE gehängt hat. Der Konzern wollte damals mit Investitionen von 15 Milliarden Euro in Gaskraftwerke sowie Stein- und Braunkohleblöcke in eine Versorgungslücke springen. Daraus wurde nichts. Die Strategie war viel zu einseitig, sie nahm die Energiewende nicht ernst. Hätten die Manager die enormen Zuwächse der Erneuerbaren erkennen müssen? Ein Energiemanager meint, ab 2008 hätte „sehen können, wer sehen wollte“.

Versicherungsprämie für Kraftwerke

Richten muss es nun wieder der Staat. Und der Stromkunde. Die SPD im Land ist alarmiert. Sie wird sich dafür einsetzen, den Unternehmen eine Gebühr zu zahlen, damit sie Reservekraftwerke bereitstellen. Die Lobby hat dafür den Begriff einer Versicherungsprämie für die Versorgungssicherheit erfunden. Falsch ist das nicht, schließlich scheint nicht immer die Sonne und auch der Wind hört mal auf zu blasen. Eine neue Subvention und Belastung für Verbraucher bleibt es dennoch. Energieminister Gabriel will sie noch 2014 beim Thema „Kapazitätsmärkte“ in Angriff nehmen.

Als Jürgen Großmann im Februar 2011 auf dem Gipfel stand, hatte er schlechte Talsicht. Wie steil es bergab gehen würde, hat er sicher nicht erwartet. Immerhin kaufte er im März 2010 für 3,5 Millionen Euro RWE-Aktien zu 62 Euro das Stück. Heute ist das Papier 28 Euro wert.